Erst seit 2006 profitiert Deutschland vom Euro - seit andere Länder abstürzen

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Europa : Die Mär vom Euro-Gewinner Deutschland

Schließlich stiegen sowohl die deutschen Gehälter und der Lebensstandard in den anderthalb Dekaden seit Mitte der 90er Jahre so gut wie nicht an. Das steht in scharfem Kontrast zur Entwicklung in Südeuropa, Großbritannien, eigentlich in einem Großteil der restlichen Welt außer Japan. Selbst wenn man das Jahr 1995 als Vergleichszeitpunkt wählt, als sich die Kosten der Wiedervereinigung am stärksten bemerkbar machten, hat die deutsche Volkswirtschaft prozentual deutlich weniger zugelegt als andere Mitgliedsstaaten. Vielleicht am wichtigsten ist, dass Deutschlands Staatsverschuldung mit 82 Prozent des BIP höher ist als die der meisten Euro-Zonen-Länder, auch wenn sie prozentual etwas geringer ist als die in Frankreich und deutlich geringer als die von Portugal, Italien, Irland und Griechenland.

Dennoch leiht Deutschland Regierungen und Banken in der Euro-Zone Geld und bürgt für deren Kredite – Kredite und Bürgschaften, die letztlich großenteils abgeschrieben werden müssen, abgesehen von kleineren Summen jedoch noch nicht als Verbindlichkeiten in der deutschen volkswirtschaftlichen Bilanz verbucht worden sind. Sinn zufolge betragen die deutschen Verbindlichkeiten im Moment über 700 Milliarden Euro, etwa ein Drittel der gesamten deutschen Verschuldung von 2,09 Billionen Euro. Sollte Deutschland jemals für diese Verbindlichkeiten eintreten müssen, könnte die deutsche Staatsverschuldung schnell das Niveau der portugiesischen oder italienischen erreichen – im schlimmsten Fall könnte sie weit über 110 Prozent des BIP hinausgehen. Deutsche Politiker stellen solche Szenarien derweil noch als Angstmacherei dar, tatsächlich glaubt kaum einer im Bundestag mehr daran, die Kredite ließen sich irgendwann noch einmal komplett zurückzahlen.

Der Euro, so scheint es, führte zu einem Abfluss deutschen Kapitals, das dann bis 2008 das Wachstum in Südeuropa befördert hat. Bis dahin war das deutsche Wirtschaftswachstum schlechter als das aller anderen Länder in der Euro-Zone mit Ausnahme von Italien. Seit 2008 geht es Deutschland besser, insgesamt aber war Deutschland in den letzten 15 Jahren eine der schwächsten Volkswirtschaften in Nord- und Mitteleuropa. Deutschland war der Verlierer, nicht der Gewinner des Euro.

Seit 2006 hat Deutschland vom verlorenen Vertrauen in das südliche Europa profitiert, von der außereuropäischen Nachfrage nach deutschen Gütern und von einer leicht steigenden Binnennachfrage. Diese Vorteile aber sind fragil und werden schnell von den explodierenden Zahlungen an die PIIGS-Länder (Portugal, Italien, Irland, Griechenland und Spanien) aufgefressen. Die Folgen für die öffentlichen Haushalte und die Binnen- und Außenhandelsnachfrage könnten dramatisch sein.

Die ehemaligen Goldman-Sachs-Banker Monti und Draghi sowie der spanische Premier und Frankreichs Präsident Hollande haben nun die Festtafel ver- und den deutschen Zahlmeister mit der Rechnung zurückgelassen. Der englische Premier und US-Präsident Obama beruhigen ihrerseits die eigenen Bankchefs, bei denen beide – wie einst Tony Blair – später womöglich lukrative Beraterverträge erhalten. Der letzte EU-Gipfel lehrte die deutsche Öffentlichkeit, dass Deutschland offenbar kein souveräner Staat ist, das heißt frei und fähig, die eigenen Interessen nach Maßgabe des Volkswillens und der eigenen Stärke international zu vertreten.

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