Leserbriefe : Im Spiegel des sozialen Wandels

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„Eine Säuberung der Geschichte“

von Martin Sabrow vom 23. März

In seiner Position wiederholt der Autor eine Wandersage, die mit der geschichtlichen Wahrheit nichts zu tun hat: Wolfsburg, die Stadt, aus der der Volkswagen kommt, habe ihren Namen Adolf Hitler zuliebe bekommen. Sabrow beklagt „das Skandalon jener niedersächsischen Volkswagenstadt … die heute noch Hitlers nom de guerre und Selbstbild ungerührt als ,Wolfs Burg‘ in die Welt trägt“.

In Wirklichkeit trug die Retortenstadt, die ab 1938 aus dem Nichts heraus auf den Äckern eines vorher den Grafen Schulenburg gehörenden Großgrundbesitzes erbaut wurde, bis zum Kriegsende den Namen „Stadt des KdF-Wagens bei Fallersleben“. Die amerikanische Besatzungsmacht, die am 11. April den Ort eingenommen hatte,begann sofort mit der Entnazifizierung und mit der Einrichtung demokratischer Strukturen. Alle an die NS-Zeit erinnernden Symbole sollten schnell entfernt werden. Die neue Stadtverordnetenversammlung beschloss deshalb in ihrer ersten Sitzung am 25. Mai 1945, den NS-Namen gegen „Wolfsburg“ zu tauschen – den Namen, den das Schloß der Grafen Schulenburg seit dem Mittelalter getragen hatte.

Die Geschichte der Stadt Wolfsburg, neben Eisenhüttenstadt („Stalinstadt“) die einzige Planstadt der neuesten deutschen Geschichte, ist als Spiegel des sozialen Wandels interessant genug. Sie hat sich mit ihrer NS-Vergangenheit seit langem auf vorbildliche Weise auseinandergesetzt.

Das Deutsche Historische Museum hat Wolfsburg und Eisenhüttenstadt 1997 in einer großen Vergleichsausstellung als Orte der Erinnerung gewürdigt.

Prof. Dr. Christoph Stölzl,

Berlin-Zehlendorf