Männer : Das entehrte Geschlecht

Der Mann ist nicht mehr zeitgemäß: Der Publizist Ralf Bönt plädiert für eine neue Gleichberechtigung.

Ralf Bönt
Schulter an Schulter: Arnold Schwarzenegger und Sylvester Stallone in einem Krankenhaus in Los Angeles, wo sich beide einer Schulteroperation unterziehen mussten.
Schulter an Schulter: Arnold Schwarzenegger und Sylvester Stallone in einem Krankenhaus in Los Angeles, wo sich beide einer...Foto: rtr

Die Geschlechterdebatte ist an einem scheinbar toten Punkt. Junge Frauen wollen immer weniger vom Feminismus hören. Sie winken ab, wenn das Gespräch auf ihn kommt. Auf keinen Fall wollen sie noch mit dem Opferstatus in Kontakt kommen, der den Feministinnen anhängt. Lieber nehmen sie deren Errungenschaften als gegeben hin und steuern das Gespräch auf ihre Arbeit oder ihre Ausbildung, der sie natürlich nachgehen. Statt mangelnder Dankbarkeit kann man daraus lesen, dass diese Frauen die Entwicklung abschließen wollen, indem sie die Bedingungen, die zu Anfang der Bewegung herrschten, vergessen machen. Oft höre ich von einer jungen Frau auch, dass sie sich als Frau fühlen und nicht den Männern nacheifern möchte. Solche Sätze werden eher mit gesundem Selbstbewusstsein gesagt als mit dem Nachdruck einer Wut, die aus den Verhältnissen genährt sein könnte. Manche ältere Frauen reden vielleicht deshalb umso lauter vom Feminismus und fragen: Wie bleibe ich Feministin? Obschon jede soziale Bewegung natürlich ihr eigenes Ende zum Ziel haben muss, indem es ihren Grund eliminiert, wirken diese Frauen, als wollten sie die Frauenbewegung unter den Schutz von Revolutionshüterinnen stellen. Trotz mancher noch ausstehender Restarbeit am nichtmisogynen Sozialstaat wirken diese ewigen Streiterinnen verbissen, denn sie reden Fortschritte klein und blasen Defizite zu Monstern auf. Jüngst wendeten sie sich auch gegen ihre Geschlechtsgenossinnen. Laut schrien sie nach mehr Engagement und mehr Mut zum Entern der einflussreichen Positionen in Wirtschaft und Publizistik. In der Folge gibt es mittlerweile sogar Stimmen gestandener feministischer weiblicher Intellektueller, die sich nicht bevormunden lassen wollen. Es wurde sogar geklagt, der Feminismus mache mittlerweile unfrei. Das ist wirklich keine Kleinigkeit.

Dabei besteht tatsächlich ein kleines Risiko, erstrittene Selbstverständlichkeiten jetzt oder in Zukunft wieder zu verlieren. Zwar werden wir wohl kaum im 21. Jahrhundert eine Zeit ohne Frauenwahlrecht erleben, aber es gibt ein Problem in der weiteren Entwicklung einer Politik der freieren Geschlechter, die auch in die kleinste Einheit des Lebens weiter vordringen soll. Das Problem ist immer noch das alte: der Mann. Er macht bei der ganzen Sache nicht richtig mit. Dabei hat er heute noch mehr Gründe, selbst aktiv zu werden, als es immer schon Gründe gegeben hätte, den Sexismus zu seinem eigenen Thema zu machen. Die Nebengründe sind in Belangen der Lebensqualität von der Freizeitgestaltung über das Sexualleben bis hin zur emotionalen Gesundheit in der Familie angesiedelt.

Der Hauptgrund ist weniger leicht zu relativieren: Es geht um seine Lebenserwartung. Weil er falsch lebt, stirbt der Mann zu früh. Und das hat sich seit dem Zweiten Weltkrieg stetig verschärft. Man darf spitz behaupten: Der Mann fällt zunehmend aus der Zeit, die gekennzeichnet ist durch die Errungenschaften der Moderne. Statt daran voll teilzunehmen, ist der Mann durch seine Passivität in Bezug auf den Sexismus stetig abgewertet worden und wird heute gar qua Geschlecht verspottet. Seine Sexualität gilt in Nachrichten und Unterhaltung entweder als das Lächerliche oder gleich als das Böse schlechthin. Kaum eine Nachrichtensendung, kaum ein Fernsehkrimi kommt noch ohne Sexualdelikt aus. Eine mehrfache Kernschmelze in einem Atomkraftwerk oder das Ende arabischer Despotien rangieren in der Aufmerksamkeit hinter dem Sexualdelikt, hinter der Bedrohung, die der Mann für alle und jeden ist …

Heute kommt der werdende Vater zur Geburt seiner Kinder mit, aber sonst hat sich zwischen Biertrinken und Fußballgucken, diesen beiden effizientesten Zeitvernichtern, zu wenig verändert. Zeitvernichter werden von Menschen benötigt, die überflüssig sind. Offenbar ist der Mann am Wochenende und am Abend überflüssig. Am Tag macht er dafür weiter seine ihm zugewiesene Arbeit und tut so, als habe er keine Bedürfnisse, keine Wünsche und keine Beschränkungen. Seinen Körper, da sind sich nicht nur Mediziner einig, benutzt er wie sein Auto, seinen Rasierer oder eine Flachzange. Das hat fürchterliche Konsequenzen, nicht nur im Bett. Zum Arzt geht der Mann nicht. Wenn er krank ist, arbeitet er so lange wie möglich weiter, und gerne auch darüber hinaus. Damit zeigt er seine Leistungsfähigkeit besonders gut. Zur Vorsorge geht er schon gar nicht. Er wird schon nichts haben, denkt er, was so schlimm ist, dass er sich deswegen untersuchen und helfen lassen muss. So stirbt er früher als die Frau.

Schon in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts stellte der Demograf Marc Luy fest, dass in Klöstern kaum eine Differenz der Lebenserwartung für Frauen und Männer zu finden war. Ganz anders ist das im Rest der Bevölkerung: In Deutschland lebten Frauen vor dem Zweiten Weltkrieg zirka drei Jahre länger als ihre Männer, mittlerweile ist diese Zahl auf über sechs in den alten und sogar über sieben Jahre in den neuen Bundesländern angestiegen. In Russland wuchs der Unterschied nach dem Ende der Sowjetunion gar auf 14 Jahre. Das mag am Wodka liegen, am Alkohol. Ich habe in der Nähe Moskaus einmal gesehen, wie ein Dorf an einem schönen warmen Spätsommerabend aussieht: In Hauseingängen und Straßengräben schliefen die Volltrunkenen, auch auf der Straße selbst taten sie das, obwohl man schon als Fußgänger sehr leicht angefahren wird. Kein Mann war in einem nur halbwegs ansprechbaren Zustand. Das erinnerte an die Übertreibungen, die man in feministisch bewegter deutscher Belletristik findet. Dort kann man es wie ein Mantra immer wieder lesen: Der Mann säuft. Der saufende Mann ist Kultur, und gemeint ist: Unkultur. Also müssen wir fragen: Warum säuft der Mann eigentlich? 14 Jahre Differenz in der Lebenserwartung, auch sechs oder sieben Jahre sind schließlich zu viele.

Und die Pointe kommt noch: Wo Lebensgewohnheiten quasi gleich sind, unter Nonnen und Mönchen oder in israelischen Kibbuzim, gibt es diese Differenz nicht. Hier verschwinden die Unterschiede in der Lebenserwartung von Frauen und Männern fast ganz. Biologische oder gar genetische Gründe für das Zurückbleiben der Männer bei der sinkenden Sterblichkeit in Deutschland sieht Luy jedenfalls nicht. Man muss daher fragen: Kann man benachteiligter sein, als am wertvollsten Fortschritt der Menschheit, einer ständig steigenden Lebenserwartung und einer kaum je erträumten Gesundheit durch verbesserte Lebensumstände, nicht voll teilzuhaben? …

„Soweit ich meine Tanten überblicke“, sagte Marie-Luise Scherer in einer bewegenden Rede in der Berliner Akademie der Künste im Sommer 2011, „war jede eine Herrscherin, die ihren Mann mehr ertrug, als dass sie ihn liebte. Und wenn im Alter diese Männer nicht mehr aus der Küche wichen, nur noch im Wege saßen und ein Faktor der Unordnung waren, machten sie sich bald ans Sterben. Ich kannte keinen einzigen Witwer in der Verwandtschaft, nur Witwen, die sich in der Grabpflege überboten.“

Der Mann ist die ausgesetzte, die heimatlose Figur. Sein größter Trost ist das lässige Knacken der sich abkühlenden Auspuffanlage seines Wagens, der vor dem Reihenhaus darauf wartet, ihn wieder wegzubringen. Solange der Mann fährt, wird er von keinem direkt beansprucht. Sobald er anhält und aussteigt, hat er im Dienst der anderen zu stehen und zu funktionieren. Seit Urzeiten weiß er daher von sich selbst abzusehen. Den Impuls des Feminismus hat er aus dieser Gewohnheit heraus nicht genutzt, um auf die strukturelle, systematische Gewalt, die gegen ihn verübt wird, zu sprechen zu kommen. Lieber behandelt er sie wie eine Ehrung, als gelte es noch das Kolosseum in Rom zu betreten. Dort münzte er, wenn er am Ende des Tages noch am Leben war, den Furor der überstandenen Gefahr in erotische Anziehungskraft und sozialen Mehrwert um.

Das Bild, das der Mann von sich gemacht hat, ist noch immer das des Admirals Nelson: Am Ende der Schlacht von Trafalgar ließ sich der Engländer absichtlich erschießen, um als perfekter Held in die Geschichte einzugehen. Siegreich über Napoleons Flotte und dabei für das Vaterland gefallen, ins Vaterland eingefahren. Das ist die Vereinigung, die den Mann erlöst. Wer Nelson nicht mehr kennt, der nimmt Tom Simpson, den großen Toten der Tour de France. Bevor Simpson in der südfranzösischen Sauhitze als Spitzenreiter der Tour den Mont Ventoux hinauffuhr, kippte er noch schnell zwei Cognac. Einige Kilometer unterhalb des Gipfels, in der baumlosen Steinwüste mit ihrem gefürchteten Gegenwind, starb er. Heute erinnert eine Ehrentafel am Wegesrand an ihn, und Sportler aus aller Welt legen ihre Wasserflaschen ab oder was immer sie für angemessen halten, ihr Vorbild zu ehren. Jüngst warb der Hersteller von Rennsätteln mit einem Sauerstoffzelt, das mit dem Erwerb seines Produktes offenbar in Reichweite kommt: ein sprechendes Bild für den Platz des Mannes. Denn Mediziner bemängeln, dass Männer entweder zu wenig Bewegung haben oder beim Sport übertreiben. Immer schaden sie sich, als gelte es, den Körper nicht zu lieben, sondern ihn gleichzeitig zu ignorieren und aus ihm zu holen, was drin ist.

Als Frauen sich gegen die rigiden Rollen zur Wehr zu setzen begannen, hat sich der Mann aber nicht gegen seine gewandt und mehr Freiheit gefordert. Stattdessen hat er sich nach langem Warten nur heruntergebeugt, um zu beteuern, wie unnachgiebig er der Frau im Kampf gegen ihn selbst helfen wird. Deshalb ist er heute das entehrte Geschlecht, das alberne Genital. Wenn er nicht gleich das gefährliche Geschlecht ist, das man bekämpfen muss, wo immer es auftritt. Wer sähe darin schon einen Widerspruch, solange es nur darum geht, gegen den Mann vorgehen zu können.

Die Zahl allein lebender Männer in Deutschland ist rasant angestiegen, allein zwischen 1996 und 2006 um 36 Prozent. Frauen leben allein, weil sie Witwen sind, Männer, weil sie ledig sind. Ihre Lebenserwartung ist noch geringer als die der Männer in Partnerschaft. Das verwundert nicht. Ich habe Männer gesprochen, die zur Physiotherapie gehen, um einmal angefasst zu werden. Manche mögen übervolle Busse oder stehen gerne im Gedränge von Diskotheken, weil sie dann Körperkontakt haben können. Das mögen Extremfälle sein, aber generell steht der Mann nicht im Mittelpunkt, wie man jahrzehntelang in feministischer Fixierung auf repräsentative Positionen behauptet hat. Er ist auch nicht bei sich oder frei oder gar so etwas Fantastisches wie selbstverwirklicht. Ohne andere, soweit haben wir die Mythen der Nachkriegszeit schon entzaubert, kann man sich ja eh nicht verwirklichen.

Am wenigsten frei sind vielleicht gerade jene im Rampenlicht Stehenden, die sogenannten Mächtigen, diese Handvoll Präsidenten und Kanzler und Minister und ihre paar hundert oder tausend Entscheider, die in der Hierarchie unter ihnen stehen. Statt bei sich, frei oder verwirklicht zu sein, was immer man unter diesen Adjektiven verstehen möchte, sind sie Funktionsträger. Wenn der Bundespräsident vom japanischen Kaiser oder vom Papst empfangen wird, dann wissen beide um das Protokoll. Sie mögen sich geschmeichelt fühlen, gehören aber ganz ihren Ämtern und freuen sich schon darauf, im Gästezimmer allein zu sein. So lange wie möglich müssen sie sich in einer Stellung halten, um einer Sache, einer Partei, einer Firma, einem Land, einer Armee, einer Fußballmannschaft und der Familie zu dienen. Das ist die Rolle des Mannes. Kein Wunder, dass er sich dreimal so oft selbst umbringt wie die Frau. In der Pubertät sind die Zahlen gar acht- bis zehnmal so hoch. Erleben diese Jungen und Männer dabei einen heroischen Moment à la Nelson, oder sind sie nur den Ekel vor einer Welt los, die sich ihrer von Geburt an bemächtigt hat?

Der große und grundlegende Irrtum unserer feministischen Zeit ist die Fantasie von der Freiheit eines klassisch maskulinen Lebensentwurfes, wie sie Simone de Beauvoir so aufwendig konstruiert hat. Sie folgte dabei den großen misogynen Autoren der Aufklärung. Es klingt böse, wenn man darauf hinweist, dass es sich nicht nur um das Verlangen nach Freiheit handelte, das hier den Stift führte, sondern auch um den Wunsch nach Teilhabe am Ruhm. Gegen diesen Wunsch ist aber nicht das Geringste einzuwenden. Man sollte nur nicht voraussetzen, dass Ruhm glücklich oder frei mache.

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