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© / Illustration: Martha von Maydell, mvmpapercuts.com

Tagesspiegel Plus

Ukraine und die Europäische Union: Warum wollt ihr uns einfach nicht?

Die EU war immer ein Ort der Hoffnung. Wird sie diesem Anspruch heute noch gerecht? Von der Antwort hängt auch für uns Ukrainer einiges ab. Ein Essay.

Von Tanja Maljartschuk

| Update:

Zum ersten Mal verschlug es mich 2007 in die Europäische Union, mit 24 Jahren. Damals war ich eingeladen, an einem Literaturfestival in Deutschland teilzunehmen, dessen Thema „Europa und die europäischen Werte“ lautete. Ich bastelte einen Text über etwas zusammen, das ich im Leben nicht gesehen hatte.

Vielleicht gefiel mein Essay deshalb allen so gut. Wir reisten von Stadt zu Stadt, hatten Lesungen, und überall fand sich jemand, der sich nach meinen ersten Eindrücken erkundigte. Ob Europa meine Erwartungen erfülle? Wie es sich anfühle, mit 24 Jahren zum ersten Mal die heilige Erde der Demokratie zu betreten? Ich gab ehrlich zu, noch nie so saubere öffentliche Toiletten gesehen zu haben.

In Frankfurt fuhr ich zum Flughafen mit dem Taxi, und die Taxifahrerin (es war eine Frau, auch das hatte ich noch nie erlebt) fragte mich, woher ich komme. Als sie hörte, dass ich aus der Ukraine sei, rief sie aus: „Amerika? Afrika? Asien?"“ – „Viel weiter weg. Viel weiter!“, antwortete ich halb im Spaß, halb verbittert.

Drei Jahre zuvor, am 1. Mai 2004, hatte die Europäische Union eine ganze Reihe von neuen Mitgliedern willkommen geheißen, gleich zehn Länder, die sich größtenteils im Einflussbereich der Sowjetunion befunden hatten. Selbst die Nachbarländer Polen und Ungarn waren der EU beigetreten, Länder, in die meine Mutter Ende der 1980er Jahre gefahren war, um Unterhosen und Bohnen zu verkaufen. Sie waren schon dort, sie hatten es geschafft. Von nun an würde es ihnen gut gehen.

„Und was ist mit der Ukraine?“, kreiste es in meinem Kopf. Wenn sich andere zusammenschließen, wird die eigene Einsamkeit besonders deutlich. Ich und alle meine Freunde waren traurig. Denn wenn Polen es geschafft hatte, konnte der Weg in die EU so unüberwindbar nicht sein. Wenn wir es nicht schafften, lag es also an uns. Vielleicht war es sogar diese Enttäuschung, die zur Antriebskraft für die wenige Monate später beginnende und im Januar 2005 endende Orangene Revolution wurde.

Eine neue Revolution kostete rund 100 Menschen das Leben

Die Ukrainer, die nicht daran glaubten, dass sie es verdienten, Teil der europäischen Demokratie zu werden, verteidigten voller Leidenschaft deren Grundwerte.

Etwas weniger als zehn Jahre vergingen, bis Präsident Wiktor Janukowytsch verkündete, das Assoziierungsabkommen mit der EU vorerst nicht zu unterzeichnen. Das löste eine neue, deutlich blutigere Revolution aus, die Janukowytsch von der Bildfläche verschwinden ließ und etwa 100 Menschen das Leben kostete.

Die meisten der damaligen Opfer unterschieden vermutlich nicht zwischen den Begriffen „Westen“, „Europa“ und „EU“. Der schwer fassbare Begriff „Würde“ nahm in ihrem Kampf einen zentralen Platz ein. Ich verstehe, um welche Würde es ihnen ging. Francis Fukuyama bezeichnet sie in seinem Buch „Identität“ nach altgriechischem Vorbild als dritten Teil der Seele, als irrationales Streben nach Gleichheit; ihretwillen erhoben sich die Amerikaner gegen die Sklaverei und stürmten die Franzosen die Bastille.

Doch ist der durchschnittliche EU-Bürger mit dieser Definition einverstanden? Für ihn bedeutet Würde, gesund zu sein, eine glückliche Beziehung zu führen und keine Geldsorgen zu haben. Für einen Ukrainer dagegen bedeutet Würde zuweilen, keine Angst zu haben, wenn ein Polizist vorbeigeht.

Dem Ukrainer fällt es schwer zu glauben, dass die EU in erster Linie als Wirtschaftsunion gegründet wurde. „Union von Stahl und Kohle“ – das klingt für ihn wie der Titel einer Fantasy-Serie. Vielleicht ist es diese Neigung, gesellschaftliche und politische Prozesse zu idealisieren und die ökonomische Komponente zu vernachlässigen, die das größte Hindernis auf dem Weg der Ukraine nach Europa bildet. Ich würde dieser These noch entschiedener beipflichten, stünden nicht russische Panzer an östlichen Grenze des Landes.

Die Realität in ihren radikalsten Ausformungen wahrzunehmen, ist eine weitere problematische Neigung der Ukrainer. Wenn nicht Sieg, dann Niederlage. Wenn nicht weiß, dann schwarz, schwärzer als die Nacht.

Es gibt nur Weiß oder Schwarz

Weiß ist Freiheit, Rechtsstaatlichkeit, Wohlstand, Zivilgesellschaft (wie im Westen). Schwarz ist Gewalt, Willkür, Machtmissbrauch, fehlende Achtung vor den Menschen (wie in Russland). Bei einer Podiumsdiskussion in Wien behauptete ich sogar, dass ich nicht an eine Demokratisierung Russlands glaube, weder in naher Zukunft noch in 100 Jahren. Mein ganzer Zorn brach aus mir heraus. Das Publikum erstarrte und stülpte sich die linksliberale Maske des Unverständnisses und des Tadels über, manche hatten sogar Mitleid.

Damals wurde mir bewusst, wie Gefühle dabei stören, gegenseitiges Verstehen mit jemandem zu entwickeln, der einer anderen Tradition entstammt. Ebenso wurde mir klar, dass es mir genau genommen egal war, ob Russland demokratisch wurde. Die Unzulänglichkeiten der anderen hervorzuheben, statt die eigenen zu überdenken, ist eine Falle des Verstands. Man gerät in eine Opferrolle. Leider ist es unglaublich schwer, die Regeln geistiger Hygiene zu befolgen, wenn man sich im Visier eines mächtigen Aggressors befindet.

Dieser Aggressor bestraft alle mit der Amputation eines Gebiets, die ihren Blick zur anderen Seite richten. Als erstes Transnistrien von Moldau (1991), dann Abchasien (1992) und Südossetien (2008) von Georgien. Die Taktik ist stets dieselbe: Ein Teil des Organismus wird gelähmt, um eine Vorwärtsbewegung zu verhindern.

Der jetzige Präsident ist proeuropäisch eingestellt

Mit dem Beginn des Hybridkriegs Russlands gegen die Ukraine, der Annexion der Krim und den Kriegshandlungen in den Regionen Luhansk und Donezk sind die Chancen der Ukraine auf einen EU-Beitritt so gering wie nie zuvor geworden. Für Entwicklung braucht es Ruhe. Diese Ruhe hat die Ukraine nicht. Deshalb pendelt sie weiter zwischen Schwarz und Weiß, Wahrheit und Unrecht, Ost und West, Sieg und Niederlage. Der Gesetzmäßigkeit der Pendelbewegung folgend, wäre bei den Wahlen im Jahr 2019 eine Revanche der prorussischen Kräfte zu erwarten gewesen.

Doch das trat nicht ein: Die Ukraine wählte mit Wolodymyr Selenskyj zwar einen russischsprachigen Komiker zu ihrem Präsidenten; dessen Programm ist aber eindeutig proeuropäisch. Die Spaltung in Schwarz und Weiß verlief erstmals mitten durch die Gesellschaft, ohne dass man das „böse“ Russland und das „gute“ Europa dafür hätte verantwortlich machen können. Auch das idealisierte Bild der EU bekam Risse. Der Begriff „tief betroffen“ wird in der Ukraine nur noch verwendet, um sich über die europäische Außenpolitik lustig zu machen.

Alledem zum Trotz würden neuesten Umfragen zufolge 60 Prozent der Ukrainer für einen Beitritt zur EU stimmen. Diese Zahlen brüllen in Leere, denn die Wahrscheinlichkeit eines derartigen Referendums ist gleich null. Noch nie war sich die Ukraine so einig in ihrem Votum für Europa und zugleich so weit von seiner Verwirklichung entfernt.

Grenzgebiet seit dem Mongolensturm

Mit diesem hoffnungslosen Unterton möchte ich mich auf eine gewagte Analogie einlassen. In der modernen Psychologie gibt es eine Persönlichkeitsstörung namens Borderline-Syndrom. Der Begriff Borderline hat mich unter anderem deshalb neugierig gemacht, weil er so gut zur Ukraine passt, diesem seit dem Mongolensturm ewigen Grenzgebiet. Darauf weist der führende ukrainische Psychoanalytiker O. Filz auch hin.

Die Borderline-Psyche entwickelt sich infolge schwerer Traumata und von Gewalteinwirkung in frühen Entwicklungsstadien. Sie ist nicht krank, aber auch nicht ganz gesund. Sich an äußere Umstände anzupassen, gelingt Borderliner hauptsächlich über den Schutzmechanismus der Spaltungsabwehr. Sie neigen dazu, bestimmten Ereignisse ausschließlich positive Eigenschaften zuzuschreiben, anderen nur negative, wobei ein und dasselbe Objekt nicht gut und schlecht zugleich sein kann. Die Borderline-Psyche kann sich nur schwer abgrenzen, und es ist schwer, eine Beziehung zu ihr aufzubauen. Bei der Ukraine ist es ähnlich.

Während sich im Westen eine liberale Nachkriegsdemokratie entwickelte, triumphierte in der von den Nazis verwüsteten Ukraine ein totalitäres Regime. Hatten wir die Möglichkeit, zu anderen, weniger problembehafteten Menschen heranzuwachsen? Tragen nur wir selbst die Verantwortung für unsere Traumata? Manchmal scheint mir, als sei die Ukraine das Unterbewusstsein Westeuropas.

Ein dunkler Ort, aus dem hin und wieder die hungrigen Köpfe verdrängter Kreaturen auftauchen. Man hatte sie in eine Schatulle gesteckt, die Schatulle in eine Truhe gepackt, die Truhe in eine hohe Eiche irgendwo hinter den sieben Bergen gehängt – und so getan, als sei nie etwas gewesen. Und dennoch wurden in den Jahren der Nazi-Besatzung in der Sowjetukraine 3,5 Millionen Zivilisten ermordet. Ebenso viele Soldaten starben.

Die deutschen Besatzer – ein Trauma

Hitlers offener Plan, die Ukraine zu kolonialisieren und ihre Bevölkerung zu versklaven, veranlassten den Historiker Timothy Snyder bei seiner Rede im Deutschen Bundestag im Juni 2017 zu der Aussage: „Jeder Deutsche, der den Gedanken einer Verantwortung für den Holocaust ernst nimmt, muss auch die Geschichte der deutschen Besatzung der Ukraine ernst nehmen.“

Wehrhaft in hohen Absätzen.  Ukrainische Soldatinnen bei einer Militärparade. Dieses und ähnliche Bilder haben in der Ukraine Empörung ausgelöst - nun will der Verteidigungsminister neuer Schuhe  kaufen.
Wehrhaft in hohen Absätzen. Ukrainische Soldatinnen bei einer Militärparade. Dieses und ähnliche Bilder haben in der Ukraine Empörung ausgelöst - nun will der Verteidigungsminister neuer Schuhe kaufen.

© Ukrainian Defense Ministry Press Office/AP/dpa

Die Europäische Union zählt ihre Jahre seit März 1957, im selben Jahr wurde meine Mutter geboren. Das Licht der Welt erblickte sie aber auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs. Sie lernte den Westen erst vor kurzem kennen, als sie mich in Wien besuchte. Ich sah, wie sie erstarrte, als wir Schloss Schönbrunn umrundet hatten und plötzlich das Panorama der majestätischen Gloriette auf dem Hügel und der Park mit seinen Blumenbeeten vor uns auftauchten. Nie zuvor hatte meine Mutter etwas derart Schönes gesehen.

Nach ihrer Heimkehr war von der Gloriette und den Blumen jedoch keine Rede. Stattdessen erzählte meine Mutter, dass man in der österreichischen Hauptstadt panierte Fleischstücke in sich hineinstopfe (sie meinte Schnitzel), trocken, ohne Senf und ohne Ketchup. Und dass die U-Bahn viel langsamer fahre als in Kiew. Sie war gezwungen, das Gesehene abzuwerten, um sich vor einem Sturm widersprüchlicher Gefühle zu schützen. Als mir all das bewusst wurde, fiel es mir leichter, meine Mutter zu lieben.

Geht es uns allen am Ende des Tages nicht eigentlich um die Liebe? Die Liebe vermag auch zu heilen, man muss nur ein Beispiel geben, muss dem, der keine Liebe gekannt hat, zeigen, wie es geht. Die europäische Staatengemeinschaft ist auf den Ruinen des Zweiten Weltkriegs entstanden, als sein radikaler Widerspruch, als Antwort auf eine Katastrophe, verursacht von totalem Hass. Solange über der EU die Schatten der Vergangenheit hängen, ist ihre Mission noch nicht erfüllt.

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