zum Hauptinhalt
Autorität ist nicht das Gegenteil von Freiheit und Vernunft. In Zeiten, in denen Mündigkeit und Autonomie zum Maß aller Dinge werden, bleibt wenig Raum für alte Traditionen und Autoritäten. Das ist ein Irrweg.

© Illustration: Martha von Maydell

Tagesspiegel Plus

Ehrenrettung eines Begriffs : Autorität ist nicht das Gegenteil von Freiheit und Vernunft

In Zeiten, in denen Mündigkeit und Autonomie zum Maß aller Dinge werden, bleibt wenig Raum für alte Traditionen und Autoritäten. Das ist ein Irrweg.

Ein Essay von Sebastian Kleinschmidt

| Update:

Seit Langem schon grassiert im Westen von den Universitäten her eine Kultur der Zurückweisung. Die Liste dessen, was zurückgewiesen wird, ist lang. Man findet darauf die Ideen der Familie, der Nation und der territorialen Zugehörigkeit und auch die Idee der Autorität. Seit 250 Jahren gilt sie der Aufklärung als Zumutung und der Romantik als hehres Prinzip. Doch wie auch immer, sie ist ein Faktum der Kultur. Max Horkheimer nannte sie einmal „bejahte Abhängigkeit“.

Nehmen wir ein Segelschulschiff, eine Schonerbrigg. Zwei Masten, fünf Rahsegel, zehn Schratsegel. 120 Leinen, Fallen, Brassen und Schoten. 500 Quadratmeter Segelfläche. 30 Seekadetten, zehn Mann Stammbesatzung. Kapitän, Erster Offizier, Zweiter Offizier, Chief, Oberbootsmann. Alles Autoritäten, Respektspersonen. Hierarchische Staffelung der Weisungsbefugnisse. Sie haben Macht, aber sie haben auch Autorität. Glaubt einer, man könne ein solches Schiff segeln, ohne dass einer sagt, was zu tun ist? Wenn der Wind auffrischt, wenn er abflaut, wenn er dreht? Anluven oder Abfallen, Wenden oder Halsen? Stets muss das Richtige, das Notwendige getan werden. Und bevor es von vielen getan wird, gleichzeitig und Hand in Hand, wird es von einem angewiesen. Von dem, der den Überblick hat. Dessen Urteil Gewicht hat. Der in der Gefahr das entscheidende, das rettende Wort spricht. Autorität ist eine wundersame Macht des Menschen über den Menschen. Ihr Geheimnis ist, nie zu enttäuschen.

Man muss die Dinge nur beim Namen nennen, um einzusehen, dass die Behauptung, Autorität sei ein konservatives, gar reaktionäres Konzept, eine Chimäre ist. Der Ursprung des Verdachts liegt bei den französischen Aufklärern. Im Namen von Freiheit und Vernunft wandten sie sich gegen jede Art von Bevormundung. Doch selbst für sie trifft nicht zu, dass sie Autorität schlechthin ablehnten. In Band 1 der Enzyklopädie von 1791 unterscheidet der Philosoph Denis Diderot im entsprechenden Artikel zwischen politischer und literarischer Autorität. Erstere weist er zurück, letztere erkennt er an. Politische Autorität war ihm gleichbedeutend mit Usurpation, literarische gleichbedeutend mit Ansehensmacht.

Woran liegt es, dass der Begriff Autorität, trotz der Wirklichkeit und Wahrheit, die er sichtbar macht, so schlechte Karten hat? Es liegt am Zauber der Gegenbegriffe. Freiheit, Mündigkeit, Autonomie, Diskussion – wer wäre nicht dafür? Man könnte geradezu sagen: Die moderne Form von Autorität ist die Autorität der Antiautoritären. Der Politikwissenschaftler Dolf Sternberger war es, der als einer der Ersten schon 1959 von dem eingefleischten Missverständnis sprach, Autorität gänzlich im konservativen Denken und Empfinden anzusiedeln. Und so widmete er sich mit wahrhaft konfuzianischer Leidenschaft der Aufgabe, hier die Begriffe zu berichtigen.

Mit dem Hammer zerschlagen oder mit sicherer Hand auflösen

Ein erster Schritt dahin ist die Unterscheidung von „autoritär“ und „autoritativ“. Autoritär auftreten bedeutet die anderen gleichsam vormundschaftlich behandeln, sie in einer Position der Schwäche belassen. Autoritativ agieren hingegen heißt ihnen aus einer Schwäche heraushelfen, einer Schwäche des Wissens, des Tuns oder des Lassens. Sternberger verdeutlicht den Unterschied durch ein klassisches Gleichnis: Bei einer autoritären Entscheidung werde der Knoten zerhauen, bei einer autoritativen von sicherer Hand aufgelöst.

Der echte, gehaltvolle Begriff von Autorität sollte vom Autoritativen, nicht vom Autoritären her expliziert werden. So wie es der Altphilologe Richard Heinze 1925 in einem berühmten Aufsatz über die „auctoritas“ vorexerziert hat. Was lag, so fragte er, der allgemeinen Geltung der römischen „auctoritas“ zugrunde? Die Antwort lautete: „Ich denke, das Gefühl, dass nicht jeder alles, und besonders nicht alles allein versteht; der Respekt vor einer Persönlichkeit, in der überlegene Erfahrung, Sachkunde und Verantwortungsgefühl verkörpert sind, verbunden mit dem Wunsche, immer möglichst sicherzugehen; das Misstrauen gegen jede ‚Eingebung’; letzten Endes der nüchterne und klare, illusionsfreie Sinn des Römers für Zweckmäßigkeit des Handelns.“

Unterordnung und Einordnung entspringen durchaus der Freiheit, insofern Freiheit, wie Hegel nahelegt, Einsicht in die Notwendigkeit ist.

Sebastian Kleinschmidt

Der Passus zeigt, dass Autorität in ihrem wahren Wesen keineswegs, wie das Vorurteil bis heute suggeriert, Freiheit beeinträchtigt. Unterordnung und Einordnung entspringen durchaus der Freiheit, insofern Freiheit, wie Hegel nahelegt, Einsicht in die Notwendigkeit ist. Jegliches Ratsuchen und Ratgeben berührt die Gefilde der Autorität. Und dabei gilt: Niemand ist verpflichtet, Rat anzunehmen, auch dann nicht, wenn er darum gebeten hat. Er wird es stets nach eigenem, freiem Entschluss tun, sofern er davon überzeugt ist, damit seinen Zwecken zu dienen.

Von der freiheitsermöglichenden Autorität

Auch Hans-Georg Gadamer widersprach der Auffassung vom prinzipiellen Gegensatz zwischen Autorität und Freiheit. Worauf er den Akzent legte, war die bildende, Erkenntnis fördernde Wirkung von Autorität. Bildung im Sinne von Wilhelm von Humboldt: „Bilde dich selbst, und dann wirke auf andere durch das, was du bist.“ Gadamer verwies immer wieder aufs Lernen, darauf, das Lernen zu lernen. Dafür braucht es Vorbilder. In diesem Zusammenhang sprach er dezidiert von „freiheitsermöglichender Autorität“.

Die vielleicht beste Beschreibung des Autoritätsphänomens stammt von Georg Simmel. In seiner 1908 erschienenen Soziologie heißt es: „Was man z. B. ‚Autorität’ nennt, setzt in höherem Maße, als man anzuerkennen pflegt, eine Freiheit des der Autorität Unterworfenen voraus, sie ist selbst, wo sie diese zu ‚erdrücken’ scheint, nicht auf einen Zwang und ein bloßes Sich-fügen-Müssen gestellt. (…) Eine Persönlichkeit, an Bedeutung und Kraft überlegen, erwirbt bei ihrer näheren oder auch entfernteren Umgebung einen Glauben und Vertrauen, ein maßgebendes Gewicht ihrer Meinungen, das den Charakter einer objektiven Instanz trägt: Die Persönlichkeit hat eine prärogative und axiomatische Zuverlässigkeit für ihre Entscheidungen gewonnen, die über den immer variablen, relativen, der Kritik unterworfenen Wert einer subjektiven Persönlichkeit mindestens um einen Teilstrich hinausragt. Indem ein Mensch ‚autoritativ’ wirkt, ist die Quantität seiner Bedeutung in eine neue Qualität umgeschlagen, hat für sein Milieu gleichsam den Aggregatzustand der Objektivität angenommen.“

Ähnliches komme bei Institutionen zustande, nur in umgekehrter Richtung: Eine überindividuelle Potenz, Staat, Kirche, Schule, die Organisationen der Familie oder des Militärs, bekleideten von sich aus eine Einzelpersönlichkeit mit einem Ansehen, einer Würde, einer letztinstanzlichen Entscheidungskraft, die aus deren Individualität niemals erwachsen würde. „Die ‚Autorität’ (…) hat sich hier gleichsam von oben auf eine Person niedergelassen, während sie im ersteren Falle aus den Qualitäten der Person (...) aufgestiegen ist.“

Autorität ist kein Phänomen von gestern

Autorität so gesehen ist keineswegs eine Sache von gestern. Im Gegenteil: Wo sie nicht ist, fehlt etwas. Das Gleiche gilt von der Tradition. Auch hier pflegt die Aufklärung ein Vorurteil, das sich als Fehlurteil erwiesen hat. Und wieder war es Gadamer, der Licht ins Halbdunkel der Begriffe brachte. Tradition, sagt er, sei eine andere Form des Autoritativen. Das durch Überlieferung und Herkommen Geheiligte habe eine namenlos gewordene Autorität, und unser endliches geschichtliches Sein sei dadurch bestimmt, dass stets auch Autorität des Überkommenen – und nicht nur das aus Gründen Einsichtige – über unser Handeln und Verhalten Gewalt hat.

Tradition sei stets ein Moment der Freiheit und der Geschichte selber. Auch die echteste, gediegenste Tradition vollziehe sich nicht naturhaft dank der Beharrungskraft dessen, was einmal da ist, sondern bedürfe der Bejahung, der Ergreifung und der Pflege. Sie sei ihrem Wesen nach Bewahrung, wie solche in allem geschichtlichen Wandel mit tätig ist. Bewahrung aber sei eine Tat der Vernunft, freilich eine solche, die durch Unauffälligkeit gekennzeichnet ist.

Bewahrung ist nicht minder ein Verhalten aus Freiheit, wie Umsturz und Neuerung es sind.

Hans-Georg Gadamer

„Darauf beruht es, dass die Neuerung, das Geplante, sich als die alleinige Handlung und Tat der Vernunft ausgibt. Aber das ist Schein. Selbst wo das Leben sich sturmgleich verändert, wie in revolutionären Zeiten, bewahrt sich im vermeintlichen Wandel aller Dinge weit mehr vom Alten, als irgendeiner weiß, und schließt sich mit dem Neuen zu neuer Geltung zusammen. Jedenfalls ist Bewahrung nicht minder ein Verhalten aus Freiheit, wie Umsturz und Neuerung es sind.“

Traditionsverlust kann den Verlust der Vergangenheit bedeuten

Trotz solcher plausiblen, wohlbegründeten Begriffe von Autorität und Tradition ist es in der Welt von heute um beide schlecht bestellt. Autorität wird abgelehnt, und Tradition ist zu einem schalen Wort geworden.

Dass dergleichen nicht ohne Folgen bleiben kann, bemerkte schon Hannah Arendt in ihrem Essay über Autorität von 1955: „Mit dem Verlust der Tradition haben wir den Ariadnefaden verloren, der uns durch die ungeheuren Reiche der Vergangenheit sicher geleitete, der sich aber auch als die Kette erweisen könnte, an die jede Generation neu gelegt wurde und durch die ihr die Vergangenheit in einem im Vorhinein vorgezeichneten Aspekt erschien. Dabei ist aber nicht zu leugnen, dass ohne die Sicherung der Tradition – und der Verlust dieser Sicherung ist bereits einige Hundert Jahre alt – der Raum der Vergangenheit selbst mitgefährdet worden ist, sodass Traditionsverlust sehr wohl den Verlust der Vergangenheit bedeuten kann.“

Was nun orientiert unser Denken und Handeln, unser Fühlen und Wollen, wenn Autorität nichts mehr gilt und ihre Idee nicht mehr verstanden wird, wenn das Prinzip des Lernens über Vorbilder auf Ablehnung stößt und die Verlässlichkeit der Tradition zerschlissen ist? Die Antwort lautet: Gruppenzwang.

Druck der temporären Majorität. Die Pseudoautorität der kollektiven Einmütigkeit, der Konformismus der wechselnden Ideen und die Mimesis des Gängigen werden zur Richtschnur des Verhaltens. Gruppenzwang ist nur ein anderes Wort für Feigheit, Verantwortungsscheu und Unreife des Eigenen. Wem die freie, unbefangene Anerkennung von Autorität nicht Bestandteil eines vernünftigen Begriffs von Freiheit ist, dem bleibt am Ende nur das subalterne Einverständnis mit dem Zeitgeist, seinen Sirenengesängen und seinen Tabus, seinem Illusionismus und seiner Heuchelei. Eine Art Herdenmentalität, könnte man sagen.

Zur Startseite

showPaywall:
false
isSubscriber:
true
isPaid:
true
showPaywallPiano:
false