130 km/h auf Autobahnen? : Warum die Geschwindigkeit nicht zu gering sein darf

Eine Tempobegrenzung von 130 km/h auf der Autobahn sei gut für Mensch und Klima, sagen Experten. Langsam fahren kann jedoch auch gefährlich sein.

Verkehrspsychologen rat zu 100 km/h als Richtgeschwindigkeit.
Verkehrspsychologen rat zu 100 km/h als Richtgeschwindigkeit.Foto: imago/Ralph Peters

Für Schwachsinn hält es Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU). Der ADAC ist dagegen und auch die Autobauer lehnen ein Tempolimit ab. Die Bundesregierung hält sich die Einführung einer allgemeinen Geschwindigkeitsbeschränkung auf der Autobahn aber ausdrücklich offen – zum Schutz des Klimas. Genau das haben kürzlich auch Experten einer Regierungskommission vorgeschlagen: Mehr als 130 Stundenkilometer sollten verboten sein.

Damit ist die Diskussion über eine allgemeine Geschwindigkeitsbegrenzung voll ausgebrochen – wieder einmal. Die Profiteure eines Raser-Verbots könnte am Schluss vor allem die Mehrheit der Autofahrer sein – auch wenn im Mittelpunkt der aktuellen Debatte der Klimaschutz steht.

"Wesentlich entspannteres Fahren"

Welche Auswirkungen ein bundesweites Tempolimit tatsächlich hätte, weiß allerdings niemand so genau. Bislang gebe es nur Modellversuche und Simulationen, sagt Andreas Knie vom Wissenschaftszentrum Berlin: „Meine Empfehlung an den Verkehrsminister ist, das Tempolimit erst einmal flächendeckend einzuführen. Dann kann man sehen, ob es funktioniert.“ Knie ist überzeugt, dass eine Geschwindigkeitsbegrenzung Leben retten kann. Unfälle würden „deutlich abnehmen“. Ein Tempolimit sorge „für wesentlich entspannteres Fahren.“ Es gäbe keine Raser mehr, kein Gedrängel und weniger Stress, weil der Verkehr gleichmäßiger fließe – gut für alle, meint der der Wissenschaftler.

Wie gefährlich schnelles Fahren ist, weiß auch Siegfried Brockmann. Er arbeitet für den Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft und leitet dort eine Stelle zur Unfallforschung. Bei 160 km/h sei der Reaktionsweg oft zu kurz, um einem Hindernis rechtzeitig ausweichen könne, sagt Brockmann. Vor allem ältere Menschen würden einen solchen Aufprall oft nicht überleben. Alleine die Wucht des Gurts könne bei so einer Geschwindigkeit töten.

Ein Begrenzung auf 130 km/h würde das Risiko verringern, sagt Brockmann. Viele gefährliche Vollbremsungen würden wegfallen. Die „Differenzgeschwindigkeit“ zwischen schnellen und langsamen Verkehrsteilnehmern wäre nicht mehr so hoch wie jetzt. Überholmanöver wären weniger gefährlich – und wohl auch weniger tödlich.

Raser-Verbot konsequent durchsetzen

„Ein Tempolimit alleine reicht aber nicht“, sagt Brockmann. Damit 130 km/h auf der Autobahn überhaupt Sinn mache, müsse der Staat das Raser-Verbot konsequent durchsetzen – mit strengen Kontrollen auf der Straße sowie empfindlichen Bußgeldern für Verkehrssünder. Vor allem aber die gesellschaftliche Akzeptanz eines Tempolimits sei zentral, betont Brockmann: „Da müssen wir anfangen.“ Nur wenn eine große Mehrheit die Geschwindigkeitsbegrenzung einhalte, „kann keiner mehr rasen“. Dafür brauche es einen allgemeinen Konsens, der eine gesellschaftliche Debatte voraussetze.

Zu niedrig dürfe die Geschwindigkeit aber nicht festgesetzt werden, warnen Knie und Brockmann. Aus verkehrspsychologischer Sicht gehöre eine leichte Anspannung zum „idealen Fahrerzustand“ dazu, erklärt Brockmann. Wenn alle mit gleichem Tempo unterwegs seien, trete bei vielen im Auto Langeweile und Unterforderung ein. Dann steige die Unfallgefahr wieder, weil die Menschen hinter den Lenkrädern gedanklich abschweiften – anstatt sich auf den Verkehr zu konzentrieren. Weniger als 100 km/h auf der Autobahn sei deshalb schon „aus psychologischen Gründen“ zu wenig, sagt Knie.

Der Verkehrsexperte ist überzeugt, dass ein Tempolimit auch die Schadstoffbelastung erheblich reduzieren könnte. Bei vorhergeschriebenen 130 km/h könne sich der CO2-Ausstoß bis zu 25 Prozent verringern, sagt Knie. Viele Überhol- und Bremsmanöver würden bei einer Einheitsgeschwindigkeit wegfallen. Das bedeute eine geringere Belastung für die Motoren – und weniger Kohlendioxid aus dem Auspuff.

Anke Rehlinger: Tempo-Debatte ist "vergifteter Streit"

Hier ist der Streit zwischen Anhängern und Gegnern einer gesetzlichen Höchstgeschwindigkeit am größten. Die Umweltverbände bestehen darauf, dass ein Tempolimit gut fürs Klima sei. Autobauer und ADAC bezweifeln das.

Das Bundesumweltamt hat nur Jahre alte Untersuchungen vorliegen. Wenn sich 80 Prozent der Fahrer auf der Autobahn an Tempo 120 halten würden, könnten laut einer Studie drei Millionen Tonnen CO2 pro Jahr eingespart werden – rund drei Prozent der jährlichen Emission deutscher Pkw. Zu den aktuellen „unveröffentlichten Überlegungen einer Regierungskommission“ will das Bundesamt keine Stellung nehmen.

Die Debatte über das Tempolimit sei ohnehin ein „vergifteter Streit“, findet die Vorsitzende der Verkehrsministerkonferenz, Anke Rehlinger (SPD). Die stellvertretende Ministerpräsidentin des Saarlands sagte dem Tagesspiegel, dass natürlich auch der Verkehrssektor einen „Beitrag zum Klimaschutz“ leisten müsse. Nötig seien dafür aber vielmehr „umfassende Überlegungen als eine überhitzte Debatte über ein Tempolimit“.

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