Langzeitdaten zeichnen völlig anderes Bild, als es die derzeit gängige Krisenerzählung vermittelt

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Analyse von Langzeitdaten : Eine vergebliche Suche nach der Lügenpresse
Carsten Reinmann Nayla Fawzi

Die verfügbaren Langzeitdaten zeichnen also ein völlig anderes Bild, als es die derzeit gängige Krisenerzählung vermittelt: Viele Deutsche reagieren schon seit Längerem skeptisch, wenn sie nach „den Medien“ gefragt werden, was – solange es sich um eine „gesunde“ Skepsis handelt – grundsätzlich durchaus positiv zu bewerten ist. Offenbar hatte sich zumindest bis Ende 2014 das Medienvertrauen großer Teile der Bevölkerung gar nicht dramatisch verändert. Auch die im Jahr 2015 erhobenen Daten lassen diesen Schluss nicht zu.

Somit verweist die Berichterstattung über die „Medienkrise“ dann doch auch auf tatsächliche Probleme des Journalismus: Da ist erstens der Umgang mit wissenschaftlichen Daten insbesondere aus Umfragen. Aus einem oder wenigen Datenpunkten werden Behauptungen über Trends und deren Ursachen, wobei der Blick auf die genaue Fragestellung der Studien nicht selten verstellt war. Kompetenzen für Datenjournalismus wären hier gefragt gewesen, um Medienvertrauen oder -skepsis fundierter zu untersuchen.

Denn es stellen sich viele Fragen: Welche Menschen genau sind skeptisch? Welche Medien nutzen sie eigentlich? Wie bilden sie sich ein Urteil über die Vertrauenswürdigkeit der Medien? Da ist zum Zweiten die wenig tiefgründige Recherche. Denn es gibt ja Langzeit- und internationale Vergleichsdaten, die eine Einordnung der aktuellen Befunde ermöglichen würden. Drittens haben vermutlich die Tendenz zu „bad news“ und die Orientierung an anderen Medien dazu beigetragen, dass sich der einmal gesetzte, negativ-pessimistische Tenor der ersten Beiträge durchsetzte – was beim Publikum den Eindruck einer Vertrauenskrise möglicherweise erst hervorgerufen hat.

Meinungsklima in Kommentaren ist keinesfalls repräsentativ

Die Hauptursache für die Wahrnehmung einer Vertrauenskrise ist aber vermutlich die Intensität, mit der Medien mittlerweile im Internet attackiert werden. Sie führt offenbar dazu, dass Journalisten die Kritik ihres Publikums sehr viel ernster nehmen als früher. Auch dies ist im Prinzip gut und richtig, denn Selbstkritik findet im Journalismus noch immer zu wenig statt und Kritik aus der Wissenschaft wurde bisher häufig eher ignoriert als ernst genommen.

Problematisch wird es allerdings, wenn Journalisten aus einem Gefühl der Unsicherheit heraus diese Kritik nicht angemessen einordnen, überschätzen oder ihre verschiedenen Ursachen vernachlässigen. So muss man sich im Klaren sein, dass das Meinungsklima in Kommentaren kein repräsentatives Bild der Ansichten aller Nutzer oder gar der Bevölkerung darstellt, denn es ist anzunehmen, dass sich vor allem die Unzufriedenen äußern.

Zudem geht in der aktuellen Diskussion häufig verloren, dass sowohl die Wahrnehmung von Medienberichterstattung als auch Medienkritik eine politische Dimension haben. So neigen Mediennutzer mit festen Einstellungen dazu, die Berichterstattung über ein Thema als gegen sich und ihre Meinung gerichtet wahrzunehmen – selbst wenn es sich um ausgewogene Berichte handelt. Dies bezeichnet man als Hostile-Media-Effekt, also die verzerrte Wahrnehmung, dass die Medien mir feindlich gesonnen sind.

Darüber hinaus gilt: Nimmt man Berichte als gegen die eigene Meinung gerichtet wahr, dann glaubt man auch, dass andere Menschen in diese Richtung beeinflusst werden – was den Ärger über „die Medien“ natürlich noch weiter anheizt. Dieser Effekt erklärt auch, warum die Reaktionen auf Medienberichte zuweilen völlig gegensätzlich ausfallen. Wenn Menschen die Glaubwürdigkeit und Qualität von Medien beurteilen, dann muss man diese politische Komponente ihrer Wahrnehmung immer im Blick haben.

Anlässe für berechtigte Kritik werden Medien immer bieten

Vor allem die pauschale Kritik an „den Medien“ und „der Lügenpresse“ hat aber noch eine andere politische Dimension. Denn sie folgt einem in anderen europäischen Ländern schon länger etablierten Muster, mit dem vor allem Populisten und Extremisten am rechten wie linken Rand des politischen Spektrums „die Medien“ als Teil eines „politisch-medialen Komplexes“ und „Systemmedien“ attackieren.

Medienkritik ist hier keineswegs eine wertfreie, quasi-objektive Beschreibung, sondern essenzieller Teil des politischen Kampfes gegen „etablierte Machteliten“, „Altparteien“ und Institutionen der parlamentarischen Demokratie, deren Glaubwürdigkeit nachhaltig beschädigt werden soll. Und über Kommentarfunktionen und soziale Netzwerke haben entsprechende Parolen es heute viel leichter, eine größere Verbreitung zu finden.

Um Missverständnisse zu vermeiden: Anlässe für berechtigte Kritik werden Medien immer bieten. Aber Vorwürfe wie der einer systematischen Lenkung „der“ Medien durch „die“ Politik halten einer nüchternen Betrachtung nicht stand. Man denke nur an all die aufgedeckten Skandale und Politiker-Rücktritte, die das Ergebnis medialer Berichterstattung sind und waren.

Sorgen muss man sich viel eher um die Frage machen, wie wirklich unabhängige Medien in Deutschland finanziert werden sollen. Denn für hochwertige und kritische Berichterstattung brauchen sie Zeit und Geld. Problematisch ist zudem, dass sich vor allem weniger privilegierte Bevölkerungsgruppen von aktueller Information abwenden. Hier ist nicht zuletzt der öffentlich-rechtliche Rundfunk in besonderer Verantwortung.

Eine andere Meinung macht noch keinen schlechten Journalisten

Darüber hinaus gilt: Die Medien sollten sich bemühen, zwischen berechtigter Kritik am journalistischen Handwerk und vor allem politisch motivierten Angriffen zu differenzieren. Mit berechtigter Kritik sollten sie konstruktiv umgehen und das eigene Handeln transparent machen, um nicht im Sinne einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung eine tatsächliche Vertrauenskrise auszulösen.

Die Wissenschaft sollte sich intensiver mit den Ursachen und Folgen schwachen Medienvertrauens und der Frage beschäftigen, ab wann Medienskepsis wirklich zum Problem wird. Und Mediennutzer sollten sich klarmachen, dass eine andere Meinung noch keinen schlechten Journalisten macht und jeder Nutzer, der sich in die öffentliche (Online-)Debatte einbringt, selbst Verantwortung dafür übernehmen muss, welche Qualität diese Debatte entwickelt.

Carsten Reinemann ist Professor für Kommunikationswissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, Nayla Fawzi ist dort Akademische Rätin.

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