Anschlag auf Muslime in Neuseeland : Angst vor Rache und Nachahmern

Christchurch ist weit weg. Trotzdem sehen Experten eine große Gefahr, dass der Terrorangriff Nachahmertaten und Racheakte auslösen könnte.

Die Trauer ist in Christchurch überall sicht- und spürbar.
Die Trauer ist in Christchurch überall sicht- und spürbar.Foto: Edgar Su/Reuters

Der Tatort ist von Deutschland mehr als 18000 Kilometer entfernt, und doch machen sich die Sicherheitsbehörden nach dem Anschlag in Neuseeland große Sorgen. „Wir haben einen Quantensprung im rechtsextremen Terror erlebt“, sagte am Sonnabend ein hochrangiger Experte dem Tagesspiegel. Der Attentäter Brenton Tarrant habe Ideologie und Internet in einem Ausmaß kombiniert, wie es unvorstellbar schien. In dem Anschlag auf die Moscheen in Christchurch sei „eine dramatische Verbindung“ zu erkennen – zwischen der im Westen von Rechtspopulisten und Rechtsextremisten geschürten Angst vor Muslimen und dem „Modus operandi eines Egoshooters“.

TERROR LIVE

Der norwegische Massenmörder Anders Breivik habe in Tarrant einen Nachahmer gefunden, „der sich sehr genau überlegt hat, wie er andere Leute dazu bringt, auch seine Tat nachzuahmen“, meint der deutsche Experte. Mit dem Einsatz der Bodycam beim Massaker habe Tarrant sogar Breivik übertroffen. Der Norweger hatte am 22. Juli 2011 in Oslo einen Autobombenanschlag verübt und anschließend auf der Insel Utoya sozialdemokratische Jugendliche erschossen, 77 Menschen starben. Breivik verschickte vor der Tat ein Manifest an mehr als 1000 E-Mail-Empfänger und postete im Internet ein Video, doch während der Taten war er offline. Tarrant hingegen agierte online.

Bei Facebook konnten die Nutzer live miterleben, wie der Australier in seinem Wagen losfuhr, wie er bei der Moschee ankam und eine der mit Parolen vollgekritzelten Langwaffen griff. Die Bodycam filmte dann die Schüsse, das Gewehr mitten im Bild als eine Art Wegweiser des Schreckens. Die Egoshooter-Pose „soll für die PC-Generation Anreiz sein, auch so zu handeln“, analysiert der deutsche Sicherheitsexperte. Und er verweist auf ein weiteres Vorbild für Tarrant.

VORBILD SALAFISTEN

Die Terror-live-Methode erinnere an die Gewaltvideos der Terrormiliz IS und anderer Dschihadisten. Und gehe noch darüber hinaus. Der IS filme Anschläge und auch die Enthauptung von Gefangenen, doch immer aus der Zuschauerperspektive. Ein Bodycam-Video vom IS sei nicht bekannt, sagt der Experte. Dennoch seien sich militante Islamisten und Tarrant methodisch nahe. Für die Wirkung salafistischer Gewaltvideos gebe es in Deutschland ein grausiges Beispiel.

Am 2. März 2011 erschoss der junge Kosovare Arid Uka am Frankfurter Flughafen zwei US-Soldaten und verletzte zwei weitere schwer. Uka hatte sich in der Nacht zuvor bei YouTube ein dschihadistisches Propagandavideo angeschaut, in dem Bilder aus einem teilweise dokumentarischen Spielfilm über die Vergewaltigung einer muslimischen Frau durch amerikanische Soldaten im Irak gezeigt wurden. Sein Anschlag war der erste tödliche Terrorangriff eines Islamisten in der Bundesrepublik. In Sicherheitskreisen wird der Fall schon lange als warnendes Beispiel für die verheerende Wirkung extremistischer Gewaltvideos aus dem Internet auf radikalisierte junge Menschen genannt. Tarrants Film könnte diese Gefahr noch steigern. Und nicht nur bei Rechtsextremen.

RACHE

Tarrants Video, das im Internet trotz der Sperrung durch Facebook weiter kursiert, dürfte bei militanten Islamisten den Drang nach Rache auslösen. Vergleichbar mit der Wut, die Arid Uka empfunden hatte. Der Angriff des Australiers sei „die Art von Terror, die die Gesellschaft spaltet“, warnt der Sicherheitsexperte. Es sei zu befürchten, dass „das Aufschaukeln zwischen Rechtsextremisten und Islamisten jetzt noch stärker wird“.

DER NÄHRBODEN

Mental befinden sich beide Seiten längst in einer Art Endzeitstimmung. Die salafistische Internationale sieht sich in einem Entscheidungskampf gegen die Ungläubigen, Tarrants Anschlag kommt da als Argument gerade recht. Und imWesten wähnen Rechtspopulisten und Neonazis ihre Heimatländer nahe am „Volkstod“. So denkt auch Tarrant. Der Titel seines Manifests, das er vor der Tat im Internet veröffentlichte, lautet „The Great Replacement“, auf Deutsch „Der große Austausch“. Die Parole ist gerade in Europa bei Rechtspopulisten und Rechtsextremisten weit verbreitet und für die rassistische „Identitäre Bewegung“ ein zentraler Kampfbegriff.

Angeblich wollen Regierungen wie die von Angela Merkel die einheimische Bevölkerung durch Muslime, Flüchtlinge und Migranten generell ersetzen. So ähnlich dachten auch schon die Mitglieder der Terrorzelle NSU. „Volkstod“ und „Austausch“ sind Synonyme, im Sinne von Thilo Sarrazins Endzeitbotschaft „Deutschland schafft sich ab“. Das ist der Nährboden, auf dem der Terror von fanatisierten Rechten wie Tarrant und Breivik gedeiht. Über die sozialen Netzwerke wird die Untergangsstimmung schnell und weit verbreitet. Im Gutachten des Bundesamtes für Verfassungsschutz zum „Prüffall“ AfD finden sich einschlägige Zitate. Im Februar 2018 postete bei Facebook Thorsten Weiß, der für die AfD im Berliner Abgeordnetenhaus sitzt, „2050 soll es kein erkennbares deutsches Volk mehr geben: Regierung plant den Volkstod!“ Einen Monat später folgte ein Beitrag der extremistischen AfD-Vereinigung „Der Flügel“ mit dem Titel „Merkel und der Volkstod“. Björn Höcke, Wortführer des „Flügels“ und Chef der Thüringer AfD, behauptet in seinem Buch „Nie zweimal in denselben Fluß“, linke und grüne Politiker jubelten über den „bevorstehenden Volkstod durch den Bevölkerungsaustausch“.

DIE ZUKUNFT DES RECHTEN TERRORS

Mit den Anschlägen von Breivik und Tarrant wird deutlich, dass militante Rechtsextremisten die Wucht des islamistischen Terrors erreichen, wenn nicht übertreffen wollen. Tarrant hatte sich offenbar intensiv auf einen Angriff vorbereitet, das geht über die Attacken von Salafisten mit Fahrzeugen und Messern hinaus. Der Australier scheint auch ideologisch gefestigter zu sein als der Berlin-Attentäter Anis Amri. Tarrants Pinseleien auf den Waffen zeugen von Kenntnissen über Schlachten zwischen christlichen und muslimischen Mächten. In dünner weißer Schrift ist zudem „for Berlin“ zu lesen, womöglich wollte Tarrant Rache nehmen für den Anschlag von Amri auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz.

Im rechten Terror „fehlen“ bislang allerdings Selbstmordattentate, auch der Angriff von Al Qaida mit Flugzeugen am 11. September 2001 ist singulär. Aber in rechtsextremen Fantasien keineswegs ausgeschlossen. Der amerikanische Neonazi William Pierce schilderte in seinem 1978 erschienenen Roman „The Turner Diaries“ die Vorbereitung eines Selbstmordanschlags mit einem Flugzeug, das mit einer Atombombe ins Pentagon stürzen soll, den Sitz des US-Verteidigungsministeriums. Das Buch ist bei Rechtsextremisten Kult.

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