Auktionshaus Christie's : Die Eventisierung des Kunstmarktes

Christie’s verkauft erstmals ein Bild, das von einem Algorithmus erschaffen wurde. Doch kann künstliche Intelligenz kreativ sein? Ein Kommentar.

Regina Wank
Der verschwommene Druck «Edmond de Belamy» ist das erste Gemälde einer künstlichen Intelligenz (KI), das bei einem großen Auktionshaus unter den Hammer kommt.
Der verschwommene Druck «Edmond de Belamy» ist das erste Gemälde einer künstlichen Intelligenz (KI), das bei einem großen...Foto: Christie's/dpa

Am Donnerstag ist in New York beim Auktionshaus Christie’s das erste Werk versteigert worden, das nicht von einem Menschen, sondern von einem Algorithmus gemalt wurde. Das Bild mit dem Titel „Portrait Edmond de Belamy“ zeigt einen Mann in einem dunklen Mantel, auf den ersten Blick könnte es ein unfertiges Porträt aus dem 18. oder 19. Jahrhundert sein. Das Bild wurde für 432 500 Dollar verkauft, oder, wie Christie’s in seiner Pressemitteilung jubelt, für „unglaubliche“ 432 500 Dollar. Der Algorithmus, der das Bild „geschaffen“ hat, wie Christie’s es formuliert, passt in eine Zeile. Der Verkauf markiere „die Ankunft der Künstlichen Intelligenz auf dem weltweiten Auktionsmarkt“, tut das Auktionshaus kund.

Ist damit ein Meilenstein in der Menschwerdung der Maschinen genommen? Ist damit ein weiterer Beleg dafür erbracht, dass der Mensch nicht einzigartig ist? Schließlich war das doch eines unserer letzten Alleinstellungsmerkmale gegenüber den immer patenteren Robotern: die Kreativität. Sie können vielleicht besser rechnen, denken, lenken, sagte der Mensch sich, aber in den schönen Künsten zumindest sind wir ihnen voraus.

Die Versteigerung sagt einiges über die Funktionsweise des Kunstmarkts

So ist es aber nicht. Die Versteigerung am Donnerstag spielt mit den Utopien und Dystopien, die der Mensch der Künstlichen Intelligenz (KI) erschaffen hat. Vor allem aber sagt sie einiges über die Funktionsweise des Kunstmarkts.

Dass das kreative Schaffen Maschinen überlassen wird, ist keinesfalls neu. Schon seit den 1970er Jahren gibt es sogenannte generative Kunst. In den letzten Jahren ist der Markt für KI-Kunst förmlich explodiert: Google kann traurige Gedichte schreiben, ein KI-DJ überzeugt sein Publikum und mithilfe von Big Data wurde ein Gemälde geschaffen, das den Stil Rembrandts imitiert. Hinter dem „Portrait of Edmond Belamy“ steht das Pariser Künstler-Kollektiv „Obvious“. Menschen sollten auf den künstlerischen Prozess so wenig Einfluss wie möglich haben. Der Algorithmus hat das Bild signiert. Der Künstler sei also der Algorithmus.

Kann Künstliche Intelligenz Kunst erschaffen?

Diese Unterstellung, dass Algorithmen uns etwas völlig Neues, vom Menschen Losgelöstes zeigen könnten, geht davon aus, dass Künstliche Intelligenz tatsächlich Kunst schaffen kann und nicht nur Kunst simuliert. Damit wird – ob bewusst oder unbewusst – eine Debatte innerhalb der Forschung zur künstlichen Intelligenz aufgegriffen. Forscher unterscheiden zwischen schwacher und starker KI. Während die schwache KI vor allem auf die Erfüllung klar definierter Aufgaben ausgerichtet ist und bei ihrer Herangehensweise nicht variieren kann, soll die starke KI menschengleich sein.

Vertreter der starken KI (wohl eher in der Minderheit) glauben, es sei möglich, eine Technik zu schaffen, die aus eigenem Antrieb handelt und sich ihrer selbst bewusst ist. Diese Vorstellung zeigt sich in anderen Werken sogar noch stärker als in „Edmond de Belamy“. Im Oktober veröffentlichte die New York Times ein „Selbstporträt“ einer Künstlichen Intelligenz, „erschaffen“ durch einen von IBM programmierten Algorithmus. Das Bild ist angelehnt an einen Ausschnitt aus dem Deckenfresko „Die Erschaffung Adams“ aus der Sixtinischen Kapelle.

Die Signatur eines Algorithmus
Die Signatur eines AlgorithmusFoto: Timothy A.Clary/AFP

Um den substanziellen Unterschied zwischen Menschen und Maschinen zu verdeutlichen, hat der Philosoph John Searle 1980 das Chinese-Room-Gedankenexperiment entwickelt. Man stelle sich einen abgeschlossenen Raum vor, in dem ein Mensch, der keinerlei Chinesisch versteht, in chinesischer Schrift gestellte Fragen beantwortet – anhand einer in seiner Muttersprache verfassten Anleitung, einem Regelbuch. Personen außerhalb des Raums folgern aus den Ergebnissen, dass der Mensch in dem Raum Chinesisch beherrscht, obwohl das nicht der Fall ist. Die Aussage dieses Gedankenexperiments kann man auf die Urheberschaft von „Edmond Belamy“ übertragen: Ist der Künstler wirklich die Maschine, die malt (also bei Searle derjenige, der Antworten auf Chinesisch gibt)? Oder doch derjenige, der die Anleitung geschrieben hat?

Ein weiterer Schritt zur Eventisierung des Kunstmarkts

Man kommt so schnell zu dem Schluss, dass der Künstler wohl eher derjenige ist, der den Algorithmus geschrieben hat – und auch den Diskurs versteht, dessen Teil dieses Bild unweigerlich wird. Dem Auktionshaus Christie’s ging es denn wohl auch weniger darum, einen neuen Kunstzweig zu erschließen als darum, größtmögliche Aufmerksamkeit zu erregen. Vor zehn Tagen schaute die Welt auf den Konkurrenten Sotheby’s, weil sich während einer Auktion ein Bild des Street-Art-Künstlers Banksy live schredderte. Christie’s musste im Wettlauf um Premieren und Verkaufsrekorde nachziehen.

Es handelt sich nicht um den großen Wurf einer Künstlichen Intelligenz, sondern um die clevere und technisch nicht sehr anspruchsvolle Idee eines Künstlerkollektivs – und um das erste Werk dieser Art, dessen Marktwert beziffert werden kann. Es ist ein weiterer Schritt zur Eventisierung des Kunstmarkts. Es wäre besser, wir würden uns mit dem Nutzen von KI beschäftigen, einer Technologie, die früher oder später in jeden Bereich unseres Lebens hineinragen wird. Stattdessen beharren wir darauf, eine jahrhundertealte Frage klären zu wollen: Was ist Kunst?

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