Außer Klagen nichts zu sagen? : Was am Opferdiskurs der Ostdeutschen falsch ist

Die meisten Ostdeutschen sind zufrieden, das geht im 30-Jahre-Wende-Gejammer unter. Eine interessierte Minderheit betreibt diese Opferdebatte. Ein Gastbeitrag.

Detlef Pollack
Osthaus steht noch, Westladen ist schon wieder geschlossen. So sieht's aus in Löwenberger Land (Brandenburg).
Osthaus steht noch, Westladen ist schon wieder geschlossen. So sieht's aus in Löwenberger Land (Brandenburg).Foto: imago images/F. Anthea Schaap

- Detlef Pollack , 1955 geboren in Weimar, studierte Theologie in Leipzig. Seit 2008 ist er Professor für Religionssoziologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster

Als Ostdeutscher hat man es gerade nicht leicht. Wir werden als Bürger zweiter Klasse behandelt, die Löhne in Ostdeutschland liegen auch 29 Jahre nach der Wiedervereinigung noch immer 17 Prozent unter dem Westniveau, von den 30 Dax-Vorstandsvorsitzenden kommt nicht einer aus den neuen Bundesländern. Und sind im Prozess der Wiedervereinigung nicht auch unsere Biografien entwertet worden?

In diesen Tagen werden wieder und wieder Verlustrechnungen aufgemacht, in denen die Ostdeutschen als die Benachteiligten der Einheit dastehen – vor allem von ostdeutschen Intellektuellen. Manche bezeichnen den Einigungsvertrag zwischen der DDR und der Bundesrepublik als „bedingungslose Kapitulation“. Andere inszenieren Ostdeutschland als das „Land der kleinen Leute“ ohne eigene Stimme und ohne soziale Anerkennung.

Nach drei Jahrzehnten deutscher Einheit scheinen die Wortführer des Ostens vor allem eines gelernt zu haben, wie man sich öffentlichkeitswirksam über eine vermeintliche Dauermisere beklagen und dabei dem Westen weitgehendes Versagen unterstellen kann. Manch einer vermag dabei den „Jammerossi“ sogar noch als Klischee der Westdeutschen auszulagern, von dem sich diese nun endlich einmal lösen sollten.

Der Opferdiskurs lässt die Mehrheit außer acht

Kaum ein westlicher Akteur wagt noch, diesem Opferdiskurs selbstbewusst entgegenzutreten. Er möchte dem naheliegenden Verdacht, dem westdeutschen Überlegenheitsgestus verfallen zu sein, keine neue Nahrung geben. Also werden die Ostdeutschen in ihrem Klagemodus derzeit jovial bestärkt. So etwa wenn jetzt von staatstragender Seite die Deutschen in Ost und West dazu angehalten werden, 30 Jahre nach dem Mauerfall „einen ganz neuen Solidarpakt“ zu schließen, einen "Solidarpakt der Wertschätzung".

„Wer seine Arbeit verlor“, erklärte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier anlässlich des Mauergedenkens am 13. August diesen Jahres, wer „mehrmals umschulen musste, wer sich an marktwirtschaftliche Logik – und deren Auswüchse – erst gewöhnen musste und gleichzeitig eine Familie zu versorgen hatte, der schaut heute anders auf unser Land als einer, der von solchen Umbrüchen verschont blieb.“

Nach den schockierenden Wahlerfolgen der AfD im Osten kümmert sich nun jedermann um die Abgehängten im Osten, nicht nur der Bundespräsident, sondern auch die Parteien, das öffentlich-rechtliche Fernsehen, die Tages- und Wochenzeitungen landauf landab. Die Ostdeutschen liegen auf der Couch und lassen sich die verletzte Seele streicheln.

Was ist falsch an diesem Opferdiskurs?

Vor allem dies, dass er die Mehrheit der Ostdeutschen außer Acht lässt. Denn diese Mehrheit bekennt, dass sie zufrieden mit ihrem Leben ist, dass es ihr heute besser geht als vor 30 Jahren, dass sie sich sozial anerkannt fühlt. Und sie wählt nicht rechtspopulistisch.

Der für die Bundesrepublik repräsentativen Langzeitstudie Sozio-ökonomisches Panel (SOEP) des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin zufolge nähern sich die Zufriedenheitswerte der Ostdeutschen in den vergangenen drei Jahrzehnten denen der Westdeutschen immer mehr an. Auf einer Skala von 0 (= ganz und gar unzufrieden) bis 10 (= ganz und gar zufrieden) bewerten die westdeutschen Bundesbürger ihre subjektive Lebenszufriedenheit heute durchschnittlich mit einem Wert von 7,6, die ostdeutschen mit einem Wert von 7,35. Zwei Drittel der Ostdeutschen stimmen der Aussage zu, die Wiedervereinigung habe für die Bürger in den neuen Bundesländern mehr Vorteile als Nachteile gebracht. So die Ergebnisse der von Soziologen als äußerst zuverlässig eingeschätzten Allgemeinen Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften (Allbus) von 2018.

Ost und West sind ungefähr gleich zufrieden

Und eine Sonderstichprobe des bereits erwähnten SOEP kommt zu dem Ergebnis, dass es, was das Maß der berichteten Wert- und Geringschätzung angeht, zwischen Ost und West keine signifikanten Unterschiede gibt.
Auch in anderen Hinsichten erweist sich die Mehrheit der Ostdeutschen weder als abgehängt noch als desintegriert. Mit dem Weg, wie sich die Demokratie in Deutschland entwickelt, sind nach den Ergebnissen des Eurobarometers heute 54 Prozent zufrieden – etwa so viel wie auch 1990, als die Euphorie über die Wiedervereinigung noch nicht vom allgemeinen Klagen über sie abgelöst war.

Im Westen sind es zwar immer noch mehr, die sich als zufrieden mit dem Funktionieren der Demokratie in Deutschland bezeichnen, aber der Abstand zwischen Ost und West ist in den vergangenen fünf Jahren kleiner geworden, und er wird noch einmal geringer, wenn man den Anteil der AfD-Wähler herausrechnet. Fragt man die Menschen, ob sie die Demokratie für eine gute Regierungsform halten, so bejahen diese Frage 83 Prozent der Ostdeutschen. In den alten Bundesländern sind es 90 Prozent, so die Daten der Bertelsmann-Stiftung von 2017. Selbst mit der Marktwirtschaft, denen die Ostdeutschen ihr trauriges Schicksal doch vor allem zuschreiben müssen, sind im Osten immer mehr Menschen zufrieden.

Wie kann das sein? Wie stimmen diese Daten mit der allgemein konstatierten Verdrossenheit der Ostdeutschen zusammen?

Alle diese Daten bewegen sich auf der Individualebene. Wenn sie sich auf die Zufriedenheit mit dem eigenen Leben, die Vor- oder Nachteile der Wiedervereinigung oder Gefühle der Anerkennung beziehen, handelt es sich um subjektive Einschätzungen der persönlichen Lage. Sofern sie die Beurteilung von Demokratie und Marktwirtschaft betreffen, stellen sie noch immer subjektive Aussagen dar. Keine von ihnen bezieht sich jedoch auf die Ostdeutschen als kollektive Gruppe oder auf Ostdeutschland als vom Westen zu unterscheidende Region. Und genau darin liegt das Problem.

Das Problem ist die Überlegenheit des Westens

Vergleichen sich die Ostdeutschen mit den Westdeutschen, fühlen sie sich benachteiligt; in den neuen Bundesländern haben weitaus weniger Menschen das Gefühl, dass sie im Vergleich zu dem, wie es anderen in Deutschland geht, den ihnen zustehenden gerechten Anteil erhalten, als in den alten Bundesländern. Betrachten sie Ostdeutschland als Ganzes, können sie sich über die Kluft zum Westen, die sie an vielen Kennziffern und Erfahrungen festmachen können, nur beschweren.

Das Problem ist also, könnte man sagen, nicht der Osten, sondern die wahrgenommene und noch immer bestehende Überlegenheit des Westens. Selbst die selbstbewussten Sachsen denken zwar zu 90 Prozent, dass man auf das, was man in Sachsen seit 1989 erreicht hat, stolz sein kann, und 70 Prozent schätzen die wirtschaftliche Lage in Sachsen als die beste Ostdeutschlands ein und sogar 75 Prozent als besser als in den Ländern Osteuropas, aber im Vergleich zu den Bewohnern der westdeutschen Bundesländer empfinden jedoch nur noch neun Prozent die Situation in Sachsen als besser (Sachsen-Monitor).

Hinzu kommt, dass man das, was es an Erfolgen im Osten gibt, zum großen Teil nur mit westlicher Hilfe erreichen konnte. 2,3 Billionen Euro sind in den Jahren seit der Herstellung der deutschen Einheit von West nach Ost geflossen. Der erreichte Wohlstand ist in einem nicht unbeträchtlichem Ausmaß ein geschenkter. Die Ostdeutschen wissen, dass sie ihn nur zu einem Teil den eigenen Anstrengungen verdanken. Wenn man die ostdeutschen Regionen außerhalb der Großstädte besucht, sieht man auf den ersten Blick, dass sich viele von ihnen in den durchsanierten Städten und Gemeinden wie Fremdkörper bewegen, die das, was sie an glänzenden Stahl-, Glas- und Betonkonstruktionen umgibt, nicht als ihr Eigenes erkennen – sofern sie denn überhaupt außer Haus gehen und nicht im Privaten bleiben.

Der gemeine Ossi ist dreist

Die ostdeutschen Intellektuellen, die die Kolonialisierung des Ostens beschwören, gehen an der Lebenslage der Mehrheit ihrer Landsleute vorbei und machen sich zum Sprachrohr von denjenigen, denen sie doch wohl eher mit Ablehnung gegenüberstehen. Eine Minderheit der Ostdeutschen hat es verstanden, sich zum Opfer der deutschen Einheit zu stilisieren und mit seinem Wahlverhalten Berücksichtigung einzuklagen. Wählte ein Großteil von ihnen erst die Linke, um die westlichen Eliten herauszufordern, so meint sie jetzt, in der AfD einen noch wirksameren Proponenten ihrer Anliegen gefunden zu haben.

Der gemeine Ossi ist wendig, und er ist dreist. Er hat es geschafft, der westlichen Elite ein schlechtes Gewissen zu verschaffen. Sein Verhalten, auch sein Wahlverhalten ist taktisch und instrumentell, und es ist durchschaubar. Mit seinem Protest will er sich zu unserem Problem machen.

Wir müssen diesen Protest ernstnehmen, aber uns von ihm nicht instrumentalisieren lassen. Wir sollten nicht den Klagegesang einer Minderheit bedienen und uns als ihr verlängertes Sprachrohr missbrauchen lassen, indem wir den Ossi als ein benachteiligtes und entmündigtes Wesen porträtieren, dem die Anerkennung verweigert wird. Wir sollten den Blick frei bekommen und wahrnehmen, dass die Mehrheit der Ossis – unter teilweise erheblichen Anstrengungen und Entbehrungen, das muss man auch sehen – sich in das westliche System eingefädelt hat und in Deutschland angekommen ist.

Ja, wir sind übernommen worden, aber können wir darüber nicht einfach nur froh sein, dass der Westen diese Last auf sich genommen hat? Dankbarkeit schließt natürlich nicht aus, die teilweise erheblichen und teilweise noch immer bestehenden Probleme der Vereinigung zu benennen und auf sie kritisch zu verweisen. Als Ostdeutscher zu einer Gruppe zu gehören, die als ewig klagende Gemeinschaft der zu Kurz-Gekommenen Aufmerksamkeit und Berücksichtigung erzwingen will – das nervt, wie vielleicht der gemeine Wessi sagen würde.

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