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Ana-Cristina Grohnert ist Generalbevollmächtigte der Allianz Deutschland AG, Leitung Personal und Interne Dienste und Vorstand der Charta der Vielfalt.

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Ist Diversity in Gefahr?: Bedrohte bunte Welt

Politische Parteien und andere Gruppen machen weltweit mobil gegen Minderheiten und Andersdenkende. Ist Diversity in Gefahr? Wie gehen wir damit um? Vier Experten berichten.

Diversity braucht Kultivierung

Aus der Studie „Diversity in Deutschland“ wissen wir: Das Konzept der Vielfalt steht in Deutschland noch am Anfang. Es ist gewissermaßen ein zartes Pflänzchen, das sich im Dickicht des Organisationsdschungels erst noch Bahn brechen muss. Eine Pflanze braucht Licht, Luft und Wärme, um zu wachsen. Vielfalt braucht Offenheit, Pflege, und Geduld. Geduld ist in Zeiten rasanter Veränderungen eine kostbare und knappe Ressource. Der Veränderungsdruck von Globalisierung und technologischem Fortschritt scheint unsere bisherigen Zeitmaße außer Kraft zu setzen. Wir spüren diesen Druck, wir sehen die Notwendigkeit, uns zu verändern. Und in der Tat gibt es Aufgaben, die man sofort anpacken kann. Doch gerade kulturelle Veränderungen geschehen nicht über Nacht. Diversity-Management ist eine solche Kultivierungsaufgabe. Wachstum ist kein sprunghafter, sondern ein kontinuierlicher Prozess, und aus einem kleinen Setzling wird nicht schon bis zum nächsten Morgen die stattliche Eiche. Ist Diversity in Deutschland in Gefahr? Haben sich die Umweltbedingungen, hat sich das Klima für das zarte Pflänzchen so sehr verändert, dass es nicht mehr wachsen kann? Gibt es gar „Feinde“, die es ausreißen oder zertreten wollen? Mag sein, dass der Boden für Diversity momentan etwas hart ist. Doch die größte Gefahr ist unsere eigene Ungeduld und zugleich unsere Nachlässigkeit als Gärtnerinnen und Gärtner, als Kultivierer. Wir müssen uns selbst gelegentlich in Erinnerung rufen, warum wir diese manchmal mühselige Gartenarbeit leisten: Weil wir später einmal davon profitieren. Weil wir unsere Unternehmen und unsere Organisationen als Ökosystem betrachten müssen, die auf Wachstum abzielen. Und weil wir in diesem Ökosystem regelmäßig die Früchte unserer Arbeit ernten wollen. Biologen würden uns auf den Umstand hinweisen, dass Vielfalt der natürliche Zustand eines Ökosystems ist. Und dass fehlende Vielfalt gleichbedeutend ist mit Instabilität, Krisenanfälligkeit und der Existenzfrage. Insofern können wir festhalten: In Gefahr ist letzten Endes nicht die Vielfalt. In Gefahr sind diejenigen, die ihre Bedeutung nicht rechtzeitig erkennen.

Das Erreichte ist nicht selbstverständlich

Michel Abdollahi ist ein iranisch-deutscher Conférencier, Performance-Künstler, Maler, Journalist und Literat und gilt als Koryphäe im Poetry-Slam.

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Ich habe mal für einen Fernsehbeitrag ein großes Glücksrad auf die Straße gestellt. Sofort wollte jeder dran drehen. Nur gab es keine Gewinne. Auf dem Rad standen Wörter wie Transsexuelle, Veganer, Türken oder Katholiken. Immer wenn ein Begriff erdreht wurde, stellte ich eine kurze Frage: „Und? Wie finden Sie das?“ Was folgte, waren Antworten nach dem Prinzip: Immer erst etwas Positives sagen, dann fällt das Negative danach nicht mehr so auf. Und so sprach ich einen ganzen Tag mit sehr vielen weltoffenen Menschen und deren vielen Abers. Diversität wird nämlich toleriert, so lange sie zur eigenen Meinung passt. Passt sie nicht mehr, werden schnell Gründe dafür gefunden: „Ich esse selbst sehr wenig Fleisch, aber mal ehrlich, wo sollen die ganzen Tiere denn hin, wenn sie keiner mehr isst?“ Oder: „Türken finde ich gut, aber bitte nicht in meiner Nachbarschaft.“ Ebenso wie: „Ich habe nichts gegen Transsexuelle, ganz und gar nicht, aber nicht vor den Kindern, die verstehen das doch noch gar nicht.“

Befindet man sich direkt am Volk, entsteht der Eindruck, die erkämpfte Freiheit sei in Gefahr. Ob AfD, Trump oder Putin, wenn sie keifen, ist man für einen Moment atemlos, ob der Zustimmung, die sie erfahren. Viel wichtiger ist aber die Kehrseite der Medaille. Die Presse berichtet intensiver und genauer, Zeitungen werden wieder vermehrt abonniert, öffentliche Diskussionen mit einer größeren Leidenschaft geführt. Der keifende Rechtspopulist erfährt seit einiger Zeit einen Gegenwind, wie wir ihn lange nicht mehr hatten. Der Widerstand ist wacher denn je. Aber wir erkennen auch, dass das bisher erreichte, immer noch nicht als selbstverständlich hingenommen werden kann, sondern wir immer wieder dafür kämpfen müssen, dass mein Glücksrad bei jedem Dreh einen Gewinn für unsere freie Gesellschaft zeigt.

Vielfalt schürt Ängste und Neid 

Albert Kehrer ist Coach und Unternehmensberater mit dem Schwerpunkt Change & Diversity sowie Mit-Stifter der Prout at Work-Foundation.

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Ist Diversity in Gefahr? Vielfalt ist Realität: Die Gesellschaft ist bunt, und das wird sich so schnell nicht ändern. Wir nehmen wahr, dass sich bislang stille Gruppen zu Wort melden, die Diversity beschneiden wollen: Rechte beklagen die Islamisierung des Abendlandes, Männer rebellieren, weil die Quote sie benachteiligt, Gendermainstreaming-Gegner beschwören die „Verschwulung“ der Welt. Sie alle fühlen sich von gelebter Diversity bedroht. Wir fühlen die Diversity durch sie bedroht. Dass der Umgang mit einer bunteren Belegschaft einfach ist, hat niemand gesagt. Jetzt wo die verschiedenen Gruppen sichtbar sind, gibt es Reibungspunkte und entstehen Konflikte. Den Kopf in den Sand zu stecken und sich an die Norm anzupassen, um nicht aufzufallen, wie es ein Oktoberfestguide für Lesben und Schwule empfohlen hat, ist sicher nicht die Lösung. Es geht darum, dass wir sichtbar bleiben und uns nicht verstecken. Vorurteile bauen sich nur ab, wenn sich die unterschiedlichen Gruppen kennenlernen. Je mehr die Vielfalt erlebbar ist, desto gewöhnlicher wird sie. Je mehr sich unterrepräsentierte Gruppen selbstverständlich einbringen, desto eher werden sie anerkannt und wertgeschätzt. Für Unternehmen gilt es, Ihr Diversity-Management zu überdenken. In der Vergangenheit wurde viel für Minderheiten getan, die große Masse wurde vergessen, statt sie bewusst einzuschließen. Vielfalt schürt Ängste und Neid. Diese müssen jedoch berücksichtigt werden. Diversity schließt alle mit ein: Frauen und Männer, Homos und Heteros, Moslems und Christen. Es geht darum, dass alle den Mehrwert von Vielfalt verstehen und erleben: Chancengleichheit für Minderheiten führt eben nicht zur Benachteiligung der Mehrheit, sondern schenkt allen mehr Beachtung ihrer individuellen Bedürfnisse.

Wo sind die radikalen Führungskräfte

Daniel Gyamerah ist bei Citizens For Europe Projektleiter von „Viefalt entscheidet – Diversity in Leadership“ und Vorsitzender von Each One Teach One e.V.

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Mir liegt eine inklusive Gesellschaft am Herzen. Ich möchte in einem Land leben, in dem Vielfalt zum kollektiven Selbstbild gehört und Barrieren abgebaut werden, damit sich jeder Mensch und jede Gruppe voll einbringen kann. Meist bleiben dafür zwei Strategien: Aktivismus nach der Arbeit oder Realpolitik in kleinsten Schritten. In beiden Fällen gilt, das böse R(-assismus) Wort lieber nicht zu benutzen, sonst fühlen sich viele weiße Menschen vor den Kopf gestoßen. Also lieber „Vielfalt ist toll und bringt mehr Geld.“ Dabei ist Inklusion extrem anstrengend und am Anfang erst einmal ungewohnt teuer. Wenn ich den Mund zu weit aufmache, bin ich zahlreiche Aufträge los – „zu anstrengend“. Also gebe ich mein Bestes mit einer Art aktivistischer Realpolitik. Das reicht aber nicht mehr. Denn: Der demokratische, menschenrechtsbasierte Grundkonsens unserer Gesellschaft wird wieder in Frage gestellt; die Gleichwertigkeit aller Menschen steht explizit oder implizit wieder zur Debatte. Das ist nicht wertkonservativ. Das ist rassistisch. Deshalb brauchen wir neue Akteure, die Dinge tun, die sie noch nicht taten: Führungskräfte – auch in Unternehmen – müssen radikaler werden. Politischer. Visionärer. Radikaler im Wortsinn, dass sie den Anspruch haben, sich mit der Wurzel des Problems, mit struktureller Diskriminierung, auseinanderzusetzen. Wenn wir Rassismus weiter normalisieren, wird das Menschenverachtende zur Normalität, und das ist am Ende auch schlecht fürs Geschäft. Ich wünsche mir Führungskräfte, die die Förderung von Vielfalt ins Zentrum ihrer Strategie rücken und über Gender-Mainstreaming hinaus überlegen, wie beispielsweise Menschen, die als Muslime diskriminiert werden, Sinti und Roma und Schwarze den Weg ins Top- und mittlere Management im öffentlichen und privaten Sektor schaffen. Wenn ich das sage, ist das anstrengend und ich kann das Augenrollen schon beim Schreiben spüren. Aber was, wenn das mal ein weißer Mann mit Einfluss sagen würde? Wenn ein großes Unternehmen in Deutschland Diversität – über die Förderung von Frauen hinaus – zu seinem Markenkern macht, den kompletten Personal und Strategieprozess nach Inklusionshindernissen durchleuchtet und diese dann abbaut? Dann werde ich auch vom Störenfried zum Realpolitiker.

Ana-Cristina Grohnert, Michel Abdollahi, Albert Kehrer, Daniel Gyamerah

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