Christen im Visier : Deutsche Politik sorgt sich um Sicherheit von Christen weltweit

Besonders in Asien nimmt der Druck auf Menschen mit christlichem Glauben zu. Politiker in Deutschland sind nach den Anschlägen in Sri Lanka alarmiert.

Jonas Mielke
Trauernde bei einem Gedenkgottesdienst für die Terroropfer in Colombo.
Trauernde bei einem Gedenkgottesdienst für die Terroropfer in Colombo.Foto: Dinuka Liyanawatte/REUTERS

Die Anschläge in Sri Lanka zählen zu den schwersten Angriffen auf christliche Gläubige der jüngsten Vergangenheit. Am Ostersonntag hatten Attentäter an acht Orten in der Hauptstadt Colombo Sprengsätze gezündet und 320 Menschen in den Tod gerissen. Drei dieser acht Orte waren Kirchen. Vollbesetzte Gotteshäuser, in denen Christen die Ostermesse feierten.

Mit fast 2,2 Milliarden Gläubigen unterschiedlicher Konfessionen bilden Christen die weltweit größte Glaubensgemeinschaft – und leiden in zahlreichen Ländern unter Repressalien. In einem Leitartikel stellte der britische „Guardian“ am Sonntag die Frage: „Warum herrscht solche Stille um die Verfolgung von Christen?“ Deutsche Politiker fast aller Parteien weisen nach den Attacken in Sri Lanka auf die gewachsene Bedrohung christlicher Minderheiten in vielen Regionen der Welt hin.

Zunehmender Druck in China und Malaysia

Einer, der sich seit zwei Jahrzehnten für die Religionsfreiheit auf der Welt einsetzt, ist der ehemalige Unionsfraktionschef Volker Kauder. „Besonders in China und Malaysia beobachte ich zunehmenden Druck auf Christen“, sagte er dem Tagesspiegel. Kauder ist Mitglied des International Panel of Parliamentarians for Freedom of Religion or Belief, in dem sich Parlamentarier für die Religionsfreiheit einsetzen. Vor einigen Jahren wollte er in Malaysia ein Gespräch mit Vertretern aller Religionen organisieren. „Das wurde abgelehnt, ein öffentlicher Auftritt von Christen sei ein Missionsversuch“, sagte Kauder.

Sven Giegold, Europawahl-Kandidat der Grünen, verurteilte die Angriffe auf christliche Gläubige. „Gerade die Religionsfreiheit von Christinnen und Christen ist in vielen Teilen der Welt bedroht“, sagte er dem Tagesspiegel. „Ostern ist ein Fest der Freude und des Friedens. Doch das schreckliche Blutvergießen in Sri Lanka hat in diesem Jahr einen dunklen Schatten über die Feierlichkeiten geworfen.“ Giegold erwartet von der Bundesregierung, dass sie sich weltweit bei anderen Staaten gegen die Unterdrückung von Christen einsetzt. „Religionsfreiheit ist ein universelles Menschenrecht und gilt überall“, sagte Giegold.

Nordkorea führt Weltverfolgungsindex an

CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak forderte mehr Schutz für Christen. Wichtig sei, dass sich die Religionsgemeinschaften nicht spalten lassen und den Dialog miteinander fortführen. „Dazu gehört aber auch, die Unterdrückung von Christen deutlich anzusprechen und klar für die Einhaltung der Religionsfreiheit einzutreten“, sagte Ziemiak der „Welt“.

Das evangelikale Hilfswerk Open Doors stellt jährlich den Weltverfolgungsindex vor, eine Rangliste der 50 Länder, in denen Christen wegen ihres Glaubens besonders hart verfolgt werden. Im Januar erschien die neue Ausgabe. 200 Millionen Christen seien demnach in den 50 gelisteten Ländern einem hohen Maß an Verfolgung ausgesetzt. Nordkorea belegt den ersten Platz, dort könne bereits der Besitz einer Bibel dazu führen, in ein Arbeitslager verschleppt zu werden. Neu in der Rangliste: Russland auf Platz 50. Sri Lanka liegt auf Platz 46. Die Zahlen beruhen nach Angaben der Organisation auf Berichten von Gläubigen aus den betreffenden Ländern.

Repression trotz Anerkennung

In China leben Christen gefährlich, die sich nicht den staatlich registrierten christlichen Gemeinden anschließen. Offiziell sind der Katholizismus sowie der Protestantismus in der chinesischen Verfassung als anerkannte Religionen aufgeführt. Doch in der Praxis nehmen Repressionen gegen chinesische Christen zu, wie die „Neue Zürcher Zeitung“ im Dezember schrieb. Insbesondere christliche Untergrundkirchen müssen mit Verfolgung rechnen. Die „NZZ“ berichtete von Gefängnisstrafen für Pfarrer, abgerissenen Kirchen und Überwachungsmaßnahmen gegen Gemeindemitglieder.

Angehörige beerdigen Opfer der Anschläge auf Sri Lanka.
Angehörige beerdigen Opfer der Anschläge auf Sri Lanka.Foto: AFP/Jewel Samad

Open Doors betont, dass neben China auch Länder wie Laos oder Vietnam per Gesetz immer stärker in das Leben von Christen eingreifen. Volker Kauder sagt, dass sich häufig nationalistische Bewegungen in Ländern der Mehrheitsreligion anschließen und Minderheiten unterdrücken würden. Sein Beispiel für eine solche Entwicklung ist Indien.

Anschläge in Sri Lanka erinnern an Attacke in Kairo

Im Nahen Osten aber auch in einigen afrikanischen Ländern leiden Christen insbesondere unter islamistischen Bewegungen und autoritären Regimen. Die Attacken in Sri Lanka erinnern auch an den Dezember 2016. Damals sprengte sich in Ägypten ein 22-jähriger Selbstmordattentäter in die Luft, kurz bevor der Gottesdienst in der Kirche Sankt Peter und Paul in Kairo zu Ende gehen sollte. Die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) bekannte sich zu dem Angriff, 25 Menschen starben.

In Syrien wurden hunderte Christen vom IS vertrieben und verschleppt, Priester und Mönche wurden ermordet. In Nigeria verbreitet die Miliz „Boko Haram“ Angst und Schrecken. Im Irak misst die Verfassung nur Muslimen volle Rechte zu, in Saudi-Arabien steht der Übertritt vom Islam zum Christentum unter Todesstrafe, Gottesdienste dürfen nicht gefeiert werden.

Sonderfall Saudi-Arabien?

Die Situation der Christen in Saudi-Arabien ist für den Grünen Giegold ein besonderer Fall. „Es ist ein schwerer Fehler, den Schutz der Menschenrechte und Glaubensfreiheit kurzfristigen wirtschaftlichen Interessen unterzuordnen“, sagt er. „Der Kuschelkurs der Bundesregierung mit dem saudischen Regime, das Glaubensfreiheit einschränkt und im Jemen Bomben auf Zivilisten wirft, muss ein Ende haben.“

Für Volker Kauder ist die Lage komplexer. „Natürlich muss man in Ländern, in denen die Religionsfreiheit unterdrückt wird, das auch ansprechen“, sagt er. „Trotzdem muss man weiter mit Saudi-Arabien zusammenarbeiten.“ Ansonsten könne sich die Lage der Christen überhaupt nicht verbessern.

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