Pläne für die Besetzung West-Berlins lagen schon in den Schubfächern

Seite 2 von 2
Der Spitzel von nebenan : Wo wohnte die Stasi in West-Berlin ?
Bahnhof Friedrichstraße. Viele Agentenkarrieren nahmen hier ihren Anfang.
Bahnhof Friedrichstraße. Viele Agentenkarrieren nahmen hier ihren Anfang.Foto: ullstein bild

West-Berlin war auch ein militärstrategischer Faktor. Einmal weil die DDR Angriffe aus dem Westen befürchtete, zum anderen hatte Ost-Berlin spätestens seit Anfang der 70er Jahre konkrete Pläne zur Besetzung West-Berlins ausgearbeitet. Für jeden Westbezirk waren Kreisdienststellen der Staatssicherheit vorgesehen, die Leiter aus den Reihen der Staatssicherheit standen schon fest. Die Auswertung der Kartei zeigt, dass das MfS in allen Bezirken über Informanten verfügte, am meisten mit 188 in Neukölln, am wenigsten mit 42 in Zehlendorf. Bezogen auf die Bevölkerungszahl saßen die meisten Spitzel von Abwehrdiensteinheiten des MfS in Wedding, Kreuzberg und Schöneberg, die wenigsten in Spandau, Steglitz und Reinickendorf. Trotz aller gebotenen Vorsicht im Umgang mit solchen Statistiken fällt auf, dass der Anteil in Bezirken mit linken Milieus höher war. Ein Befund, der sich mit der bisherigen Spionageforschung deckt.

Nicht zuletzt aus militärtaktischen Gründen war das Interesse der Stasi stark auf die Polizei gerichtet. IM „Honda“ zum Beispiel war Versicherungsagent und vermochte wertvolle Insiderinformationen über die Hobbys sowie die Familien- und Vermögensverhältnisse West-Berliner Polizisten zu liefern.

Der Forscher Georg Herbstritt von der Stasiunterlagenbehörde hat vor einigen Jahren schon auf IM unter den Gastarbeitern hingewiesen. Der Liebestourismus ausländischer Arbeitnehmer nach Ost-Berlin, aber auch Ausländerextremismus veranlassten das MfS zur Anwerbung. So berichtete der IM „Hassan“ über die Aktivitäten der Grauen Wölfe in West-Berlin.

Im Jahr 2011 zeigte eine Ausstellung Bilder aus den geheimen Archiven der Stasi:

Bilder aus den geheimen Archiven der Stasi
Der Fotograf Simon Menner hat sich intensiv mit dem Thema Überwachung auseinander gesetzt. Dabei musste er feststellen, dass nur sehr wenig Bildmaterial zugänglich ist, welches den Akt des Überwachens aus dem Blickwinkel des Überwachenden zeigt. Vor dem Hintergrund der Geschichte der DDR wandte sich Menner an die Stasiunterlagenbehörde und wurde dort fündig. Seine Ausstellung "Bilder aus den geheimen Archiven der Stasi" wird noch bis 20. August (Di - Sa jeweils 12 bis 18 Uhr) bei Morgen Contemporary in der Oranienburger Straße 27 in Mitte gezeigt.Weitere Bilder anzeigen
1 von 15Alle Fotos: Simon Menner
28.07.2011 16:04Der Fotograf Simon Menner hat sich intensiv mit dem Thema Überwachung auseinander gesetzt. Dabei musste er feststellen, dass nur...

Aus MfS-Sicht war es oft die politische oder gar ideologische Überzeugung, die West-Berliner motivierte, mitzumachen. Sicher sind Altkommunisten, Antifaschisten, fehlgeleitete APO-Linke unter den IM. Aber oft wurden Wohnungsgeber auch durch Legenden getäuscht, Ausländer mit Zoll und Devisenvergehen an der Grenze erpresst. Auffällig im Vergleich zur „ehrenamtlichen“ Spitzelei im Osten sind die nicht selten hohen Summen – mehrere 100 DM pro Monat –, die West-Berliner für ihre Dienste im Sold des MfS erhielten. Viele Spitzelakten legen den Schluss nahe, dass es also in der Regel weniger um eine politisch motivierte, innige Beziehung zwischen den Agenten und dem MfS ging. Vielmehr handelte es sich oft nur um Arrangements auf Zeit, häufig spielten finanzielle Motive eine Rolle und nicht selten ließen sich Westberliner auch bei Verwandtenbesuchen im Osten anheuern, nachdem sie mit der Staatsmacht in Konflikt geraten waren.

IM „Fidel“ zum Beispiel war schon vom MfS finanziert worden, bevor er in den Westen übersiedelte. Dort sollte er Exil-DDR-Bürger um Jürgen Fuchs ausspionieren sowie die Fernsehredaktion „Kontraste“ beobachten und „mögliche Verbindungen“ von Redaktionsmitgliedern „zu imperialistischen Geheimdiensten“ erkunden. Der nächste Agententreff war für den 6. oder 13. Januar 1990 vorgesehen. Dazu kam es aus bekannten Gründen nicht mehr.

Der Autor Christian Booß ist Historiker, Journalist und Projektkoordinator in der Forschungsabteilung des Bundesbeauftragten für die Stasiunterlagen.

Artikel auf einer Seite lesen
Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!