Die Ukraine und ihre Vergangenheit : Traumrepublik Galizien

Die Ukraine besinnt sich heute ihres jüdischen Kulturerbes. Doch was bedeutet das in einem Raum, in dem es kaum noch Juden gibt? Ein Essay.

Natan Sznaider
Stadtansicht Lwiw/Lemberg.
Stadtansicht Lwiw/Lemberg.Foto: picture alliance / dpa

„Wo liegt Galizien? Kann man aus einer Region stammen, die es nicht mehr gibt?

Heute, jenseits der östlichen Grenze des geeinten Europas, an einer der Stellen also, an denen die Europäische Union aufhört, liegt ein Ort, der einst Lemberg hieß und in Ostgalizien lag. Auf der Landkarte existiert er in der Westukraine und heißt Lwiw. Aber er liegt auch in Ostgalizien wie einer der unsichtbaren Städte, die von Italo Calvino verewigt wurden. Die romantisierende jüdische Literatur zu Galizien, wie die von Joseph Roth, trägt zu dieser Traumwelt bei, denn sowohl die überlebenden Juden als auch Polen leben nicht mehr dort. Während Europa vor 1933 Teil der jüdischen Hoffnung auf Freiheit war, ist dieser europäisch jüdische Traum heute entweder in den USA oder in Israel angesiedelt. Beide politische Strukturen wurden in der Tat zur jüdischen Heimat, wie sie Europa nie sein konnte und wollte. Die Landschaften in Galizien wurden zu kontaminierten – wie sie so von Martin Pollack genannt wurden.

Die Goldene Rose war die prächtigste Synagoge

Nun verbrachten Juden (und nicht nur sie) ihr Leben an Orten, die stets von wechselnden Herrschern regiert wurden. Geboren in Österreich-Ungarn, aufgewachsen in Polen, unter sowjetischer Besatzung lebend und dann von den Nazis dort 1941 und später ermordet. Einst war ein Drittel der Bevölkerung von Lemberg-Lwow jüdisch. 1939 waren es mehr als 100 000, zu denen noch einmal so viele jüdische Flüchtlinge aus Westgalizien stießen. Im ukrainischen Lwiw leben heute kaum noch Juden. 5000 etwa und die meisten von ihnen im Rahmen sowjetischer Bevölkerungspolitik aus anderen Teilen des russischen Reichs stammend. Die ursprüngliche jüdische Bevölkerung von Ostgalizien wurde vernichtet und die wenigen Überlebenden haben ihren Weg nach Israel und in den Westen gefunden.

In Lemberg wurde im 16. Jahrhundert eine der prächtigsten Synagogen gebaut, die Goldene Rose, die 1941 von den einrückenden Nazis zerstört wurde, und am 4. September 2016 kehrten die Juden nach Lemberg zu dieser zerstörten Synagoge zurück. Im Sommer 1941 wurden Tausende von Juden zusammengetrieben und ermordet. 75 Jahre später wird eine Erinnerungsstätte an dem Ort der Synagoge eingeweiht und für einen kurzen Moment verwandelten die Juden, die der Zeremonie beiwohnten, das ukrainische Lwiw in das galizische Lemberg. Nun waren sie wieder da. Sie alle kamen nach Lemberg zurück und zusammen mit der neuen politischen Elite der Ukraine unter der Führung des Bürgermeisters Andrij Sadowyj gedachte man der von den Nazis und ihren ukrainischen Nachbarn ermordeten Juden. Das ist fast schon Ausdruck einer natürlichen Kontinuität – nachdem Lwiw vor vier Jahren Austragungsort der Fußball-Europameisterschaft war. Spricht man von kollektiver Erinnerung, dann verweist dies wie kaum ein anderer Begriff auf den klassisch gedachten Nationalstaat und die darin gefasste Einheit und Homogenität von Raum, Zeit und Bevölkerung. Gegenwärtige Prozesse der Globalisierung und Europäisierung lassen diese Einheit jedoch gerade fragwürdig werden, ohne dass dabei sinnvoll von einem Ende kollektiver Erinnerung gesprochen werden könnte. Vielmehr haben sich die Koordinaten kollektiver Erinnerung geändert. Und das geschieht im Moment in der Ukraine.

Der Zweite Weltkrieg war für die Ukraine traumatisch und folgenreicher als für viele andere vom Krieg betroffenen Nationen. Die (West-)Ukraine wird sich nie davon befreien können, dass ethnische Ukrainer mit den Nazis kollaborierten und dass ihre Nationalhelden wie Stepan Bandera, dessen Statue einen der großen Plätze von Lwiw schmückt, nun Teil der anti-russischen nationalen Tradition sind.

Für viele ethnische Ukrainer ist Lwiw nicht die romantisierte Form des multi-ethnischen Habsburg, sondern das Epizentrum des anti-russischen Widerstands in ihrem Freiheitskampf. Man zahlt in der Tat teuer für die Freiheit. Die Orte waren nach dem Krieg zerstört, und die Sowjetisierung plünderte das Land aus. Das Einzige, was dem Land trotz Stalinismus blieb, war eine starke ethnische Homogenität. Und mit der ethnischen Homogenität ging nicht nur ein Bewusstsein von sich selbst als unschuldiges Opfer einher, sondern auch die „Einsicht“, dass die Täter von außen kamen. Diese Unschuld kann mit der Pflege des jüdischen Kulturerbes nicht mehr aufrechterhalten werden. Polen und die Europäische Union lassen grüßen: Gerade der fast schon gewaltsame Widerstand der polnischen Regierung, in irgendeiner Form als Teil der Täter gesehen zu werden, zeugt von der Macht dieser europäischen Prozesse.

Da die Ukraine nicht Teil der Europäischen Union ist, gab es auch keine europäisierte Erinnerung

Auch auf dem Gebiet der heutigen Westukraine oder Ostgaliziens haben die ethnischen Gedächtnisse der Ukrainer und Juden schon immer unterschiedliche Pfade eingeschlagen. Für ethnische Ukrainer in Ostgalizien begann der Zweite Weltkrieg mit dem Molotow-Ribbentrop-Abkommen und dem Einmarsch der Sowjets in die Region. Unzählige nichtjüdische Ukrainer wurden von den Sowjets verschleppt und ermordet. Mit der Invasion der Nazis 1941 war auch die Hoffnung auf Unabhängigkeit und Befreiung von den Sowjets verbunden. Im ukrainischen ethnischen Gedächtnis waren Juden mit dem Bolschewismus identifiziert. Pogrome wie das in Lwiw ließen nicht lange auf sich warten und die mehrere Tausend Toten, die diesen ukrainischen Pogromen zum Opfer fielen, waren nur der Auftakt der Massenmorde, die die Nazis in Ostgalizien verübten. Ukrainer, Juden und Polen hatten trotz gemeinsamer polnischer Staatsbürgerschaft einen anderen Krieg erlebt, und da die Ukraine nicht Teil der Europäischen Union ist, gab es auch keine europäisierte Erinnerung. Die heutigen Reaktionen und Gegenreaktionen, die sich in den Debatten um die Konkurrenz der Opfer drehen, sind unter anderem auch als Antwort auf diese wohl zu schnell fortgeschrittene Europäisierung zu sehen.

Aber die Frage bleibt trotzdem: Was bedeutet jüdisches Kulturerbe in einem Raum, in dem es kaum noch Juden gibt? Was verspricht sich Lwiw davon, Lemberg zu werden? Das Altstadtzentrum ist Unesco-Welterbe und es preist sich als einzigartige Mischung westlicher und östlicher Kulturen an. Schon jetzt hört man wie in Krakau Klezmermusik. Es geht um europäische Identität, um die europäische Vision einer gemeinsamen Erinnerung, um die jüdische Erfahrung, die sich quer zu dieser Vision stellt. Dabei geht es nicht nur um Erinnerung, sondern auch darum, wie sich Erinnerung manifestiert, wie man Erinnerungen in Gegenstände oder auch Kulturschätze übersetzt. Und damit geht es auch ganz entscheidend darum, wer das Recht hat, für wen zu sprechen. Ist Kultur sprachlich definiert? Oder territorial? Ist Kultur ethnisch bestimmt? Oder sogar durch die Erfahrung, ja durch den gewaltsamen Tod?

Wem gehören nun die Überreste der Goldene-Rose-Synagoge? Werden sie auch zum Welterbe? Das hört sich natürlich nobel an, doch dann folgen andere Fragen: Wem gehörten die jüdischen Friedhöfe der Westukraine? Und damit auch die Frage: Ist die jüdische Kultur Teil der europäischen Kultur oder steht sie quer dagegen? Überall auf der Welt wird gegenwärtig Kulturbesitz neu verhandelt, da Kultur und Erinnerung neu verhandelbar geworden sind. Wir leben nun einmal in einer Weltgesellschaft, in der die Vorstellung von geschlossenen Räumen fiktiv geworden ist. Niemand kann sich abschotten. Die Folge: Die Gegensätze der Kulturen prallen aufeinander und selbstverständliche Lebensmodelle müssen sich neu rechtfertigen. Diese Konflikte deuten darauf hin, dass wir in einer gemeinsamen Gegenwart leben, die keine gemeinsame Vergangenheit teilen kann. Jüdisches Kulturgut gehört daher allen.

Ostgalizien wurde in der jüdischen Erinnerung ein Ort des Grauens

Ostgalizien in der Westukraine war nie eine multikulturelle Idylle, wie sie heute von der Stadtverwaltung und auch in Reiseführern beschworen wird, vielmehr fanden sich die ethnischen Gruppen der Polen, Ukrainer und Juden oft als Gegner wieder. In den verschiedenen ethnischen Erinnerungen der Region wird das eigene Leid gegen das Leid der anderen ausgespielt. So erinnern sich Ukrainer zwar an die von polnischer Seite gegen sie ausgeführten Massaker, wollen sich aber nicht an ihre Kooperation mit den Nazis bei der Judenvernichtung erinnern. Auch die ethnischen Verknüpfung der vergangenen Jahrzehnte und die Erinnerung daran wird gewissermaßen von einem Märtyrer-Wettbewerb mitgetragen, in dem gerade die Ukraine und auch Polen versuchen, sich auch als Opfer der Juden zu verstehen.

Ostgalizien wurde in der jüdischen Erinnerung ein Ort des Grauens, der Vernichtung, des Hasses. Von der ethnischen Vielfalt Österreich-Ungarns ist nichts mehr übrig geblieben. Der ethnische Nationalstaat hat sich über das multi-ethnische Imperium gesetzt. Und auf diesen Gebieten der heutigen ethnischen Nationalstaaten wurden die meisten der Juden ermordet. Und sie verschwanden so gut wie vollkommen aus dieser Gegend und mit ihrem Verschwinden verschwand auch die Erinnerung an sie. Die Holocaust-Erinnerung entstand nicht an den Orten des Geschehens. Die Landschaften des Grauens sind auch Landschaften des Verschwundenen. Lemberg, einst die Hochburg der osteuropäischen Hochkultur, wie sie auch von dem israelischen Nobelpreisträger Shmuel Agnon, der in dem ostgalizischen Ort Buczacz zur Welt kam, in seinem Roman „Gestern, Vorgestern“ beschrieben wurde. Das glorreiche Lemberg, wo Thora- und Schriftgelehrte lebten, wo die jüdische Aufklärung blühte, wo es jüdische Bibliotheken und Schulen gab. Sie war einer der Hauptstädte der jüdischen Hochkultur. Heute ist Lwiw eine ukrainische Landschaft, die sich nun – in dem Versuch der eigenen Europäisierung – an die Juden erinnern will.

In der Ukraine war die Kollaboration mit den Nazis institutionalisiert und ist inzwischen auch historisch aufgearbeitet ist. Diese Kollaboration ist Teil der glorreichen Nationalgeschichte. Ihr kann man sich nur kritisch nähern, wenn man die eigene Ruhmesgeschichte untergräbt und unangenehme Fragen zur SS-Division „Galizien“ stellt, die zwischen 1943 und 1944 im Raum Lemberg mordete und sich aus vielen Freiwilligen aus Lemberg rekrutierte.

„Oh, Hoffnung genug, unendlich viel Hoffnung, nur nicht für uns“

Die Frage bleibt, ob die Pflege jüdischen Kulturerbes dazu beiträgt oder nicht. In den ethnischen gemischten Ortschaften gab es die zum Tode verdammten und diejenigen, die ihre Leben unter Besatzung weiterlebten. Aber da die meisten Juden nach dem Krieg entweder ermordet waren oder diese Orte verließen, ist die Erinnerung an diese Zeit mit ihnen gegangen. Und die nachfolgende sowjetische Besatzung hat dann alle Erinnerung dem historischen Materialismus und dem antifaschistischen Kampf untergeordnet. Und als die Ukraine 1991 unabhängig wurde, blieb nur noch das Ressentiment gegen den Westen, seine Privilegierung des Holocaust und seine Ignoranz stalinistischer Verbrechen, wie den absichtlich herbeigeführten Hungertod (Holodomor) der ukrainischen Bauern in den 30er Jahren. Der Holocaust wurde zu einem (west-)europäischen Gründungsmoment, während er am Ort des Geschehens zu einem Hemm-Mechanismus wurde, der das eigene ethnische Leiden in den Hintergrund rückte. Das hat wenig mit der Formel „geteilte Erinnerung“ zu tun. Eher ist es eine Inversionserinnerung, bei der man sich gegenseitig den Spiegel des Leids vorhält. Und die Abwesenheit der Juden gilt eigentlich als „normal“, da ethnische Homogenität als normal gilt und man fast von einer zweiten Stufe der Verdrängung sprechen kann, wenn eine Gruppe vergisst, dass sie vergaß. In diesem Sinne ist die Eröffnung eines Denkmals für die zerstörte Synagoge eine Art Soziotherapie, bei der die Rückkehr des Verdrängten zum Ziel wird. Aber wie bei allen Therapien ist auch diese mit Gefahren verbunden: Mit der Demaskierung einer in der Tat hintergründigen Wirklichkeit werden auch Ressentiments frei werden, die sich ebenfalls hinter Masken versteckt hielten. Die Juden Lembergs sind in der Tat nicht mehr da. Als bei den Feierlichkeiten am Ende das jüdische Totengebet gesprochen wurde, sagte mir einer der Initiatoren, dass es, wenn in Lemberg wieder jüdische Gebete gehört werden können, noch Hoffnung gibt. Und man kommt nicht umhin, an Kafkas Worte zu denken: „Oh, Hoffnung genug, unendlich viel Hoffnung, nur nicht für uns.“

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