Fake News : Digitalisierung bedeutet mehr als nur flächendeckendes Wlan

Schüler können auch ohne weitreichende digitale Aufrüstung lernen. Viel wichtiger ist die Aufklärung über die Fallstricke des Netzes. Ein Gastbeitrag

Schüler sitzen an einem Computer-Arbeitsplatz.
Schüler sitzen an einem Computer-Arbeitsplatz.Foto: Friso Gentsch/dpa

Alle fortschrittlichen Menschen sind für Digitalisierung. Das Thema ist gewissermaßen die MeToo-Debatte der Stunde. Deshalb sollte auch der „Digitalisierungspakt“ schnell umgesetzt werden. Fünf Milliarden Euro sollen investiert werden, doch über das Wie liegen Bund und Länder überkreuz. Unklar bleibt ohnehin, was die Digitalisierung der Schulen überhaupt bewirken kann und soll. Der Staat kann zwar jedem Kind ein Tablet schenken, aber so entsteht noch keine echte Digitalisierung. Denn die Technologie entwickelt sich längst rasanter als unsere Fähigkeit, sie zu beherrschen.

Wir leben in einer Zeit, in der schon der Grundschüler ein Smartphone in der Tasche hat. Die Kids lassen sich von den sozialen Medien Fake News auftischen, die sie als solche nicht erkennen. Deshalb kommt es vor allem auf die Eltern und Lehrer an. Die haben freilich noch weniger Erfahrung mit den Geräten. Oder sie vermuten, dass die kleinen „Digital Natives“ ihnen ohnehin weit voraus sind und es schon allein hinkriegen werden.

Ein großer Trugschluss. Die kleinen Wisch- und Klick-Kids mögen fließend „Digitalisch“ sprechen, ihnen fehlt aber die Fähigkeit, die Informationen zu bewerten, die ihnen auf ihren Tablets und Smartphones unentwegt präsentiert werden. Fake News sind nur das eine Problem. Ein zweites ist die Schwierigkeit zu erkennen, wer hinter den Informationen steckt.

Lernen, wie man die Wahrheit erkennt

Wer über Digitalisierung und Schule redet, muss ganz unten und ganz klein anfangen. Der Stanford-Professor Sam Wineburg, der einige große Studien zur digitalen Kompetenz von Schülern und Studenten betreut hat, sagt: „Das Training muss anfangen, wenn die Kinder ihr erstes Gerät bekommen.“

Wineburg erinnert sich: „Wenn ich als Kind aus dem Haus ging, fragte meine Mutter: Wohin? Mit wem? Wie heißen Deine Freunde, wo wohnen sie?“ Just solche Fragen sollten auch die Eltern den Kleinen stellen, wenn sie ins Netz gehen: „Wo hast du das her? Wer steckt dahinter? Woher weißt du, dass der Artikel, die Nachricht, glaubwürdig sind?“ Eltern und Lehrer müssen diese Fragen stellen. Doch zuvor müssen sie selber lernen, wie man die Wahrheit im Netz ergründen kann.

Dabei ist es ein Missverständnis, dass sich digitale Kompetenz nur mit viel Hardware lernen lasse. Der Ausrüstung muss die Aufklärung über die Fallstricke des Netzes vorausgehen. Die Fingerfertigkeit haben die Kids schnell erlernt. Doch wie man die Inhalte bewertet, die sich 80 Prozent der jungen Leute aus den sozialen Medien holen, ist der schwierigere Teil. Wer die Bewertung nicht lernt, den haben die Gadgets und Computer schnell im Griff. Im Netz vermehren sich Halbwahrheiten, manipulierende Überschriften und gut kaschierte Lügen. Was als schlichte Nachricht daherkommt, entpuppt sich als parteipolitische oder ideologische Agenda. Interessen wie Absender und Sponsoren von Seiten werden verschleiert.

Altmodisches Quellenstudium hilft

Wie erschaffen wir eine informierte Gesellschaft in digitalen Zeiten? Das sei keine technologische oder regulative Herausforderung, „sondern eine erzieherische“, mahnt Wineburg. „Technologie kann vieles, aber nicht kritisches Denken beibringen.“ An seinen Studien über die Einschätzung von Webseiten haben 8000 Schüler und Studenten teilgenommen. Diese bestätigten die digitale Unmündigkeit: Die Teilnehmer hatten sich oft von attraktiven Aufmachungen, schicken Statistiken oder grandiosen Institutsnamen blenden lassen.

Dagegen hilft kein flächendeckendes Wlan und kein noch so neues Tablet – da hilft nur altmodisches Quellenstudium. Und Geduld. Nicht nur den ersten Google-Eintrag lesen, sondern runterscrollen. Ganz oben heißt nicht ganz zuverlässig, denn Google manipuliert das Ranking der Einträge zu Werbezwecken. Nächster Schritt: Wikipedia nutzen, dessen Einträge schon mal auf Zuverlässigkeit überprüft worden sind. Die „Talk“-Seiten (dafür gibt es auch ein Wikipedia Tutorial) gelten bei Faktenprofis als wahre Goldgruben. Insbesondere, wenn es um solch strittige Themen wie etwa Klima oder Waffen geht. Auch animieren die Referenzen am Schluss eines Eintrags zum weiterführenden Lesen.

Diese detektivischen Techniken müssen den Schülern beigebracht werden, wenn Schule und Digitalisierung den fragenden und urteilsfähigen Bürger ausbilden wollen, der nicht hilflos Fake News und Unwahrheiten ausgeliefert ist. Für das gesamte Curriculum ist das Netz eine neue Herausforderung. Die Kids müssen online Beweise und Belege finden. Das gilt für den Geschichts-, Deutsch- und den naturwissenschaftlichen Unterricht.

Die Kunst der Recherche vermitteln

Wie muss etwa der Biologieunterricht aussehen, wenn zahllose Anti-Impfseiten im Netz immer noch den längst als falsch entlarvten Zusammenhang zwischen Autismus und Masernimpfung predigen? „Impfen - nein danke“ lautet ein klassischer Eintrag. Dass die Weltgesundheitsorganisation gerade die Impfgegner als größte Gefahr für die globale Gesundheit genannt hat, wird auf solchen Seiten demnächst wohl als Lobbyarbeit für die Pharmaindustrie denunziert.

Skepsis gegenüber jeder Information kann nicht früh genug gelehrt und gelernt werden. Dafür braucht man keinen Bildschirm in jeder Kinderhand. Es reicht ein Computerlabor in der Schule, in dem schon die Jüngsten die Tastatur mit zehn Fingern benutzen lernen. Es sind Lehrer gefragt, die den Kids von Anbeginn den Unterschied zwischen Fake und Verlässlichkeit, Gerücht und Wahrheit beibringen. Diese Lehrer müssen die Kunst der Recherche und des Quellenstudiums vermitteln.

Das kostet nicht Milliarden. Billiger ist die Ausbildung von Digital-Lehrern, die den Kindern auch die Computer-Technologie und Algorithmen erklären können. Die Krönung solcher Lehre könnte die Einsicht sein, dass das Netz nur ein Gewinn ist, wenn wir – die Kids wie die Eltern – uns nicht einfangen lassen von der Faszination des schnellen Tastenklicks.

Christine Brinck ist Erziehungswissenschaftlerin und Publizistin.

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