Fridays For Future : Jung und weiblich – wie verändert sich Protest ?

Jungen und Mädchen stehen auf und demonstrieren. Für eine lebenswertere Welt. Hat er das Zeug, die Politik zu ändern?

Fridays for Future: Seit einigen Monaten schwänzen Kinder und Jugendliche die Schule und demonstrieren freitags für eine umweltfreundlichere Politik.
Fridays for Future: Seit einigen Monaten schwänzen Kinder und Jugendliche die Schule und demonstrieren freitags für eine...Foto: Christian Mang

Angela Merkel ist in ihrer Rede auf der Münchener Sicherheitskonferenz am vergangenen Wochenende auf die Demonstrationen der Schülerinnen und Schüler bei den Aktionen „Fridays for Future“ zu sprechen gekommen. Die Kanzlerin zeigte sich irritiert: Wo kommt dieses nachdrückliche politische Interesse der jungen Generation so plötzlich und scheinbar aus heiterem Himmel her? Ihre Überlegungen verband sie mit einem kryptischen Hinweis auf mögliche Einflüsse Russlands und seines Präsidenten Wladimir Putin. Im Raum stand der Verdacht, die Bewegung sei nicht auf Zukunft, sondern auf Unterwanderung der politischen Landschaft in Deutschland gerichtet – sei also in Wirklichkeit eine Art „Fridays for Putin“.

Natürlich ist nicht auszuschließen, dass externe Kräfte auf dubiosen Kanälen auf eine so frische, jungfräuliche politische Bewegung aufspringen. Initiiert aber haben sie diese Bewegung nicht. Die Proteste sind „Streiks“. Sie enthalten ein Element des zivilen Ungehorsams. Die Demonstrationen finden sehr häufig während der Schulzeit statt, die Schülerinnen und Schüler verstoßen also gegen ihre Schulpflicht und nehmen dafür Nachteile und Sanktionen in Kauf. Sie handeln aus Kalkül. Sie spüren, dass ihre Aktionen nicht nur eine größere Aufmerksamkeit erzielen, wenn sie gegen Regeln verstoßen. Sie erleben auch, wie ihr eigener Erregungspegel steigt, wenn sie sich in einem verbotenen Raum bewegen. Sie steuern bisher alle Aktivitäten stark über die Büros der Schülervertretungen. Putin spielt da keine Rolle.

Gegen Einflüsse von außen spricht schon die inhaltliche Stoßrichtung der Aktionisten. Was sie verlangen, ist im Grunde ein stärkerer Staat, der intensiver als bisher in die Regulationen von Umweltbelangen eingreift. Sie votieren für eine Ermächtigung der Politik. Nach den Erkenntnissen der Shell-Jugendstudien sind die politischen Proteste der Schülerinnen und Schüler in den vergangenen zehn Jahren allmählich herangereift. Seit 2002, als das politische Interesse der 12 bis 25 Jahre alten Befragten auf einem historischen Tiefpunkt war, steigt es permanent an. Dahinter stehen authentische Sorgen und Ängste.

Wir können aus den Studien einen deutlichen Unterschied erkennen zwischen den vor 2000 Geborenen, den Angehörigen der „Generation Y“, und den nach 2000 Geborenen, der „Generation Z“: Die „Ypsiloner“ sind nicht nur in Zeiten einer wirtschaftlichen, sondern auch einer politischen Krise groß geworden und hatten alle Hände voll zu tun, um überhaupt in Ausbildung und Beruf zu kommen. Sie konzentrierten sich auf hohe Schulabschlüsse und waren darauf aus, ihre persönlichen Chancen zu optimieren, um nicht in Arbeitslosigkeit und Hartz IV zu landen. Die Sicherung ihrer wirtschaftlichen Existenz hat ihre Energie voll in Anspruch genommen, es blieben keine Kapazitäten, sich um das politische Gemeinwesen zu kümmern. Ihr allgemeines politisches Interesse war gering.

Die nach 2000 Geborenen hingegen finden eine völlig andere Ausgangslage vor. Auch für sie zählt in erster Linie, ob sie berufliche Entfaltungsmöglichkeiten haben und ihr eigenes Geld verdienen können. Im Unterschied zu ihrer Vorgängergeneration aber haben sie diese Chance, und zwar satt. Denn die starken Jahrgänge der Babyboomer gehen jetzt aus dem Beruf und hinterlassen riesige Lücken. Durch diese demographische Veränderung bekommen die Angehörigen der „Generation Z“ ungeahnte Möglichkeiten der Entfaltung. Unternehmen stehen bei ihnen schon vor dem Schulabschluss auf der Schwelle und buhlen um ihre Gunst. Wirkliche Sorgen müssen sie sich um ihre beruflicher Zukunft nicht machen. Das macht den Unterschied.

Eine solche Lebenssituation, das zeigen historische Vergleiche, macht den Kopf frei, schafft den Spielraum, sich leidenschaftlich für Dinge einzusetzen, die nach der materiellen Existenzsicherung kommen. Das sind laut Shell-Jugendstudien Terror- und Kriegsgefahren und Klima- und Umweltgefährdungen. Diese Themen stehen bei jungen Leuten gedanklich schon seit 20 Jahren weit oben auf der Liste der Sorgen und Ängste. Und brechen sich jetzt auch praktisch Bahn. Wobei das Umweltthema viel emotionaler besetzt ist als Terror und Krieg. Die jungen Leute haben das Gefühl, ihnen werde die existenzielle Grundlage entzogen, im wahrsten Sinne des Wortes das Wasser zum Trinken und die Luft zum Atmen genommen. Deshalb geht es auch um Ernährung, Tierwohl, Mobilität und andere lebensweltliche Anliegen, die sich jetzt mit dem Umweltschutz verbinden.

Die politische Bewegung der Schülerinnen und Schüler kommt also nicht aus heiterem Himmel, sondern sie ist aus der akuten Lebenssituation der jungen Leute heraus entstanden. Eine Initialzündung brachte die unbeirrbare Positionierung der schwedischen Schülerin Greta Thunberg. Ihr ungewöhnliches Verhalten hat viele Schülerinnen und Schüler ermutigt, sich politisch zu engagieren.

Es ist auch ein Aufstand gegen die Alten

Drei Merkmale der Bewegung fallen besonders auf. Zum einen sind die Aktivisten sehr jung. So jung, wie wohl noch nie bei einer politischen Bewegung. Schon 13- und 14-jährige Schülerinnen und Schüler wirken aktiv mit – und nicht etwa Studentinnen und Studenten, die früher Initiatoren von politischen Bewegungen waren. Hier wird deutlich, dass ein elementares politisches Interesse heute früh einsetzt. Durch die Beschleunigung der Lebensabläufe, durch die ständige und ubiquitäre Verfügbarkeit von Informationen übers Smartphone, den globalen Nachrichtenaustausch in Echtzeit und die weltweite Vernetzung der jungen Leute über digitale Plattformen, ist eine deutliche Intensivierung der Auseinandersetzung mit der Lebenswelt und der eigenen Rolle als aktiver Bürger entstanden. Schon Zwölfjährige sind heute in der Lage, sich politisch zu artikulieren. Schon Grundschulkinder sind an Themen wie Klima und Umwelt interessiert. Mein Enkelkind, gerade in der ersten Klasse, fragte mich neulich: „Wenn jetzt bald die Welt kaputtgeht und ich lebe noch – was soll ich dann machen?“

Zum Zweiten ist die Beteiligung von weiblichen Jugendlichen ungewöhnlich hoch. Die jungen Frauen sind, wie die Shell-Jugendstudien zeigen, im Allgemeinen weniger an politischen Themen interessiert und beteiligen sich auch deutlich seltener an politischen Aktionen als ihre Geschlechtsgenossen – beim Thema Klima und Umwelt aber ist das anders. Es sieht sogar so aus, als ob unter den führenden Köpfen der Bewegung in Deutschland, der Spur von Greta Thunberg folgend, die jungen Frauen eine wichtige Rolle einnehmen.

Zum Dritten legt die Bewegung einen Generationskonflikt offen. Die Angehörigen der jungen Generation in Deutschland haben seit etwa 20 Jahren ein äußerst harmonisches Verhältnis zu ihren eigenen Eltern. Mutter und Vater sind ihre wichtigsten Vorbilder, sie geben ihnen Orientierung und Beratung in allen Lebensfragen von der Bildung über die Karriere bis zur Partnerschaft. Umso bemerkenswerter, dass die Klimademonstrationen eine ganz klare Stoßrichtung gegen die Angehörigen der älteren Generation, also auch der eigenen Eltern, haben. Die jungen Leute mit einem langfristigen Horizont für ihre Handlungsperspektiven werfen den machthabenden älteren Generationen vor, kurzsichtig gehandelt und untätig die Verschlechterung von Umweltbedingungen hingenommen zu haben.

Eine solche Spannung zwischen den Generationen hat es lange nicht gegeben. Den älteren Generationen einen Machtmissbrauch und eine Einschränkung von Lebensperspektiven vorzuhalten – das sind ganz neue Töne. Die junge Generation lenkt damit die Aufmerksamkeit auf die Generationenunwucht, die das gesamte politische Leben destabilisiert.

Seit dem Brexit wissen wir, wie unterschiedlich die Interessen der Jüngeren und der Älteren bei entscheidenden politischen Fragen sein können. Es waren die Jungen, die für ein europafreundliches Großbritannien mit weltoffener Atmosphäre gestimmt haben. Die Älteren hingegen wollten ihr altes starkes Königreich zurück, ohne zu bedenken, welche Spielregeln in einer globalisierten Welt von morgen gelten. Diese Kluft zwischen den Generationen hat das Land Großbritannien in eine der schwersten Krisen seiner Geschichte gestürzt.

Die Lehre daraus: Ungelöste Interessenkonflikte zwischen Generationen haben eine systemsprengende Wirkung. Deswegen sind sie auch hierzulande ernst zu nehmen. Das gilt für die finanzielle Absicherung im Alter, bei der seit einigen Jahren nur noch solche Weichen gestellt werden, die der heute mittleren und älteren Generation Vorteile verschaffen. Das gilt für die hohe Überschuldung aller öffentlichen Haushalte, die letztlich von den jüngeren Generationen ausgeglichen werden muss. Und es gilt für den Umweltschutz.

Können die Jungen für die Parteien gewonnen werden?

Was muss geschehen, damit die langfristig angelegten Interessen der Jungen nicht auf der Strecke bleiben? In einem parlamentarischen System wirken die Parteien, wie es im Grundgesetz heißt, an der politischen Willensbildung des Volkes mit. Ohne ihre Beteiligung wird es keine machtpolitischen Veränderungen geben, auch nicht bei Klima- und Umweltfragen. Straßenproteste alleine bewirken keinen Politikwechsel, wenn sie auch noch so nachhaltig oder noch so aggressiv verlaufen. Vielmehr müssen die Themen in das parlamentarische System und in die Machtstrukturen der parteipolitischen Auseinandersetzung hineingetragen werden, wenn es zu Entscheidungen kommen soll.

Deswegen stellt sich die Frage, ob die jetzt wieder politisierte junge Generation für das parlamentarische System und für die Parteien gewonnen werden kann. Zwar haben alle Parteien in den letzten zehn Jahren ein wenig an Mitgliedern aus den jüngeren Generationen unter 35 Jahren gewonnen, noch aber ist die Parteimitgliedschaft durch die über 60-Jährigen dominiert. Das durchschnittliche Alter der beiden großen Volksparteien CDU/CSU und SPD liegt bei 60, das der Grünen bei 50 Jahren. Wer heute als 20-Jähriger in eine Partei eintritt, der landet also in einem Altenclub, wird in Diskussionen hineingezogen, in denen weder seine Sprache gesprochen noch seine Interessen transportiert werden.

Noch fremdeln die jungen Leute mit den starren Strukturen und den apparatehaften Abläufen in den Parteien, sie vermissen schnelle und flexible Abstimmungen über digitale Kanäle. Für die Zukunft des gesellschaftlichen Zusammenlebens ist die Artikulation politischer Interessen durch die jüngste Generation aber überlebenswichtig. Deswegen wird es Zeit, dass die jungen Leute aktiv an der Gestaltung der inneren Strukturen der Parteien beteiligt werden und dort ihre Reformakzente setzen können. Nur auf diese Weise können ihre Themen in die Parteien und damit in die machtpolitischen Entscheidungsstrukturen einfließen. Nur so kann es gelingen, die Klimapolitik und den Umweltschutz politisch stärker zu verankern als heute.

Putins Propaganda-Apparat wird daran sicher kein Interesse haben.

Klaus Hurrelmann ist Sozial-, Bildungs- und Gesundheitswissenschaftler. Seit 2009 ist Professor an der Hertie School of Governance in Berlin.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

10 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben