• „Gänzlich außer Kontrolle geraten“: Zentralrat der Juden greift Jüdisches Museum massiv an

„Gänzlich außer Kontrolle geraten“ : Zentralrat der Juden greift Jüdisches Museum massiv an

Für den Zentralrat hat die Leitung des Museums das „Vertrauen der jüdischen Gemeinschaft verspielt“. Grund ist der Retweet eines Artikels zur BDS-Bewegung.

Das Jüdische Museum in Berlin.
Das Jüdische Museum in Berlin.Foto: imago/Schöning

Der Zentralrat der Juden hat das Jüdische Museum Berlin wegen eines Tweets harsch kritisiert. „Das Maß ist voll. Das Jüdische Museum Berlin scheint gänzlich außer Kontrolle geraten zu sein“, schreibt Präsident Josef Schuster auf dem offiziellen Twitter-Account des Dachverbandes. Verärgert hat ihn eine Leseempfehlung, die das Museum auf Twitter geteilt hat: Ein Artikel der Tagesszeitung „taz“. Darin geht es um die Kritik von 240 jüdischen und israelischen Wissenschaftlern an einem Beschluss des Bundestages. Dieser hatte vor kurzem die gegen Israel gerichtete BDS-Bewegung als antisemitisch verurteilt.

In dem Tweet des Zentralratspräsidenten heißt es weiter: „Unter diesen Umständen muss man darüber nachdenken, ob die Bezeichnung ,jüdisch’ noch angemessen ist“. Das „Vertrauen der jüdischen Gemeinschaft“ habe „die Leitung des Hauses“ verspielt.

Das Kürzel „BDS“ steht für Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen, die sich gegen Israel richten. Auch in Deutschland ruft die Bewegung zum Boykott gegen Waren, Dienstleistungen, Künstler, Wissenschaftler und Sportler aus Israel auf. Die Bewegung verlangt ein Ende der Besatzung des Westjordanlandes, der Golanhöhen und Ost-Jerusalems, die völlige Gleichberechtigung arabisch-palästinensischer Bürger Israels und ein Recht auf Rückkehr nach Israel für palästinensische Flüchtlinge und deren Nachkommen. Vor allem den Boykottaufruf verurteilte der Bundestag als antisemitisch. Diese Bewertung ist allerdings umstritten.

„Der Beschluss der Parlamentarier hilft im Kampf gegen den Antisemitismus nicht weiter“, zitiert das Museum im Tweet aus dem Artikel und gibt damit die Meinung der israelischen Wissenschaftler wider. Zu denen gehören Antisemitismus- und Holocaustforscher von Universitäten in Israel und den USA. In einem gemeinsamen Aufruf werfen sie dem Bundestag vor, im Interesse der israelischen Regierung zu handeln. Die Unterzeichner warnen vor dem „Trend, Unterstützer palästinensischer Menschenrechte als antisemitisch abzustempeln.“

Der Zentralrat der Juden unterstützt dagegen den Beschluss des Bundestages, der mit einer großer Mehrheit angenommen wurde. Den Abgeordneten zufolge erinnere der Boykottaufruf der BDS „an die schrecklichste Phase der deutschen Geschichte“. Die „Don't Buy“-Aufkleber der Bewegung „weckten unweigerlich Assoziationen zu der NS-Parole 'Kauft nicht bei Juden!'“, argumentierten die Parlamentarier. So sieht es auch Schuster: „Es ist Zeit, dem Antisemitismus in jeglicher Form entschlossen entgegenzutreten“, sagte er. „Endlich wird die anti-israelische Boykottbewegung auch auf Bundesebene klar als das benannt, was sie ist, nämlich antisemitisch.“

Die israelischen Wissenschaftler bezeichnen Boykotte hingegen als ein legitimes und gewaltfreies Mittel des Widerstands. Der Bundestagsbeschluss ignoriere außerdem, dass sich die Bewegung auf ihrer Webseite ausdrücklich gegen alle Formen des Rassismus ausspreche, einschließlich Islamophobie und Antisemitismus.

Das Jüdische Museum Berlin zeigt sich derweilen überrascht von den harschen Kritik des Zentralrates der Juden. „Mit dem Tweet verfolgt das Jüdische Museum Berlin in keiner Weise die Absicht, sich gegen den Bundestagsbeschluss zu stellen“, sagte Pressesprecherin Katharina Schmidt-Narischkin auf Nachfrage des Tagesspiegels. „Nach unserem Verständnis gibt der Artikel den Stand einer Debatte wieder, inwieweit der Beschluss helfe, den Antisemitismus erfolgreich zu bekämpfen.“ Dass die Formulierung missverstanden wurde, bedauere das Museum sehr.

Schon in der Vergangenheit war das Jüdische Museum mit seinem Programm angeeckt. Der israelische Regierungschef Benjamin Netanjahu kritisierte die Ausstellung „Welcome to Jerusalem“ als „antiisraelisch“. In der multimedialen Show wurden neben israelischen auch palästinensische Stimmen zum Nahost-Konflikt vorgestellt. (Tsp, AFP, KNA)

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