Gedenken : Die Begeisterung des Mauerfalls auf Europa übertragen

Derzeit wird dem Fall der Berliner Mauer gedacht - zeitgleich entstehen in Europa neue Barrieren. Die Zivilgesellschaft muss sie überwinden. Ein Gastbeitrag.

Goran Buldioski
Der Fall der Berliner Mauer war ein bedeutendes Ereignis für ganz Europa.
Der Fall der Berliner Mauer war ein bedeutendes Ereignis für ganz Europa.Foto: Wolfgang Kumm / dpa

Der Fall der Berliner Mauer war ein bedeutendes Ereignis für ganz Europa. Die Überwindung dieser physischen Grenze erweckte bei vielen Menschen den Glauben, dass auch andere Barrieren aufgehoben werden könnten. Mit dem Mauerfall, so die Hoffnung, würden die enormen wirtschaftlichen und politischen Unterschiede zwischen Ost und West sowie innerhalb der einzelnen Staaten verblassen und langfristig verschwinden. Eine Generation später hat sich diese Sehnsucht nicht erfüllt. Wenn wir jedoch nur ein Fünkchen dieser Hoffnung und Begeisterung aus der Wendezeit zurückgewinnen könnten, wären wir in der Lage unsere kriselnden Demokratien wieder zu stärken. Die Zivilgesellschaft, deren Förderung ich mich verschrieben habe, spielte damals eine entscheidende Rolle, um Hoffnung und das Momentum für die nachfolgenden Ereignisse zu erzeugen. Ich bin davon überzeugt, dass von ihr noch immer die gleiche Kraft ausgehen und unseren demokratischen Gesellschaften eine neue Dynamik verleihen kann.

Im November 1989 war ich sechzehn Jahre alt und lebte in Skopje im heutigen Mazedonien. Über den Mauerfall wurde im staatlichen Fernsehen nur knapp berichtet, doch nur einen Monat später liefen die Bilder über die Rumänische Revolution live über den Bildschirm. Die Regierung gewährte einen bisher nie dagewesenen Zugang zu Informationen, ein entscheidender Schritt auf dem Weg zu einem Mehrparteiensystems, das kurz darauf eingeführt wurde. Meine Schulfreunde und ich verstanden, dass die Ereignisse in Berlin von immenser Bedeutung waren, doch ihre Tragweite lag jenseits unserer Vorstellungskraft. Wir selbst wollten mehr persönliche Freiheit. So rebellierten wir bei den kleinesten Dingen in der Schule. Es war eine außergewöhnliche Zeit, um erwachsen zu werden.

Rückblickend wird klar, dass die politische Führungsebene der noch jungen Demokratien es nicht darauf anlegte eine demokratische Kultur aus der Gesellschaft heraus zu entwickeln und vergaßen dabei oft effektive, unpolitische Organisationsstrukturen, wie die Pfadfinder im ehemaligen Jugoslawien. Stattdessen wurde die Vermittlung eines demokratischen Rechtsverständnisses vollständig zivilgesellschaftlichen Organisationen überlassen. Die jungen Demokratien importierten oder adaptierten Modelle und Werte, die nicht Fuß fassen konnten. Von den Bürgern wurde erwartet, dass sie ihre politischen und sozialen Rechte wertschätzen, während die Mehrheit der Gesellschaft damit beschäftigt war, eine Wohnung zu finden und eine gute bezahlte Anstellung, um mit den steigenden Preisen Schritt zu halten. Liberalisierte Märkte ersetzten die Planwirtschaften und mit ihnen die Legitimation staatlicher Eingriffe in die Wirtschaft, aber die Verbraucher hatten auf einmal die Wahl - ein Videorekorder, ein Fernseher, der nicht derselbe war wie der aller anderen und mehr als drei Arten von Waschmitteln. Der freie Markt wurde zu einem Prinzip, das weder inhaltlich noch politisch angefochten werden durfte.

Der wachsende Populismus, der sich mit rasanter Geschwindigkeit in ganz Europa ausbreitet, ist eine Konsequenz der Politik der letzten 29 Jahre. Es ist ein weit verbreiteter Glaube, dass sich der neoliberale Markt in Ost und West frei entfalten konnte und im Zuge dessen ein großer Teil der Gesellschaft von ihren Volksvertretern und –Vertreterinnen im Stich gelassen wurde. Heute lebe ich in Berlin, einer Stadt, in der die Immobilienpreise allein im vergangenen Jahr um mehr als 20 Prozent gestiegen sind – der höchste Anstieg weltweit. Die Mieten sind in den letzten fünf Jahren um rund 75 Prozent gestiegen, während die Löhne seit zwei Jahrzehnten unverändert geblieben sind. Diese Parallelen sind auch eine Generation nach dem Mauerfall offensichtlich.

Müssen wir verzweifeln? Keinesfalls. Europa verfügt über alle Voraussetzungen, um seine materiellen und politischen Unterschiede zu überwinden. Jedoch dürfen wir die Kontrollmechanismen einer funktionierenden Demokratie nicht als selbstverständlich erachten. Die Erfahrungen während meiner eigenen Kindheit haben mir vor Augen geführt, wie wichtig eine aktive Zivilgesellschaft für eine funktionierende Demokratie ist. Wir alle kennen Beispiele, was durch freiwilliges Engagement erreicht werden kann, doch aus diesen kleinen Erfolgen muss mehr werden. Eine Möglichkeit, die politische Teilhabe zu stärken, besteht darin, Gemeinden in ländlichen Gebieten und Kleinstädten fernab der Großstädte vor Ort zu unterstützen. Dort zu helfen, wo die Menschen unmittelbar mit Problemen und Herausforderungen konfrontiert sind und daher am besten wissen, was getan werden muss. Diese Bürger müssen dazu befähigt werden gemeinsam aktiv zu werden – sei es um sich für eine Busverbindung in die nächstgelegene Stadt stark zu machen oder korrupte Machenschaften lokaler Politiker aufzudecken.

Die Lösung dieser Probleme wird die Notwendigkeit politischen Handelns nicht ersetzen. Kleine Veränderungen innerhalb der Zivilgesellschaft können jedoch größere, gesamtgesellschaftliche Veränderungen nach sich ziehen, und zu einer Verankerung von Grundwerten beitragen. Während wir dem Fall der Berliner Mauer gedenken, sollten wir uns bewusst machen, dass zeitgleich in ganz Europa neue Barrieren entstehen. In einer offenen Gesellschaft müssen wir bereit sein, auf diejenigen zu hören, deren Stimmen verloren gegangen sind oder zum Schweigen gebracht wurden. Wir Europäer dürfen den Zustand der Freiheit und der Demokratie nicht als selbstverständlich erachten. Wir müssen dafür sorgen, dass sich die vielen kleinen zivilgesellschaftlichen Erfolge summieren um gemeinsam die neuen Mauern in Europa einzureißen. Andernfalls wird sich die Hoffnung auf einen demokratischen Neuanfang, die wir 1989 verspürten, weiter verflüchtigen und sich für eine neue Generation junger Europäer wohlmöglich nie eröffnen.

Goran Buldioski ist Direktor der Open Society Foundation in Berlin und Co-Director der Open Society Initiative für Europa.

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