Geschlechtergerechte Sprache : Kommt das Gendersternchen jetzt in den Duden?

Der Rat für deutsche Rechtschreibung diskutiert bald über geschlechtergerechtes Schreiben. Sprachexperten sind sich uneins, wenn es ums Gendern geht.

Der Rat der deutschen Rechtschreibung legt die amtliche Schreibweise von Worten fest - und fasst diese im Duden zusammen.
Der Rat der deutschen Rechtschreibung legt die amtliche Schreibweise von Worten fest - und fasst diese im Duden zusammen.Foto: Britta Pedersen/dpa

In drei Wochen ist es soweit: Am 8. Juni will der Rat für deutsche Rechtschreibung, der die amtliche Schreibweise von Worten festlegt, sich bei seiner Sitzung in Wien mit „geschlechtergerechter Schreibung“ befassen. Mit auf der Tagesordnung steht das Gendersternchen.

Es wird bei Personenbezeichnungen zwischen den Wortstamm und der weiblichen Endung eingefügt: „Kolleg*innen“. Damit wollen viele Schreiberinnen und Schreiber auch Frauen sprachlich sichtbar machen. Ursprünglich soll der Stern aber auch auf die Fülle anderer Geschlechter verweisen, ebenso wie der „Gendergap“ (deutsch: „Geschlechterlücke“): „Kolleg_innen“.

Warum befasst sich der Rat für Rechtschreibung mit dem Thema?

Der Rat für deutsche Rechtschreibung hat die Aufgabe, den Schreibgebrauch zu beobachten. So geraten auch orthografische Phänomene wie das Gendersternchen in seinen Blick. Sprachpolitisch will der Rat aber nicht wirken, wie Heinz Bouillon, Linguistikprofessor in Louvain und Vorsitzender der zuständigen Arbeitsgruppe des Gremiums, betont.

Vielmehr reagiert der Rat aktuell auf eine Anfrage des Landes Berlin vom April, nämlich der Senatsverwaltung für Justiz, Verbraucherschutz und Antidiskriminierung, genauer: der dort angesiedelten Landesstelle für Gleichbehandlung. Diese hatte um eine Formulierungsempfehlung gebeten: Wie lässt sich angemessen über Personen jenseits der beiden klassischen Geschlechter Mann und Frau schreiben? Gemeint sind einerseits Intersexuelle (also Menschen, deren angeborene Geschlechtsmerkmale, von der herrschenden Norm nicht als „eindeutig“ akzeptiert werden) oder solche Transmenschen, die sich weder als männlich noch als weiblich identifizieren.
Der Rat hat nach dem Karlsruher Urteil vom November noch weitere Anfragen registriert, bei denen es um die Möglichkeit ging, ein drittes Geschlecht angemessen abzubilden. Das Bundesverfassungsgericht hatte festgestellt, die bisherigen Regelungen des Personenstandsrechts, die bloß „männlich“ oder „weiblich“ sind und keine dritte Möglichkeit zulassen, verstießen gegen das Grundgesetz.

Allerdings sei dieses Thema zuallererst „sprachpolitisch und erst in zweiter Linie orthografisch“, sagt Sabine Krome, die die Geschäftsstelle des Rats für deutsche Rechtschreibung vertritt und das Positionspapier zur geschlechtergerechten Schreibung für die anstehende Sitzung in Wien vorbereitet. Möglicherweise werde der Rat also abwarten, wie Bund und Länder sich in der Angelegenheit verhalten.

Wer schreibt mit Gendersternchen?

Das Gendersternchen ist ein eher neues Phänomen. Allerdings breitet es sich in bestimmten Milieus schnell aus. Bis in die SPD hinein benutzen Politiker es in Zeitungsbeiträgen. „Erzieher*innen sind frustriert“, beklagt die „Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft“ in einer Pressemitteilung. In Stellenanzeigen sucht die Evangelische Kirche „Religionslehrer*Innen“, die Diakonie einen/eine „Pressesprecher*in“.

Die Berliner Landeszentrale für Politische Bildung präsentiert aktuell eine Outdoor-Ausstellung „Berlin im Wandel“, in der auch beschrieben wird, wie sich nach dem Dreißigjährigen Krieg „Fries*innen und Holländer*innen“ in Berlin ansiedelten.

Nicht nur zu lesen, auch zu hören ist der Genderstern – etwa von Studierenden, die es beim Sprechen durch eine kurze Unterbrechung kenntlich machen („Kolleg-innen“). Unterdessen sehen sprachkonservative Kritiker im Gendersternchen eine „Sprachverhunzung“ und Ausdruck von „Genderwahn“.

Wie denken Linguisten übers Gendern?

Auch in der Linguistik polarisiert der Genderstern, wie die Frage des geschlechtergerechten Sprechens überhaupt. Dabei geht es im Kern um das generische Maskulinum. Manche Linguisten sind der Meinung, alternative Schreibweisen seien unnötig. Das Wort „Ingenieure“ meine auch Frauen mit.

Diese Auffassung wird aber von anderer wissenschaftlicher Seite in Frage gestellt, seit die feministische Sprachkritik in den achtziger Jahren auch die Universitäten erreichte, nicht zuletzt in Form der breit rezipierten Glossen der Linguistin Luise Pusch. Sprache habe sich beeinflusst von Jahrtausende alten Machtstrukturen entwickelt, erklärte Pusch. Die deutsche Grammatik sei kein Naturphänomen, sondern historisch-gesellschaftlich gewachsen. Darum dürfe sie auch kritisiert und verändert werden.

Peter Eisenberg, Professor für deutsche Sprache der Gegenwart im Ruhestand an der Universität Potsdam, ist der prominenteste Kritiker geschlechtergerechten Schreibens in der Wissenschaft. Eisenberg wirft der feministischen Linguistik vor, das grammatische Geschlecht zu sexualisieren.

Wer das generische Maskulinum verwendet, sei „vom Bezug auf ein natürliches Geschlecht befreit“, er formuliere allgemeiner, schrieb Eisenberg unlängst in der „Frankfurter Allgemeinen“. Das grammatische Geschlecht sei in den indoeuropäischen Sprachen durch die Unterscheidung von „belebt“ und „unbelebt“ (später Maskulinum und Neutrum) entstanden, erst als drittes Geschlecht sei das Femininum mit einer Spezialisierung auf die Bezeichnung von Mehrheiten und Abstrakta („Freiheit“, „Sauberkeit“, „Bedeutung“) hinzugekommen.

Diese Argumentation hält Gabriele Diewald, Linguistik-Professorin an der Universität Hannover und Mitautorin des Duden-Bands „Richtig gendern“, für den Versuch, Verwirrung zu stiften. Natürlich besitze jedes Substantiv ein (politisch unverdächtiges) grammatisches Geschlecht („der Tisch“, „das Gebirge“).

Das habe aber nichts mit dem generischen Maskulinum bei Personenbezeichnungen („Professoren“ soll „Professorinnen“ einschließen) zu tun. Anders als das Geschlecht von Substantiven sei das generische Maskulinum bei Personenbezeichnungen keinesfalls „sprachsystemisch“ im Deutschen verankert, sondern eine „Gebrauchsgewohnheit“, die sich erst im 20. Jahrhundert fest etabliert habe, sagt Diewald. Männer seien damit zum „Prototyp“ geworden.

Diewald würde sich freuen, wenn das große Binnen-I in die amtliche Norm aufgenommen würde. Das Gendersternchen habe den Nachteil, nicht zum Alphabet zu gehören. Auch werde es bislang eher von Insidern benutzt. Das Binnen-I könne so definiert werden, dass wie beim Gendersternchen auch weitere Geschlechter mitgemeint seien.

Wie ist die Lage im Ausland?

Im englischen Sprachgebrauch ist das Gendersternchen sowieso überflüssig, denn ein Suffix zur Kennzeichnung von Frauen gibt es bei Personenbezeichnungen nicht („author", „doctor“). Allerdings achten manche Sprecher bei den Personalpronomen darauf, auch die weiblichen zu nennen.

Das Oxford English Dictionary nahm vor drei Jahren die geschlechtsneutrale Anrede Mx (neben den herkömmlichen Mr, Mrs, oder Ms auf). In Frankreich versuchten vor einigen Monaten über 300 Schulen und Hochschulen, eine „inklusive Grammatik“ einzuführen: Wenn es sich um eine gemischte Gruppe handelt, sollten die Pluralbildungen feminin sein: „les hommes et les femmes sont belles“ statt „beaux“. Die Académie Française schmetterte den Vorstoß sogleich als „tödliche Gefahr“ ab. In Österreich und der Schweiz haben viele Ministerien Leitfäden für geschlechtergerechte Sprache verfasst.

Wie wird der Rat für Rechtschreibung verfahren?

Eine achtköpfige Gruppe erarbeitet für das Treffen der 41 Ratsmitglieder am 8. Juni ein Positionspapier. Mit knackigen Empfehlungen – das Gendersternchen wird amtlich erlaubt oder verdammt – ist dabei nicht zu rechnen, wie der Arbeitsgruppen-Vorsitzende Bouillon sagt. Auch einen Wink in eine bestimmte Richtung werde es nicht geben.

Die Sprachexperten werden vermutlich empfehlen, zunächst die tatsächliche Verbreitung von Gendergap, Genderstern und Binnen-I über Forschung in den großen Textsammlungen zu erfassen. Nach ein bis zwei Jahren könnte der Rat dann eine Entscheidung treffen.

Er könnte auf eine Öffnung für neue Schreibweisen ganz verzichten oder Variationen in die amtliche Rechtschreibung aufnehmen. Die letzte Entscheidung läge bei den beteiligten deutschsprachigen Ländern.
Der Rat werde sich bei seinen Empfehlungen aber nicht allein an der Verbreitung des Gendersternchens orientieren, sagt Sabine Krome von der Geschäftsstelle des Rats. Entscheidend seien vielmehr die Auswirkungen des Sternchens auf Kriterien wie Grammatik oder stilistische Fragen.

Auch gute Lesbarkeit werde bei den Beratungen eine wichtige Rolle spielen. Unter den 41 Mitgliedern, allesamt Sprachpraktiker oder Linguisten, herrschten allerdings durchaus unterschiedliche Sichtweisen, sagt Krome. „Die Dinge wachsen auch mit Entwicklungen im gesellschaftspolitischen Bereich.“ So habe mit der Geschlechtergerechtigkeit „vieles im Argen gelegen“. Darauf gebe es dann eben auch sprachliche Reaktionen wie eben das Binnen-I oder das Gendersternchen.

Wie geht es weiter mit dem Genderstern?

Während das neutrale „Studierende“ es in den Duden geschafft hat, blieb dies dem seit Jahrzehnten bekannten Binnen-I verwehrt. „Großbuchstaben kommen traditionell nun einmal nicht im Wortinnern vor“, sagt Horst Simon, Professor für Historische Sprachwissenschaft an der Freien Universität Berlin. Er hielte es nur für konsequent, wenn der Rat für deutsche Rechtschreibung den Genderstern derzeit nicht zur amtlichen Norm erheben würde: „Wie der Unterstrich verstößt das Sternchen gegen alle Konventionen der deutschen Drucksprache.“

Natürlich könne sich die Sprache wandeln. Doch Sprachwandel vollziehe sich „unbeabsichtigt und unbemerkt und vor allem meist recht langsam“ und nicht durch Interventionen einer eher kleinen Zahl von politisch Aktiven. Insofern sollte der Rat nicht „jede Neuerung“ gleich zementieren. „Dann weiß bald niemand mehr, wie ‚richtig’ geschrieben wird.“ Simon sagt aber, er nehme die Vorgaben des Rats für deutsche Rechtschreibung ohnehin nicht allzu wichtig. Sozialisiert in den achtziger Jahren schreibe er noch oft mit Binnen-I – jedoch in radikaler Kleinschreibung, sodass Wörter wie „sprecherinnengemeinschaft“ entstehen.

Kommt der Genderstern auch nicht in den Duden, steht es den meisten doch frei, ihn zu benutzen. Die amtlichen Regeln gelten nur in Schulen und Behörden.

Wie das Gendersternchen bislang gesetzlich und politisch gehandhabt wird, lesen Sie hier.

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