"Grundaussage bleibt" : Mediziner geben Rechenfehler im Feinstaub-Streit zu

Lungenarzt sieht weiter falsche Prioritätensetzung: "Bei den Grenzwerten wird ein Scheingefecht ausgetragen."

Ina Bullwinkel
Foto: Bernd Weissbrod, dpa

Er stehe immer noch zu seiner Unterschrift, sagt der Berliner Lungenfacharzt Thomas Hering. Er ist einer von mehr als 100 Medizinern, die das von Lungenarzt Dieter Köhler im Januar veröffentlichte Papier unterstützt haben. Darin hatte Köhler die geltenden Grenzwerte für Feinstaub und Stickoxid infrage gestellt und deren Wissenschaftlichkeit angezweifelt. Nach einer Recherche der „tageszeitung“ hat Köhler nun Rechen- und Zahlenfehler eingeräumt.

„Meine Unterschrift zur Stellungnahme von Herrn Professor Köhler basiert auf meiner Kenntnis seiner Interviews zur Thematik, die mich überzeugt haben“, sagt Hering. Sollten Zahlen in der Stellungnahme fehlerhaft sein, so ändere das für ihn nichts an der Grundaussage des Papiers. „Meine persönliche Position zur Thematik erfolgt aus der Perspektive eines Lungenarztes, der täglich Patienten mit den Ergebnissen der Zerstörung der Atemwege durch die Einwirkung von Tabakrauch erlebt.“ Hering zweifelt nicht daran, dass Gase und andere Belastungen der Luft aus dem Straßenverkehr schädlich seien. Er stimme Köhler jedoch in der Aussage zu, dass die Datenlage zur Schädlichkeit von Stickoxiden zu dünn erscheine, um mit ihnen Maßnahmen wie Diesel-Fahrverbote zu begründen. Es gebe derzeit „keine wissenschaftliche Begründung für die aktuellen Grenzwerte“, argumentierte die Ärztegruppe in dem Papier. Deswegen forderte sie eine Neubewertung der bisherigen Studien.

Unsichere Daten

Für Hering, Experte für Atemwegserkrankungen durch Asbest, geht es vor allem darum, wie die Bundesregierung ihre Prioritäten setze. „Wenn der Staat tatsächlich die Gesundheitsgefahren im Hinblick auf die Atemwege senken will, hätte er an vorderster Stelle die Pflicht, die Risiken durch Tabakkonsum zu vermindern“, sagt er. 120000 Tabaktote pro Jahr stünden geschätzten 6000 Todesfällen aufgrund von Luftverschmutzung gegenüber. „Bei den Grenzwerten wird ein Scheingefecht ausgetragen, obwohl dort im Gegensatz zum Tabakkonsum keine sichere Datenbasis vorliegt“, sagt Hering.

Unsichere Daten gibt es laut den Recherchen der „taz“ hingegen auch in Köhlers viel zitierter Stellungnahme. Die Zeitung entkräftet das zentrale Argument Köhlers, die Stickstoffdioxidbelastung in Innenstädten lasse sich mit dem Schadstoffgehalt von Zigarettenrauch vergleichen. Die Fehler, die Köhler in der Berechnung unterlaufen sind, seien demnach „gravierend“. Inzwischen hat Köhler die falschen Angaben in der „taz“ bestätigt.

Köhlers Berechnung besagt, Raucher erreichten in weniger als zwei Monaten die gleiche Feinstaubdosis, die ein 80-Jähriger Nichtraucher im Laufe seines Lebens einatmen würde. In Wahrheit erreicht ein Raucher die gleiche Belastung aber erst nach sechs bis 32 Jahren.

Von seinen Äußerungen zu den Grenzwerten will der Lungenarzt und frühere Präsident der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie dennoch nicht abrücken. Die „Größenordnung“ sei weiter richtig, sagte er.

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