Herr, Frau, Mr., Mrs. oder Mademoiselle? : Mein drittes Geschlecht

Mehr als zwei Geschlechter sind den Formularen von Firmen und Behörden nach wie vor oft unbekannt. Sogar bei Titeln herrscht mehr Diversität. Eine Kolumne.

Längst nicht alle Lebensbereiche sind so divers wie dieses Pride-Festival in Budapest.
Längst nicht alle Lebensbereiche sind so divers wie dieses Pride-Festival in Budapest.Foto: REUTERS/Tamas Kaszas/File Photo

Deutschland kommt mir manchmal ganz schön altmodisch vor mit seinen Ritualen, die aus einem anderen Zeitalter stammen. Nehmen Sie nur die Lufthansa: Für das ehrwürdige Unternehmen scheint die binäre Geschlechterordnung nach wie vor die Norm zu sein. Sie ist wahrscheinlich einer der letzten Global Players, dessen Online-Formulare sich auf die Möglichkeit „Mr.“ für Männer und „Mrs.“ für Frauen beschränkt.

Nicht einmal das in Bezug auf das Liebesleben unverheirateter Frauen neutrale „Ms.“ steht zur Wahl. „Ms.“ mag vielleicht nicht besonders gut klingen, verbirgt hinter seiner Neutralität jedoch so ziemlich alles: von der Vorliebe für Ferienabenteuer über die außereheliche Lebensgemeinschaft bis hin zum Los der alten Jungfer.

Und was ist mit weiteren Ankreuz-Alternativen jenseits der drei genannten, wie zum Beispiel das „d“ für divers, wie es die deutsche Gesetzgebung seit Dezember eigentlich verlangt? Ein drittes Geschlecht bei der Lufthansa? Vergessen Sie’s!

Du Lufthansa kennt nur zwei Geschlechter

Dass die Frage nach dem Geschlecht neben dem Klima eine der prägendsten politischen Debatten unserer Zeit ist, scheint an einigen komplett vorbeigegangen zu sein. Frankreich hat gerade erst – immerhin! – das Kästchen „Mademoiselle“ aus offiziellen Formularen entfernt.

Man fragt sich schon, ob die Europäer schon einmal etwas von den etwa 50 heute offiziell verzeichneten Geschlechtern gehört haben. Trans, queer, genderfluid, unisex ... es gibt unendlich viele Kombinationsmöglichkeiten, die das normative binäre System durchkreuzen.

Die Geschlechterfrage prägt unsere Zeit

Die American Dialect Society hat sogar gerade das Pronomen „they“ zum US-Wort des Jahrzehnts gekrönt. Im vergangenen Jahr wurde es in das Webster's Dictionary aufgenommen. In der Einzahl verwendet, bezieht sich „they“ auf eine Person, die sich der Wahl zwischen „sie“ und „er“ verweigert. Die Sprache ist definitiv schneller als die Flugzeuge der Lufthansa.

Als ich dann gerade „Mrs.“ anklicken wollte, um meine Reservierung zu bestätigen, tauchte plötzlich eine andere Option auf dem Bildschirm auf. Ich hatte nun die Wahl zwischen Prof./Dr./ Prof Dr. oder keinem Titel. Und das in einem Land, in dem man in Cafés, Friseursalons und Geschäften zunehmend ungefragt mit „du“ angesprochen wird!

Warum klammert man sich an so einen Titel? Sicher ist es nicht leicht, auf die schillernde Brosche am Revers zu verzichten, die einem einen höheren sozialen Status und den damit einhergehenden Respekt verleiht. Was aber, wenn man ihn gar nicht verdient, sondern ihn irrtümlich erhalten hat?

Titel gehen mit sozialem Status einher

Bei einem Aufenthalt im Gästehaus einer indischen Universität staunte ich nicht schlecht, als ich morgens in der Lobby meinen Namen auf der Gästeliste las: „Prof. Pascale Hugues und Ehefrau“, stand da. Was für eine Beförderung! Ich hatte einfach mal so meinen sozialen Status, mein Geschlecht und meine sexuelle Neigung geändert.

Ich wies die Person am Empfang auf das Missverständnis hin. Am nächsten Morgen war der Fehler korrigiert. „Prof.“ war mit einem dicken schwarzen Stift durchgestrichen und durch „Dr.“ ersetzt worden. Die Ehefrau verschwunden.

Ich muss gestehen, dass ich nicht den Mut hatte, den armen Concierge, dem das am Tag zuvor äußerst peinlich gewesen war und der sich mehrfach entschuldigt hatte, auf diesen neuen Fehler hinzuweisen. Oder hatte ich mich womöglich an das schmeichelhafte Schmuckwerk gewöhnt? Wieder zum einfachen „Mrs.“ zurück? Kommt nicht infrage!

Aus dem Französischen übersetzt von Odile Kennel.

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