Imageprobleme der saudischen Herrscher : Die Propaganda des Prinzen

Wie Saudi-Arabiens Thronfolger Mohammed bin Salman sein Image aufpolieren will – und dessen Rivalen gegen ihn mobil machen.

Das Lächeln des Prinzen. Mohammed bin Salman ist rasant zum Thronfolger aufgestiegen.
Das Lächeln des Prinzen. Mohammed bin Salman ist rasant zum Thronfolger aufgestiegen.Foto: Mikhail Metzel/imago/Itar Tass

Der Mord am Dissidenten Jamal Khashoggi, das rücksichtslose Vorgehen gegen Kritiker im eigenen Land, der desaströse Krieg im Jemen. Dazu die Pandemie und der ins Bodenlose gefallene Ölpreis: Saudi-Arabien ist seit Monaten im Krisenmodus. Das Gleiche gilt für den De-Facto-Herrscher des Landes, Mohammed bin Salman. Dessen Ruf ist ramponiert, das Image des weltoffenen, mutigen Modernisierers leidet.

Doch nun versuchen die PR-Strategen des Thronfolgers gegenzusteuern. Das gilt vor allem für die Außenwirkung der Monarchie. Das peinliche Kapitel Khashoggi soll endlich ein Ende finden. Zugleich will der designierte Nachfolger des greisen Königs Salman mit dem Treffen der 20 weltweit wichtigsten Industrienationen in Riad glänzen.

Außerdem möchte bin Salman den britischen Fußball-Erstligisten Newcastle United für 340 Millionen Euro kaufen. Die Image-Offensive läuft allerdings nicht nach Plan.

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Zur Inszenierung gehört, dass Khashoggis Söhne jetzt dazu bewegt wurden, den Mördern ihres Vaters öffentlich zu vergeben. Einer von ihnen teilte zum Ende des islamischen Fastenmonats Ramadan am Wochenende auf Twitter mit, die Familie des Regimekritikers handele in der Gewissheit, dass ein Mensch von Gott belohnt werde, wenn er anderen vergebe.

„Sie haben Blut an den Händen“

Mit der Geste rettete die Familie fünf verurteilte Mörder Khashoggis vor der Hinrichtung. Die Führung in Riad hofft offenbar, dass damit allmählich Ruhe in dem Fall einkehrt, der den Kronprinzen Mohammed als rücksichtslosen Gewaltherrscher zeigt.

Khashoggi wurde 2018 im saudischen Konsulat in Istanbul von einem Killerkommando ermordet. Das handelte nach Überzeugung westlicher Geheimdienste und der Vereinten Nationen mit Wissen oder sogar im Auftrag des Kronprinzen.

Der saudische Regimekritiker Jamal Khashoggi wurde von einem Killerkommando in Istanbul ermordet.
Der saudische Regimekritiker Jamal Khashoggi wurde von einem Killerkommando in Istanbul ermordet.Foto: Lefteris Pitarakis/AP/dpa

Doch wenn Mohammed bin Salman – genannt MBS – gehofft haben sollte, dass sich die Aufregung um den Khashoggi-Mord mit der Erklärung der Söhne legt, dann hat er sich getäuscht. Für UN-Ermittlerin Agnes Callamard ist die Twitter-Erklärung lediglich Teil einer „gut einstudierten Justiz-Parodie“.

Khashoggis türkische Verlobte Hatice Cengiz erklärte, niemand habe das Recht, den Mördern zu vergeben. In der britischen Zeitung „Guardian“ wandte sie sich zudem gegen die geplante Übernahme von Newcastle United durch den saudischen Investitionsfonds. Mohammed bin Salman regiere mit „Inhaftierung, Folter und Mord“, schrieb Cengiz.

Wenn das Geschäft zustande komme, sei auch der Ruf der Premier League beschädigt. „Die Leute, die jetzt Newcastle übernehmen wollen, haben Blut an den Händen.“

Das Jemen-Debakel

Probleme hat MBS gleichfalls wegen des Krieges im Jemen, den er vor fünf Jahren in der Hoffnung auf einen schnellen Sieg anzettelte, bei dem aber bis heute kein Ende in Sicht ist. Die aufständischen Huthi-Milizen, unterstützt vom saudischen Erzfeind Iran, bauen ihre Macht aus.

Eine Militärallianz unter Führung Saudi-Arabiens hat den Jemen in Trümmer gebombt.
Eine Militärallianz unter Führung Saudi-Arabiens hat den Jemen in Trümmer gebombt.Foto: Mohammed Mohammed/XinHua/dpa

Längst weiß das Königshaus in Riad, dass der Kampf mit militärischen Mitteln nicht zu gewinnen ist. Vielmehr schaden die Dauerbombardements ziviler Ziele dem Ansehen der Herrscher. Aber eine Strategie, um aus der Sache herauszukommen und dabei halbwegs das Gesicht zu wahren, scheint es nicht zu geben.

Der Ölpreisverfall und die Pandemie haben Saudi-Arabien zudem in wirtschaftliche Schwierigkeiten gestürzt, die das ehrgeizige Reformprogramm des Prinzen gefährden. Erst vor Kurzem musste die Mehrwertsteuer von fünf auf 15 Prozent drastisch erhöht werden, weil der Staatskasse Einnahmen fehlen.

Der G-20-Gipfel - eine große Bühne für den Herrscher

Als derzeitiger Ratsvorsitzender der G-20-Länder will bin Salman zwar das Gipfeltreffen der Industrienationen im November als Bühne für seine politische Vision des Aufbruchs ins Zeitalter erneuerbarer Energien nutzen. Aber das Spitzentreffen dürfte ganz im Zeichen der Rohstoff- und Coronakrise stehen – falls der Gipfel wegen der Virusgefahr überhaupt zustande kommt.

Saudische Frauen dürfen seit einiger Zeit Auto fahren. Aber Aktivistinnen, die sich für diese Freiheit einsetzten, sitzen in Haft.
Saudische Frauen dürfen seit einiger Zeit Auto fahren. Aber Aktivistinnen, die sich für diese Freiheit einsetzten, sitzen in Haft.Foto: Youssef Doubisi/AFP

Innenpolitisch macht der saudische Thronfolger weiter mit sozialen Veränderungen auf sich aufmerksam. Nachdem er in den vergangenen Jahren den Frauen in Saudi-Arabien das Autofahren erlaubte und die Befugnisse der Religionspolizei einschränkte, ließ er kürzlich die Prügelstrafe und die Todesstrafe für Minderjährige abschaffen.

Nur: MBS geht nach wie vor mit großer Härte gegen vermeintliche Gegner und jede Art von Opposition vor. So berichtete die britische BBC jüngst, die saudische Polizei habe zwei Kinder von Saad al Jabri festgenommen, ein im kanadischen Exil lebender Ex-Geheimdienstler. Offenbar solle Sabri damit zur Rückkehr nach Saudi-Arabien gezwungen werden.

US-Präsident Donald Trump hält am Prinzen fest -trotz aller Vorwürfe gegen den Saudi.
US-Präsident Donald Trump hält am Prinzen fest -trotz aller Vorwürfe gegen den Saudi.Foto: Mandel Ngan/AFP

Sogar in den USA, wo Präsident Donald Trump bisher alle Forderungen nach mehr Druck auf Mohammed bin Salman ablehnt, könnte es ungemütlicher für den Kronprinzen werden. Nach Informationen der „New York Times“ haben reiche Angehörige von Opfern bin Salmans in Washington einflussreiche Lobbyisten angeheuert.

Sie sollen die Haltung der Trump-Regierung verändern und die Kritik an MBS im Kongress sowie in mehreren Ministerien stärken. Darüber hinaus wollen die wohlhabenden Auftraggeber in der amerikanischen Öffentlichkeit Saudi-Arabiens eklatante Menschenrechtsverletzungen wie Folter, Hinrichtungen und das massive Drangsalieren von Bürgerrechtlern zum Thema machen.

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Dabei lief für den Kronprinzen lange alles nach Plan. Sein Aufstieg vom Lieblingssohn des Monarchen zum Thronfolger war selbst für saudische Verhältnisse rasant. Seinem jungen Volk präsentierte sich bin Salman als Reformer, der das erzkonservative Land endlich in die Moderne führen würde und gesellschaftliche Freiheiten verhieß.

Das Bulldozer-Image des Prinzen

Das war die charmante Seite des Prinzen. Aber der Machthaber hat auch eine unerbittliche Seite. Gleich nach seinem Eintritt in die Regierung wurden potenzielle Rivalen aus dem Weg geräumt. Dabei schreckte er nicht vor Gewalt zurück. Nun will der Königssohn das Bulldozer-Image wieder los werden. Nur hat Mohammed bin Salman die Propagandaschlacht noch lange nicht gewonnen.

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