Kinderhandel-Risiko : Bundesregierung will unbegleitete Auslandsadoptionen verbieten

Wer nicht über eine zugelassene Vermittlungsstelle im Ausland adoptiert, soll in Zukunft nicht mit dem Adoptivkind nach Deutschland einreisen können.

Adoption ist für manche Menschen die letzte Möglichkeit, ein Kind zu bekommen.
Adoption ist für manche Menschen die letzte Möglichkeit, ein Kind zu bekommen.Andreas Gebert/dpa

„Ich habe immer Angst davor gehabt, dass meine Tochter ein Bedürfnis entwickelt, ihre leiblichen Eltern kennenlernen zu wollen“, sagt Katja Peters. „Nicht, weil ich Angst hatte als Mutter eine Nebenbuhlerin zu bekommen. Wovor ich Angst hatte war, dass mich irgendwer in der Kette belogen hat.“

Denn ob das stimmt, was in den Adoptionspapieren zur Herkunft ihrer Tochter steht, kann sie nicht sicher wissen. Peters, die eigentlich anders heißt, hat in den 90er Jahren ihre Tochter aus Bulgarien adoptiert – auf eigene Faust. Ohne die Unterstützung einer staatlich zugelassenen Adoptionsvermittlungsstelle mit verlässlichen Kontakten im Land. Stattdessen besuchte Peters selbst etwa 40 bulgarische Kinderheime. Das ging, weil sie die Sprache spricht und dort Unterstützung von Freunden hatte.

Bundesregierung will Auslandsadoptionen verschärfen

Die Frau im Jugendamt warnte sie: Die Gefahr, an Kinderhändler zu geraten sei groß. Tatsächlich traf Peters bei ihrer Suche auch auf Kinderheimleiter, die ihr „ganz offiziell Kinder verkaufen wollten“. Aus dem Bundesfamilienministerium heißt es, Kinderhandel könne bei solchen Adoptionen nie ganz ausgeschlossen werden. Ein Grund für die Bundesregierung, in ihrem Entwurf zur Verbesserung des Adoptionshilfegesetzes unbegleitete Auslandsadoptionen wie die im Fall von Katja Peters zu verbieten.

Erik Baus, Vorstandsvorsitzender der Adoptionsvermittlungsstelle „Eltern für Kinder“, hat am Gesetzentwurf mitgearbeitet. In der Vergangenheit wurden private Auslandsadoptionen oft im Nachgang anerkannt, sagt er. Mit dem neuen Gesetz sollen Adoptiveltern nun gezwungen werden, den offiziellen Weg zu gehen: Wer privat adoptiert, darf mit dem Kind nicht nach Deutschland einreisen.

Adoptionen aus dem Ausland gehen zurück

Die Zahlen der Adoptionen aus dem Ausland sind seit Jahren niedrig. Während das Statistische Bundesamt 2004 631 internationale Adoptionen zählte, waren es 2015 nur noch 264 Fälle. Ein Rückgang von fast 60 Prozent. Das liegt unter anderem am Haagener Adoptionsübereinkommen.

Das regelt mittlerweile genau, wann ein Kind aus dem Ausland adoptiert werden darf. Bevor eine deutsche Familie beispielsweise in Kolumbien adoptieren darf, muss überprüft werden, ob das Kind nicht bei einer einheimischen Familie leben kann.

Ein Adoptivkind aus Kolumbien verlangt von den Eltern mehr, als ein leibliches Kind

Bei einer begleiteten Adoption gehe es nicht nur darum, Kinderhandel zu vermeiden. „Man muss sich die Frage stellen: Sind die Menschen geeignet?“, sagt Baus. Ein Adoptivkind, das etwa aus Kolumbien nach Deutschland kommt, davon sind Experten überzeugt, braucht mehr Fürsorge, als ein leibliches Kind.

Eltern müssen das stemmen können, müssen wissen, was auf sie zu kommt. Das ist auch Marita Oeming-Schill vom Landesjugendamt in Berlin wichtig. Bei der Eignungsprüfung, die häufig über das Jugendamt erfolge, gehe es nicht nur um Vermögensfeststellung und einen Hausbesuch, sondern „wir stellen Fragen, die sich die Eltern sonst vielleicht nicht gestellt hätten“.

Besondere Unterstützung bei der Identitätsbildung des Kindes wichtig

Was Oeming-Schill auch wissen will: Was ist die Motivation aus einem bestimmten Land zu adoptieren? Geht es in Kolumbien bloß schneller – oder hat die Familie eine besondere Affinität zu dem Land? „Das Kind bringt ja seine kulturelle Identität mit in die Familie. Angehende Eltern müssen es bei der Identitätsbildung unterstützen können“, so Oeming-Schill.  Das Kind werde ja nicht einfach Deutsch, nur weil es einen deutschen Pass hat.

Auch Peters musste sich diesem Prozedere unterziehen, als sie ihre Tochter in Bulgarien adoptierte. Vom Jugendamt brauchte sie den Nachweis, dass sie als Adoptivmutter geeignet ist. „Damals habe ich gedacht, das ist reine Willkür und Schikane. Wenig später ist mir klar geworden, dass es das überhaupt nicht ist“, sagt sie.

Auf dem Fragebogen des Jugendamts stehen Fragen wie: Was, wenn Ihr Kind psychische oder körperliche Schäden hat? „Darauf vorbereitet zu werden, dass du eben nicht ein schönes, rundes, roséfarbenes Baby aus dem Katalog bekommst“, sagt sie – das gehe nicht ohne fachliche Begleitung.

Psychologe: „Eltern die sich dieser Vorbereitung entziehen, sind leichtfertig“

Eltern, die sich dieser Vorbereitung entziehen, hält Jürgen Stapelmann für leichtfertig. Der Mainzer Psychologe arbeitet seit 50 Jahren mit Adoptivkindern und deren Eltern. Viele der Kinder, mit denen er zu tun hat, wurden früh in ihrem Leben vernachlässigt und „sind nicht in der Lage, ein Urvertrauen zu entwickeln“. Die Folge: Ein starkes Bedürfnis nach Sicherheit, das sich etwa in Aggression oder Zurückgezogenheit äußert.

Adoptiveltern müssen darauf reagieren können und auch damit rechnen, dass ihr Kind spätestens in der Pubertät nach den eigenen Wurzeln suchen wird. „Alle Kinder haben das Bedürfnis, ihre Herkunftseltern zu kennen“, sagt Stapelmann. Bei unbegleiteten Adoptionen könne das problematisch sein, weil die Unterlagen möglicherweise verfälscht wurden.

Dabei ist es psychologisch wichtig, dass die Informationen zur Herkunft stimmen. Baus von „Eltern für Kinder“ hat selbst vier Kinder aus Brasilien adoptiert. Er spricht aus Erfahrung: „Man muss ihnen ihre Fragen beantworten können.“

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