Rassismus in Deutschland : #MeTwo dokumentiert die tägliche Diskriminierung

Mesut Özil hat eine Debatte über Rassismus losgetreten. Unter dem Hashtag #MeTwo schildern Tausende, wie ihnen selbst schon Rassismus widerfahren ist.

Demo gegen Rassismus in Kreuzberg (Archivbild).
Demo gegen Rassismus in Kreuzberg (Archivbild).Foto: Stephanie Pilick/dpa

Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden.

So steht es in Artikel 3 des Grundgesetzes. Viele Menschen mit Migrationshintergrund machen in Deutschland jedoch andere Erfahrungen. Rassismus fängt im Kleinen an: Wenn der Vermieter einen wegen des fremden Namens ablehnt, wenn der Türsteher an der Disco einen wegen seiner dunklen Haut nicht in die Disco lässt. Auch Fragen nach Herkunft und Sprachkenntnissen können verletzen, wenn man sein Leben lang in Deutschland lebt, aber der Migrationshintergrund leicht ersichtlich ist.

Mesut Özil hat eine Debatte losgetreten, die weit über die Fußballstadien hinausreicht. Deutschland diskutiert Diskriminierung. Inzwischen teilen im Internet Tausende ihre Erfahrungen mit Vorurteilen und Alltagsrassismus. Ali Can, der mit seiner türkisch-kurdisch-alevitischen Familie aus dem Südosten Türkei in Deutschland Asyl suchte, hat den Twitter-Hashtag "MeTwo" gestartet, unter dem Menschen von ihren Erfahrungen berichten.

Auf Twitter schildern Betroffene unterschiedlichste Erfahrungen. Häufig geht es um Erlebnisse in der Schule, etwa, wie sie als "Affe" gehänselt oder vom Lehrer bloßgestellt wurde, der "wissen wollte, wie das eigentlich mit einem beschnittenen Penis so ist."

Can ist bekannt, seitdem er eine Hotline für besorgte Bürger einrichtete – ein Bürgertelefon für Menschen, die über Integration, Flüchtlinge oder Muslime reden wollen, ohne gleich als Rechte abgestempelt zu werden, für Menschen, die sich einfach interessieren oder Ängste, Sorgen oder Zweifel haben.

"Wir brauchen eine "MeToo"-Debatte für Menschen mit Migrationshintergrund", erklärt Ali Can in einem Video des Online-Magazins "Perspective Daily". "Viele fanden die Idee so super, dass es jetzt einen neuen Hashtag gibt: #MeTwo." Dieser schaffte es schnell unter die größten Trends auf Twitter.

Die Nummer zwei (two) begründet er mit zwei Identitäten. Er selbst fühle sich in Deutschland zu Hause, sagt Can. Gleichzeitig könne er sich einer zweiten Kultur verbunden fühlen, weil ein zweites Land ihn geprägt habe, weil Eltern aus einem anderen Land kämen oder er eine andere Sprache spreche. "Sie stehen nicht im Widerspruch", sagt Can. "Unsere Gesellschaft ist keine Monokultur". Endlich sei die Zeit gekommen, dass wir Deutschsein nicht über das Aussehen, den Geburtsort oder die Aufenthaltsdauer in Deutschland definieren, schreibt Can. "Danke Özil, dass du uns die Tür geöffnet hast, um über Rassismus zu sprechen!"

Es gibt schlechte Erfahrungen mit der Polizei, die das Opfer eines Verkehrsunfalls wie einen Schuldigen behandelte - wie es etwa Özcan Mutlu, Präsident Behinderten- und Reha-Sportverband Berlin (BSB) und ehemaliger Bundestagsabgeordneter erfuhr.

Schlechte Erfahrungen auch am Arbeitsplatz:

Ein weiterer trauriger Klassiker: Probleme bei der Wohnungssuche, die aufgrund eines ausländischen Namens bestehen.

Die Journalistin Vanessa Vu schildert, wie sie als Kind erlebte, wie Fremde ihre Eltern beschimpften:

Eine andere Nutzerin erzählt, wie ihre Mutter als Hotelgast für das Zimmermädchen gehalten wurde:

Cans erklärtes Ziel lautet: eine Bewegung werden. #MeTwo ist auf dem Weg dorthin. Innerhalb von zwei Tagen kamen gut 3500 Tweets zusammen. "Schön zu sehen, dass Tausende Menschen mit Migrationshintergrund, die diskriminiert wurden, auf diesen Moment gewartet haben", kommentierte Can. "Schön, dass es uns das Gefühl gibt, nicht alleine zu sein. Hoffentlich können wir uns gegenseitig zuhören und unsere Mitmenschen sensibilisieren."

Can sagt weiter: "Es ist die Chance für unsere Gesellschaft die wahre Bedeutung des Grundgesetzes zu leben."

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