Schlaflose Gesellschaft : Warum Sie wirklich, wirklich mehr schlafen sollten

Die Bedeutung des Schlafs wird in der Nonstop-Gesellschaft unterschätzt, meint der Schlafforscher Hans Günter Weeß und erklärt, wie eine neue Schlafkultur aussehen könnte. Ein Essay.

Hans Günter Weeß
Schlafen wie ein Siebenschläfer? Jedenfalls mindestens sieben Stunden am Tag, sagt der Schlafforscher Hans Günter Weeß.
Schlafen wie ein Siebenschläfer? Jedenfalls mindestens sieben Stunden am Tag, sagt der Schlafforscher Hans Günter Weeß.Foto: mgkuijpers Fotolia

Ungefähr ein Drittel unseres Lebens verschlafen wir, verbringen kostbare Lebenszeit in diesem scheinbar unnützen und passiven Zustand. Schlaf kann aber nicht überflüssig oder eine Fehleinrichtung der Natur sein, sonst hätte sie ihn im Laufe der Evolution schon längst wieder abgeschafft. Schlaf hat eine elementare biologische Funktion. Wenn wir nicht essen, trinken oder schlafen, werden wir sterben. Volkskrankheiten wie Übergewicht, Herzerkrankungen, Bluthochdruck, Blutzucker, Infekte und psychische Störungen wie die Depression werden durch Schlafmangel begünstigt. Ausreichend Schlaf macht wach und sorgt für ein langes Leben.

Schlafen kann ich noch, wenn ich tot bin, irrte einst Rainer Werner Fassbinder und verstarb im Alter von 37 Jahren. Ob Arbeit, Schule, Studium oder Kindergarten: Für viele Menschen endet die Nacht abrupt mit dem Wecker. Viele sind noch nicht ausgeschlafen, reiben sich die Augen und kommen nur schwer aus dem Bett. Wieder einmal wurde unser Schlafprogramm, bevor es alle seine Funktionen erfüllt hat, beendet. Nie käme es uns in den Sinn, den Backofen vorzeitig auszuschalten: Der Braten wäre noch nicht gar. Völlig gedankenlos verfahren wir aber tagtäglich so mit dem wichtigsten Erholungs- und Reparaturprogramm unseres Organismus, dem Schlaf. Studien belegen, die durchschnittliche Schlafmenge hat in den letzten 100 Jahren um bis zu 1,5 Stunden abgenommen. Aber warum schläft Deutschland immer weniger?

Der Schlaf wird durch stetig zurückgedrängt

Der Schlaf wird durch unsere 24-Stunden-Gesellschaft stetig zurückgedrängt. Wir schätzen den Schlaf nicht mehr ausreichend. Schimpfwörter wie „Schlafmütze“ oder „Schnarchnase“ unterstreichen das negative Image dieses wichtigen Energiespenders. Schichtarbeit, Internet, Smartphones, Heimarbeitsplätze, ständige Vernetzung und stetige Erreichbarkeit lösen die natürliche Schlaf-Wach-Struktur immer mehr auf. Wir können rund um die Uhr arbeiten, einkaufen oder ins Fitnessstudio gehen. Kurz vor dem Einschlafen werden noch die E-Mails vom Arbeitsplatz gecheckt. Nachts stehen wir auf, um Telefon- und Videokonferenzen mit Geschäftspartnern in Übersee zu führen. Aber damit nicht genug: Wir schätzen den Schlaf nicht nur zunehmend gering, wir schlafen auch deswegen weniger, weil Deutschland viel zu früh aufsteht. Für die meisten von uns stimmen die gesellschaftlich vorgegebenen Zeiten wie Arbeits- und Schulbeginn nicht mit unseren genetisch festgelegten Zeiten für Schlafen und Wachen, mit unserer inneren Uhr, überein. Trotzdem gilt in unserer Gesellschaft als tüchtig und fleißig, wer früh aufsteht und wenig schläft. Das Sprichwort „der frühe Vogel fängt den Wurm“ ist für fünf Sechstel unserer Gesellschaft aber völlig falsch. Vielmehr ist für sie „der Wurm drin“, wenn es viel zu früh, nach viel zu wenig Schlaf, heißt: „Raus aus den Federn.“ Großes deutschlandweites Gähnen ist die Folge. Bis zu 20 Prozent der Deutschen gelten als dauermüde. Wir sind eine unausgeschlafene Gesellschaft. Chronobiologen vermuten, dass dieser gesellschaftliche Jetlag mit seinem chronischen Schlafmangel ungesunde Lebensweisen wie Rauchen, gesteigerten Koffeinkonsum, ungesunde Ernährung und Volkskrankheiten begünstigt.

Hans Günter Weeß ist Leiter des Interdisziplinären Schlafzentrums am Pfalzklinikum Klingenmünster und als Dozent an der Universität Koblenz-Landau tätig. Im Februar 2016 erschien sein Buch „Die schlaflose Gesellschaft“.
Hans Günter Weeß ist Leiter des Interdisziplinären Schlafzentrums am Pfalzklinikum Klingenmünster und als Dozent an der...Foto: promo

Auch die Schule hat nichts gelernt. Trotz zahlreicher wissenschaftlicher Belege startet der Unterricht morgens um acht Uhr viel zu früh. Insbesondere für pubertierende Teenies finden die Schulstunden frühmorgens zu deren biologischer Nachtzeit statt. Dies hat nichts mit Faulheit oder jugendlicher Feierwut zu tun, es ist ihr genetisches Programm, das wir ignorieren, weil wir es vor dem Hintergrund preußischer Tugenden einfach nicht wahrhaben wollen. Der Schlafmangel hat Konsequenzen. Die Schulleistungen fallen schlechter aus. Es ist erwiesen, dass Klausuren bei einem um eine Stunde nach hinten verschobenen Schulbeginn deutlich besser ausfallen würden. Optimal wäre es, Klausuren nicht vor 10 Uhr anzusetzen. Der frühe Schulbeginn sorgt für einen erheblichen Bildungsnachteil gegenüber unseren europäischen Nachbarn. Um im internationalen Vergleich wieder bessere Schüler zu haben, sollte der Schulstart nach hinten verlegt werden.

Rund fünf Millionen Menschen leiden an Schlafstörungen

Damit aber nicht genug. Auch Berufstätige stehen häufig zu früh auf, was zu Schlafstörungen führt. Aus Sicht der Arbeitgeber ist der Schlaf eine menschliche Schwäche. Maschinen können rund um die Uhr arbeiten, der Mensch benötigt Pausen und Schlaf. Aber nur gesunde, ausgeschlafene Arbeitskräfte sind wirklich leistungsfähig. Menschen mit Schlafstörungen, immerhin fünf Millionen in unserer Gesellschaft, fehlen mindestens doppelt so häufig am Arbeitsplatz wie Schlafgesunde. Einmal auf der Arbeit, sind sie weniger produktiv und machen mehr Fehler. Schätzungen gehen davon aus, dass der deutschen Wirtschaft jährlich bis zu 1,6 Prozent des Bruttosozialproduktes, also ungefähr 60 Milliarden Euro, durch Schlafstörungen verloren gehen.

Wer zu wenig schläft, wird nicht nur krank, ist weniger produktiv und lernt schlechter, sondern trifft auch falsche Entscheidungen: Führungskräfte in Politik und Wirtschaft brüsten sich, wie wenig Schlaf sie benötigen. Wer nicht schläft, gilt als dynamisch, fleißig und erfolgreich. Es wird in langen Nachtsitzungen mit Geschäftspartnern verhandelt, bis in die frühen Morgenstunden sondiert und koaliert. Aber wie vernünftig sind diese Entscheidungen, wenn mit zunehmender Müdigkeit unsere ethisch-moralischen Grundsätze verblassen und nicht mehr derjenige mit den besten Argumenten sich durchsetzt, sondern derjenige mit dem besten Stehvermögen.

Dabei weiß doch eigentlich schon jedes Kind: Schlaf macht wach! Aber es gibt ihn tatsächlich, den gefährlichen Schlaf: Wer zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort bei Tempo 100 für drei Sekunden schläft, legt 83 Meter im Blindflug zurück. Laut einer TNS-Emnid-Umfrage sind 26 Prozent schon mindestens einmal am Steuer eingeschlafen. Auf Deutschlands Straßen sterben doppelt so viele Menschen infolge Sekundenschlafs wie infolge von Alkohol am Steuer. Bereits eine Stunde weniger Schlaf erhöht das Unfallrisiko um 30 Prozent. Wer weniger als vier Stunden geschlafen hat, weist ein zehnfach höheres Unfallrisiko auf. Deshalb haben Schichtarbeiter nach einer Nachtschicht auf dem Heimweg ein mehrfach erhöhtes Unfallrisiko.

Mit der Schlaflosigkeit steigt das Unfallrisiko

An jedem vierten bis sechsten Unfall mit tödlichem Ausgang auf deutschen Straßen ist ein übermüdeter Autofahrer beteiligt. Die Folgen der chronischen Übermüdung in unserer Gesellschaft sind für uns längst normal geworden. Fast beiläufig nehmen wir nahezu wöchentlich zur Kenntnis, dass ein übermüdeter Lkw- oder Busfahrer wieder ungebremst auf ein Stauende aufgefahren ist und Menschen tödlich verletzt wurden. Lkw-Fahrern werden erbärmliche Schlafbedingungen zugemutet: unbequeme Pritschen, Schlaf bei hellem Tage, bei Sommerhitze und Winterkälte am lauten Straßenrand. Kein Wunder, dass sie zur tödlichen Gefahr auf deutschen Straßen werden. Auch in der Luftfahrt sind ungefähr 20 Prozent aller kritischen Ereignisse und Unfälle auf die Übermüdung von Piloten und Sicherheitspersonal zurückzuführen. Bis zu 13 Stunden sitzen Piloten im Cockpit eines Jumbojets. Manchmal sind sie am Ende eines Fluges schon länger als 22 Stunden wach. In diesem Zustand entspricht das Reaktionsvermögen des Piloten dem eines Autofahrers mit einer Blutalkoholkonzentration von 1,0 Promille.

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