Politik : Schuldig geboren?

Kinder deutscher Wehrmachtssoldaten klagen gegen systematische Diskriminierung in Norwegen

André Anwar

Stockholm - Nach Kriegsende 1945 hat Norwegen 9000 Kleinkinder nach Australien deportieren wollen. Als Australien sie nicht aufnehmen wollte, mussten sie in Norwegen eine Kindheit erleben, die für viele voll von Entbehrungen, Diskriminierung und Misshandlung war. Das einzige Verbrechen dieser Kinder war, dass sie deutsche Väter hatten. Am Donnerstag hat sich der Europäische Menschenrechtsgerichtshof in Straßburg mit dem Problem befasst.

158 deutschstämmige Männer und Frauen aus Norwegen, die ihre Kindheit als ungeliebte „tyskebarn“ (Deutschkinder) in Norwegen verbringen mussten, haben den norwegischen Staat angezeigt. Sie wollen den Gerichtshof davon überzeugen, dass sie „systematischen Übergriffen ausgesetzt worden sind, die bis in die Gegenwart reichen“. Der norwegische Staat habe Gesetze und Verordnungen geschaffen, welche eigens der Drangsalierung der „Deutschkinder“ dienten. Zwischen 500 000 und zwei Millionen norwegische Kronen (60 000 bis 244 000 Euro) fordern sie vom Staate Norwegen. Die Schadenersatzforderung stützt sich auf eine Feldstudie, welche zwischen 1999 und 2004 umfangreiches Material und Augenzeugenberichte auswertete. Die Studie war vom norwegischen Forschungsrat finanziert worden.

Insgesamt wurden in den Kriegsjahren und kurz danach zwischen 10 000 und 12 000 „Deutschkinder“ von norwegischen Frauen geboren. Nach Kriegsende wurden 14 000 dieser Frauen verhaftet. Von ihnen wurden 5000 ohne Prozess für mehr als ein Jahr in Zwangsarbeitslager gesteckt. Die Kinder kamen in Heime, sogenannte Spezialschulen oder wurden adoptiert. Auch heute gibt es in Norwegen noch Frauen, die nicht wissen, wo sich ihre damals verschleppten Kinder befinden. Für die Kinder waren körperliche und seelische Misshandlungen sowie sexueller Missbrauch an der Tagesordnung. Sie galten als völlig rechtlos.

Norwegen hat bisher sämtliche Forderungen nach Schadenersatz zurückgewiesen. Die Übergriffe seien von einzelnen Personen ausgeübt wurden, nicht aber vom norwegischen Staat. Zahlreiche Historiker jedoch sind der Ansicht, dass die Kinder offiziell durch den Staat diskriminiert worden sind. Der damalige Sozialminister Sven Oftedal soll die Deportation der Kleinkinder nach Australien gefordert haben.

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