Transatlantisches Bündnis : Über Werte muss man streiten

Meinen Deutsche und Amerikaner überhaupt dasselbe, wenn sie über „westliche Werte“ reden? Sind wir eine Scheingemeinschaft? Ein Gastkommentar.

David Deißner Steven E. Sokol
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und US-Präsident Donald Trump im Oval Office im Weißen Haus.
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und US-Präsident Donald Trump im Oval Office im Weißen Haus.Foto: Kay Nietfeld/dpa

Die Wogen schlagen hoch im transatlantischen Gewässer. Das Verhältnis zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten war selten so angespannt wie zurzeit. Die Präsidentschaft Donald Trumps markiert, so viel lässt sich ohne historischen Abstand sagen, das Ende der Selbstverständlichkeiten. Fast schon naiv wirkt da der Verweis auf die historische Größe des transatlantischen Projekts, auf geteilte Werte und Normen, bestimmen doch unerbittlich vorgetragene Forderungen in Sachen Handel und Verteidigungsausgaben das Gespräch auf politscher Ebene. An die Stelle historischer Verbundenheit ist in der politischen Sprache eine kalte, kaufmännische Logik getreten: Keine Leistung ohne Gegenleistung.

Ist die Rede von den „geteilten Werte“ also nur noch eine anachronistische Beschwörungsformel, rhetorischer Klebstoff, mit dem zusammengehalten werden soll, was doch unleugbar auseinanderdriftet? Wie tief ist die Gemeinsamkeit im kollektiven Bewusstsein noch verankert? Um uns dieser und anderen Fragen anzunähern, haben wir Amerikaner und Deutsche repräsentativ befragt. Als überzeugte Transatlantiker, die sich auch von Berufs wegen für die deutsch-amerikanische Allianz einsetzen, sind wir über einige Ergebnisse besorgt – aber es gibt auch Anlass zur Hoffnung.

Was uns besorgt: Rund die Hälfte der Deutschen und Amerikaner ist der Meinung, dass die gemeinsame Basis „westlicher Werte“ erodiert. 20 Prozent der Deutschen und 13 Prozent der Amerikaner sehen gar keine gemeinsame Wertebasis (mehr). Auf beiden Seiten des Atlantiks glaubt zwar die Mehrheit an die Existenz einer Wertbasis, doch es wächst die Gruppe derer, die sie bröckeln sieht.

Aber meinen Deutsche und Amerikaner überhaupt dasselbe, wenn sie über „westliche Werte“ reden? Ideengeschichtlich betrachtet bilden die unveräußerlichen Menschenrechte, die Herrschaft des Rechts, Gewaltenteilung und repräsentative Demokratie die tragenden Säulen dessen, was der Historiker Heinrich-August Winkler das „normativen Projekts des Westens“ genannt hat. Unsere Umfrage hat gezeigt, dass über viele zentrale Werte, die auch den Schutz der Verfassungen beider Länder genießen, Einigkeit besteht. Zugleich manifestieren sich in der Priorisierung der Werte auch die Unterschiede zwischen unseren Gesellschaften.

Wertekatalog kein starres Gerüst

Der gemeinsame Wertekatalog bildet, zumindest im öffentlichen Bewusstsein, kein starres Gerüst. Das Recht auf freie Meinungsäußerung ist sowohl für Deutsche als auch für Amerikanern ein entscheidender Wert der westlichen Welt (Deutsche: 66 Prozent, Amerikaner: 55 Prozent), auch der Wert der Demokratie rangiert oben in der Liste. Freie Religionsausübung wird indes von 38 Prozent der Amerikaner, aber nur von 16 Prozent der Deutschen als „westlicher Wert“ genannt. Den Deutschen – wenig überraschend – ist der Schutz der Privatheit wichtiger als den Amerikanern, diese begreifen dagegen eher das „Recht, eine Waffe zu tragen“ (30 Prozent) als einen westlichen Wert. Nur 2 Prozent der Deutschen stimmen hier zu.

Was folgt daraus? Sind wir eine Scheingemeinschaft? Mitnichten – denn trotz unleugbaren, historisch gewachsener Differenzen sind Deutsche und Amerikaner einander ideengeschichtlich, politisch und kulturell eng verbunden. Unterschiedliche Wahrnehmungen bedeuten nicht das Ende des gemeinsamen Weges. Vielmehr liegt der Streit über die gemeinsamen Werte, ja selbst die Infragestellung der Gemeinsamkeit, die vitale Debatte über die Priorisierung und Auslegung von Werten im Wesen der transatlantischen Beziehung. Auseinandersetzungen von Europäern und Amerikanern über grundsätzliche Fragen waren letztlich immer Auseinandersetzungen über Gewichtung und Auslegung gemeinsamer Werte. Sei es in Bezug auf die Todesstrafe oder, in der jüngeren Geschichte, um den Schutz der Privatheit im digitalen Zeitalter. Gerade in dieser mündigen Bereitschaft zur kritischen Auseinandersetzung manifestiert sich das Erbe der Aufklärung, die dem Projekt des Westens zugrunde liegt.

Anstatt angesichts unterschiedlicher Interessenslagen und handfester Konflikte in der Handels- und Verteidigungspolitik in Defätismus zu verfallen, oder gar das „Ende des Westens“ herbeizureden, sollten wir es wagen, für die gemeinsame Wertebasis streitend einzutreten, auch und gerade, wenn sich die Interessenskonflikte an der politischen Front zuspitzen.

Es gibt auch eine positive Nachricht

Was Anlass zur Hoffnung gibt: Eine deutliche Mehrheit der Deutschen (67 Prozent) wünscht sich, dass das transatlantische Verhältnis so bleibt wie es ist oder enger wird. Auf amerikanischer Seite sind es fast 70 Prozent. 45 Prozent der Amerikaner plädieren für eine engere transatlantische Partnerschaft, nur 7 Prozent meinen, das Verhältnis sollte weniger eng sein. Von einer „Abkehr der Amerikaner von Europa“ kann auf der Ebene kollektiver Bewusstseinsbildung also nicht die Rede sein. Auch sind sich die befragten Deutschen und Amerikaner einig, dass transatlantisches Zusammenwirken notwendig ist, um den Herausforderungen unserer Zeit effektiv zu begegnen, allen voran dem Kampf gegen den Terrorismus, dem Klimawandel, oder dem Kampf gegen Armut.

Anstatt auf die emotionale Bindekraft der transatlantischen Wertegemeinschaft als historische Größe zu vertrauen oder sie zur bloßen Phrase verkommen zu lassen, kommt es nun darauf an, die nachfolgenden Generationen von der Aktualität und Bedeutung dieser Werte für unsere Gesellschaften und das Leben eines jeden Einzelnen zu überzeugen, auch und gerade in Absetzung von undemokratischen und geschlossenen Gesellschaften. Offene Märkte, Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und Meinungsfreiheit sind den Streit allemal wert. Und sie halten uns zusammen.

Dr. David Deißner ist geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Atlantik-Brücke. Dr. Steven E. Sokol ist Präsident des American Council on Germany. American Council und Atlantik-Brücke wurden als Schwesterorganisationen im Jahr 1952 gegründet und widmen sich im Rahmen zahlreicher Projekte der Stärkung des transatlantischen Partnerschaft.

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