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Leeres Rednerpult für die Pressekonferenz zur Präsidiumsklausur von CDU und CSU in Köln.

© Imago/Bonnfilm/Klaus W. Schmidt

Tagesspiegel Plus

Was spricht für Merz, Wüst, Söder? Was gegen sie?: Die möglichen Kanzlerkandidaten der Union im Check

Entschieden wird im Herbst, aber der CDU-Parteitag im Mai ist für den aktuellen Favoriten Friedrich Merz eine wichtige Zwischenetappe im Kandidatenrennen. Was am Ende den Ausschlag geben könnte.

Kleine Nadelstiche prägen dieses Kandidatenrennen, für das nie ein offizieller Startschuss gefallen ist. So präsentierte CDU-Chef Friedrich Merz kürzlich bei der Jungen Union launig ein Schokoladen-Ei mit dem Konterfei des abwesenden CSU-Vorsitzenden Markus Söder – und karikierte damit dessen etwas selbstverliebte Osterbotschaft. Quasi parallel zeigte NRW-Regierungschef Hendrik Wüst per Selfie aus Düsseldorf, wie gut er mit den von Merz und Söder geächteten Grünen kann.

Sonst ist es in Bezug auf die Kanzlerkandidatur vergleichsweise ruhig. Schließlich sind auch die Differenzen dazu ausgeräumt, wann über sie entschieden werden soll. „Es ist gut, dass inzwischen alle in der Partei der Meinung sind, dass wir die K-Frage erst nach den Ostwahlen beantworten“, heißt es in CDU-Kreisen.

Eine ausgemachte Sache ist das Rennen trotz des Rückenwindes für Merz noch nicht. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die Meinungsforscher des Landes durchaus noch Bedenken vorbringen, wenn es um die wichtigsten Kategorien geht, in denen der Herausforderer von SPD-Kanzler Olaf Scholz überzeugen muss.

1 Der Machtwille – wer möchte es am meisten?

Obwohl er erst vor einigen Wochen eine eigene Kandidatur als „extremst unwahrscheinlich“ bezeichnet hat, wird Söder der größte Ehrgeiz nachgesagt. Schließlich war schon 2021 immer vom „Platz in Bayern“ die Rede, ehe er in einen erbitterten Machtkampf mit dem damaligen CDU-Chef Armin Laschet eintrat.

Über Wüst heißt es zuweilen, er steige nur deshalb nicht aus dem Rennen aus, um nicht den Fehler von Hannelore Kraft zu wiederholen. Die SPD-Regierungschefin des bevölkerungsreichsten Bundeslandes hatte einst solche Ambitionen ausgeschlossen, was ihre Position daheim schwächte. Aber auch bei Familienvater Wüst könnte trotz kleinem Kind zu Hause gelten, dass Spitzenpolitiker selten Nein sagen, wenn sie um die Übernahme von Verantwortung gebeten werden.

„Alles deutet darauf hin, dass er antreten will“, sagt ein CDU-Präsidiumsmitglied über Merz: Die Rückkehr aus der politischen Abstinenz 2018, der Wille des 2002 von Angela Merkel abgesägten Unionsfraktionschefs, es nach dem Abgang der Kanzlerin allen zu zeigen, die viele Arbeit, die er investiert hat, um eine nach der Wahlniederlage 2021 verunsicherte und gespaltene Fraktion neu zu vereinen und zu motivieren.

Ein Restzweifel aber besteht. Will Merz Ende 2025 mit dann 70 Jahren wirklich eine strapaziöse Kanzlerschaft antreten? Oder sich doch lieber den sechs Enkeln und dem zuletzt vernachlässigten Hobby, der Fliegerei, widmen? Nicht zuletzt überlegt er selbst, ob wirklich er die Union zum bestmöglichen Ergebnis führen kann. „Die Frage, welche Wählergruppen ich als Person erreiche, ist ein Thema“, sagte er der Deutschen Presse-Agentur schon zum Jahreswechsel.

„Er weiß selbst“, heißt es in Parteikreisen, „dass er sich gut prüfen muss, ob er in der Lage ist, tatsächlich die CDU zu alter Stärke unter Kohl und Merkel zurückzuführen“. Persönlich reize ihn „bei seiner Vorgeschichte natürlich die Chance, endlich gestalten zu können“.

2 Die Chancen – wer könnte in der Mitte am meisten holen?

Zu einer übereinstimmenden Einschätzung kommen zwei große Umfrageinstitute, wenn es darum geht, wer in der wahlentscheidenden Mitte die größten Chancen hat. „Mit Merz hat die CDU ihr Potenzial bisher nicht ausschöpfen können“, analysiert Matthias Jung von der Forschungsgruppe Wahlen: „Am Ende der rot-grünen Ära Schröder, als die Unzufriedenheit mit der Regierung ähnlich groß war wie jetzt, lag die Union bei 50 Prozent – jetzt nur bei rund 30 Prozent.“

Speziell bei Frauen und jungen Menschen hat Merz ein echtes Problem.

Roland Abold, Geschäftsführer von Infratest dimap

„Die Zufriedenheit mit der CDU ist größer als die mit Merz – die persönlichen Zustimmungswerte für Merz sind zuletzt sogar leicht zurückgegangen“, berichtet Roland Abold, Geschäftsführer von Infratest dimap: „Speziell bei Frauen und jungen Menschen hat Merz ein echtes Problem. Selbst unter Unionsanhängern sind lediglich 60 Prozent mit seiner Arbeit einverstanden.“ Diese Quote erreiche auch Scholz in der SPD-Klientel, trotz des Hickhacks in seiner Regierung.

„Söders Siegchance wäre aus demoskopischer Sicht etwas größer – aber auch seine Kandidatur wäre alles andere als ein Selbstläufer.“ So lautet Abolds Urteil zu den möglichen Erfolgsaussichten des bayerischen Ministerpräsidenten.

Konstant bessere Werte als für Merz misst auch Jung für den Konkurrenten aus München und insbesondere bei dem aus Düsseldorf: „Wüst ist derjenige, der mit seiner Art am ehesten den Kurs der politischen Mitte verkörpert.“ Obwohl der 48-Jährige medial weniger präsent ist, lag er in Jungs ZDF-Politbarometer zuletzt auf Platz 2 der beliebtesten Politiker.

3 Die Anschlussfähigkeit – wer könnte am besten Koalitionen schmieden?

Schon während, aber besonders nach der Merkel-Zeit sehnte sich die Partei wieder nach „CDU pur“, wie es Generalsekretär Carsten Linnemann formuliert hat. Gleichwohl ist wahrscheinlich, dass die Union auch bei der nächsten Wahl keine absolute Mehrheit erzielt und eine Koalition schmieden muss, um zu regieren.

Vor diesem Hintergrund verstehen viele in der CDU nicht, wie hart Söders CSU gegen die Grünen vorgeht. Die Christsozialen setzen auf die Sozialdemokraten, denen sie im Vergleich zur Schwesterpartei traditionell etwas näher stehen.

Wüst steht mit seiner funktionierenden schwarz-grünen Koalition in Düsseldorf am ehesten für eine konkrete Machtoption.

Matthias Jung, Vorstandsmitglied der Forschungsgruppe Wahlen

Um sich keine strategischen Optionen komplett zu verbauen, hat Merz jüngst zwar seine Aussage aus dem vergangenen Jahr verteidigt, wonach er die Umweltpartei als „Hauptgegner“ auf der Bundesebene sieht – zugleich aber ein Bündnis nach der Wahl nicht rundweg ausgeschlossen. Er soll auch eine gute Arbeitsbeziehung mit dem grünen Co-Vorsitzenden Omid Nouripour unterhalten.

Was die Anschlussfähigkeit angeht, sieht Jung von der Forschungsgruppe Wahlen daher einen klaren Gewinner: „Wüst steht mit seiner funktionierenden schwarz-grünen Koalition in Düsseldorf am ehesten für eine konkrete Machtoption.“

4 Der Stil – wer kann wen für sich einnehmen?

CDU-Chef Merz hat sich mit den „kleinen Paschas“, den Sätzen zur Zahnbehandlung von Asylbewerbern oder der Verortung Kreuzbergs außerhalb Deutschlands nicht nur Freunde gemacht. Solche „Zuspitzungen“, aus seiner Sicht in der medialen Aufmerksamkeitslogik nötig, waren in letzter Zeit aber kaum noch zu hören. Merz weiß, dass er nicht mehr so stark polarisieren darf: „Ihm ist es selbst ein Anliegen“, so ein Präsidiumsmitglied, „sich breiter aufzustellen“.

Daran mangelt es Söder nicht. Er hat eher schon zu viele Positionen vertreten, weshalb er mit dem Vorwurf zu kämpfen hat, ein Wendehals ohne inhaltlichen Kompass zu sein. Als durchaus charmanter Kommunikationsprofi gelingt es ihm freilich immer wieder gut, davon abzulenken. Er scheut sich im Gegensatz zu Merz auch nicht, Privates öffentlich zu machen – und so als nahbarer Politiker zu wirken.

Wer wird der Kandidat? CDU-Chef Friedrich Merz, NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst und Markus Söder, CSU-Chef und bayrischer Ministerpräsident (von links nach rechts).

© Imago/Sven Simon/Malte Ossowski

Dieses Geschäft beherrscht auch Wüst. Von ihm gibt es auf Instagram nicht nur Fotos von politischen Terminen, sondern auch vom Kochen, vom weihnachtlichen Plätzchenbacken zu Hause oder beim Spaziergang mit dem Kinderwagen.

„2021 hat das, was die Wähler in den jeweiligen Kandidaten gesehen haben, die Wahl entschieden“, resümiert Infratest-Chef Abold: „Das muss nicht wieder so kommen, aber es kann: Das wäre für Merz besonders schwierig, für Söder nur wenig leichter. Ginge es nur darum, wie eine Persönlichkeit ankommt, müsste die Union Hendrik Wüst aufstellen.“ Am Ende spielten aber natürlich auch ganz andere Faktoren mit hinein – nicht zuletzt parteiinterne. 

5 Der interne Rückhalt – wem folgt die Union am ehesten?

Merz hat nicht umsonst beste Chancen, mit einem satten Ergebnis als Parteichef bestätigt zu werden. Er hat der CDU wieder eine konservativere Note verpasst, nach der sich, wenn auch nicht alle, viele in der Partei sehnten. Angerechnet werden ihm die prozentuale Erholung und Neuaufstellung nach der Wahl 2021 sowie die daraufhin erfolgte Aussöhnung mit der CSU. Das Verhältnis zu Söder mag nicht brillant sein, aber doch so ordentlich, dass die Union als Union auftritt.

So muss Merz – obwohl der Kieler Regierungschef, Daniel Günther, oder Berlins Regierender Bürgermeister, Kai Wegner, Zweifel an seinem Kurs hegen – aus der Ministerpräsidentenriege kaum einen offenen Putsch fürchten. Wenn überhaupt, müsste ein Merz’scher Verzicht wegen des Rückhalts von ihm ausgehen.

Die beiden alternativen Kandidaten könnten diesbezüglich ihre Probleme haben. In der CDU ist nicht vergessen, wie Söder Laschets Bundestagswahlkampf sabotiert hat und somit zum eigentlichen Vater der Ampelkoalition wurde. Wüst wiederum gilt manchen, denen der konservativere Merz-Kurs gefällt, als grün gefärbter Merkelianer. „Der fehlende interne Rückhalt hat Armin Laschet 2021 die Kanzlerschaft gekostet“, sagt Jung von der Forschungsgruppe: „Diese Gefahr bestünde für Söder und Wüst auch, für Merz vielleicht etwas weniger.“

6 Die Regierungserfahrung – wer hat schon Krisen gemeistert?

Als größtes Manko von Merz gilt, dass er nie ein politisches Amt innehatte, in dem in Krisenlagen Entscheidungen zu treffen waren. Das haben ihm Söder und Wüst – gestählt durch Bund-Länder-Gipfel zu Pandemie und Migration – eindeutig voraus.

In diesem Sinne meldete sich die Tage auch der mittlerweile 91-jährige Bernhard Vogel zu Wort. „Ich finde die Ministerpräsidenten auch geeigneter, weil sie Regierungserfahrung haben“, sagte der Ex-Regierungschef in Mainz und Erfurt der „Zeit“: „Und weil sie Wahlen gewonnen haben, das hat Friedrich Merz noch nicht.“

Merz’ fehlende Regierungserfahrung wird überbewertet.

Matthias Jung, Vorstandsmitglied der Forschungsgruppe Wahlen

Was nicht ist, kann ja noch werden. Jung von der Forschungsgruppe Wahlen hält die Lücke im Lebenslauf jedenfalls nicht für entscheidend. „Merz’ fehlende Regierungserfahrung wird überbewertet – wenn er als langjähriger Politiker den Nerv der Wählerschaft treffen sollte, reicht das aus der Sicht der meisten.“

7 Das internationale Ansehen – wer würde Deutschland gut vertreten?

Friedrich Merz läuft sich schon seit längerem für die Weltpolitik warm. Zumindest hat er die Frequenz seiner Auslandsreisen deutlich erhöht, wo er regelmäßig die erste Riege des jeweiligen Landes trifft, die in ihm, wie der CDU-Europapolitiker Gunther Krichbaum kürzlich meinte, „den kommenden Kanzler“ sähen.

Ob das auch im Inland so gesehen wird, bezweifelt der Meinungsforscher Jung. „Die Außenpolitik dürfte trotz der aktuellen Sicherheitslage auch nicht die nächste Bundestagswahl entscheiden – die Unterschiede zwischen den Unionskandidaten auf diesem Feld werden kaum wahrgenommen.“

Das wäre schade für Merz, weil Söder für seine jüngste Chinareise durchaus viel Kritik hat einstecken müssen, weil er Bayern nicht nur auf „Augenhöhe“ mit dem Reich der Mitte wähnte, sondern im Verhältnis zum kommunistischen Regime in Peking auch die markige Losung „Dialog statt Abgrenzung“ ausgab, während die Bundesregierung wie beim aktuellen Besuch von Kanzler Scholz zwar auf Gespräche setzt, zugleich aber stärker auf Distanz geht.

Auch Wüst geht auf Reisen. Gerade war er in Portugal, wo er laut zugehöriger Pressemitteilung „als erster ausländischer Regierungschef vor Ort“ dem neuen Premier Luís Montenegro gratulierte. Unter der Hand wurde darauf verwiesen, dies sei einer der wenigen Konservativen Europas, der mit gemäßigtem Kurs, ohne populistische Töne, einen Sozialisten habe ablösen können. Auch das ist einer dieser kleinen Nadelstiche im Kandidatenrennen der Union.

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