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Ein Opel-Mitarbeiter im Impfzentrum auf dem Werksgelände des Autoherstellers
© dpa/Sebastian Gollnow

Kein Freibier für Impfmuffel: Wie lässt sich die Impfbereitschaft erhöhen?

Für die Herdenimmunität müssen mindestens 80 Prozent der Erwachsenen geimpft sein. Materielle Anreize wie in den USA sind in Deutschland nicht geplant.

Noch ist der Corona-Impfstoff in Deutschland so knapp, dass nicht alle Wünsche nach einem baldigen Impftermin erfüllt werden können. Der Ansturm auf Praxen ist groß, viele Impfzentren sind bis auf Weiteres ausgebucht. Doch der Virologe Christian Drosten sieht die Gefahr, dass über den Sommer die Impfbereitschaft nachlassen könnte.

Man müsse aufpassen, dass die Menschen künftig nicht nachlässig würden und sich zum Beispiel die Zweitimpfung nicht mehr abholten, weil sie keine Lust mehr hätten oder es zu kompliziert sei, sagte der Leiter der Virologie der Charité im „Coronavirus-Update“-Podcast.

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Ziel sei, dass mindestens 80 Prozent der „impffähigen erwachsenen Bevölkerung“ zweifach geimpft seien, sagt Drosten. Diese Marke gilt als erforderlich, um Herdenimmunität zu erreichen. Drosten erwartet deshalb in einigen Wochen eine Diskussion über die Förderung der Impfbereitschaft. Doch wie könnte diese erhöht werden?

In den USA gibt es Freibier und Baseball-Tickets

In den USA ist genügend Impfstoff verfügbar – und doch ist die Zahl der täglich verabreichten Impfungen zuletzt zurückgegangen. Präsident Joe Biden setzt deshalb ebenso wie viele Bundesstaaten, Kommunen und Unternehmen auf Anreize: Freibier, Baseball-Tickets, Einkaufsgutscheine oder die Teilnahme an einer Lotterie, bei der Millionengewinne versprochen werden.

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Solche „materiellen Anreizsysteme“ zu schaffen, werde nicht erwogen, heißt es hingegen im Bundesgesundheitsministerium. Hauptanreiz für eine Impfung sollte für alle sein, sich und andere zu schützen, sagte ein Sprecher. Weitere Anreize ergäben sich immer mehr im alltäglichen Leben: bei Reisen, Veranstaltungen, beim Kino- oder Restaurantbesuch.

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hält Belohnungen wie in den USA ebenfalls nicht für notwendig. Um eine vierte Welle im Herbst zu verhindern, müsse allerdings in Innenräumen weiter getestet werden, damit es nicht zu Supersreader-Events komme. „Vielleicht ist das für manch einen ja auch eine Überlegung, sich impfen zu lassen“, sagt er. Lauterbach wirbt außerdem dafür, im Sommer mit mobilen Impfteams verstärkt in die Stadtteile zu gehen, wo die Impfquoten eher niedrig sind.

Mehr Impfangebote ohne Terminvereinbarung

Auch SPD-Fraktionsvize Bärbel Bas spricht sich dafür aus, mehr „niedrigschwellige Angebote“ zu schaffen, etwa durch Impfangebote ohne Terminvereinbarung, wie es sie bereits in manchen Stadtteilen gebe. „In meiner Heimatstadt Duisburg beobachte ich, dass diese Angebote sehr gut angenommen werden, wenn wir die Impfungen direkt zu den Menschen auf die Marktplätze und in die Moscheen bringen“, sagt sie.

So ließen sich auch diejenigen erreichen, die grundsätzlich zu einer Impfung bereit seien, aber oftmals weder eine Hausärztin noch einen Hausarzt hätten. „Und wir erreichen auch diejenigen, die abgeschreckt sind von Onlineportalen zur Terminsuche und komplizierten Anmeldeverfahren oder dazu keinen direkten Zugang haben, wie etwa Obdachlose.“

Der CSU-Politiker Stephan Stracke hingegen sieht keinen Anlass, von einer nachlassenden Impfbereitschaft in der kommenden Zeit auszugehen – auch nicht bei den Zweitimpfungen. „Ich sehe nicht, dass Menschen auf den vollständigen Impfschutz verzichten möchten. Im Gegenteil: die Zahl der Zweitimpfungen ist seit mehreren Wochen höher als die der Erstimpfungen“, sagt er.

Umfragen weisen darauf hin, dass die Impfbereitschaft im Laufe der letzten Monate grundsätzlich eher wieder zugenommen hat. Regelmäßig abgefragt wird sie im „Cosmo Covid-19 Snapshot Monitoring“ der Universität Erfurt. Sollten sich alle, die dazu bereit sind, auch tatsächlich impfen lassen, ergäbe sich eine Impfquote unter Erwachsenen zwischen 18 und 74 Jahren von 78 Prozent.

Bei ungeimpften Erwachsenen nehmen die Impfhindernisse zu

Das Team rund um Professorin Cornelia Betsch kommt allerdings nach der jüngsten Befragung auch zum Ergebnis, das bei ungeimpften Erwachsenen die Impfhindernisse zunähmen. Das Bedürfnis nach Nutzen-Risiko-Abwägung sei in dieser Gruppe hoch, das Vertrauen in die Impfung sinke und es steige die Wahrnehmung, dass man sich nicht impfen lassen müsse, wenn es viele andere tun. „Dies sollte zielgerichtete Interventionen nach sich ziehen“, raten die Expert:innen.

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Um Bedenken über Sicherheit und Wirkung der Impfung auszuräumen, ist nach Ansicht der SPD-Politikerin Bas mehr Aufklärungsarbeit und Werben für das Impfen notwendig. Entscheidend seien dabei die Hausärztinnen und Hausärzte, die ein besonderes Vertrauensverhältnis zu ihren Patientinnen und Patienten hätten. „Sie können die Menschen sicher am besten von der Sinnhaftigkeit einer Impfung überzeugen und über Nutzen und Risiken aufklären“, sagt sie.

Die Grünen-Gesundheitspolitikerin Maria Klein-Schmeink fordert darüber hinaus eine gute allgemeine und eine zielgruppenorientierte Kommunikationskampagne. Diese müsse nicht nur über die Impfungen informieren, sondern auch über die sinnvollen zeitlichen Abstände und die Gefahren, wenn man sich nur unvollständig impfen lasse. Gerade im Hinblick auf die Ausbreitung der Delta-Variante wäre der Impfschutz dann „sehr erheblich reduziert“, sagt sie.

Impfungen in Einkaufszentren oder Museen

Die FDP-Gesundheitsexpertin Christine Aschenberg-Dugnus plädiert dafür, sich mit Impfkampagnen in verschiedenen Sprachen auch denjenigen zuzuwenden, die eine Impfung bisher skeptisch sehen. Anreizsysteme hält sie grundsätzlich für sinnvoll. Wichtig sei, die Menschen wohnortnah und in ihrem sozialen Umfeld zu erreichen. In Einkaufszentren und auf Parkplätzen könnten Impfungen durch Fachpersonal angeboten werden.

Zudem bestehe die Anreizmöglichkeit, Impfungen an besonderen Orten anzubieten und durchzuführen - wie zum Beispiel im Freizeitpark oder Naturkundemuseum. "Personen, die sich dort impfen lassen, könnten dann den Rest des Tages die Attraktionen oder das Museum nutzen." 

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