Brandt erweckte die Sozialistischen Internationale zur Gesprächsarena

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Zum 100. Geburtstag von Willy Brandt : Deutscher Weltbürger, nationaler Kosmopolit
Werner A. Perger

Es war diese Kleingruppe, verstärkt um Gleichgesinnte wie Brundtland in Oslo, Mitterrand in Paris, González in Madrid, die Brandt schließlich dazu bewegte, das Amt des Präsidenten der Sozialistischen Internationale (SI) zu übernehmen. Das war eine Rolle, wie sie für einen, der als deutscher Kanzler daran mitgewirkt hatte, die Politik der Entspannung zwischen Ost und West in Gang zu setzen, zunächst wenig faszinierend ist. Brandt hat sich auch lange dagegen gesträubt. Aber er wäre nicht der gewesen, als den man ihn heute noch in Erinnerung hat, wenn er nach einigem Nachdenken in der Funktion nicht doch auch eine Möglichkeit gesehen hätte, im Welttheater ein bisschen mehr Bewegung zu erzeugen. Neue Optionen zu schaffen, Türen zu öffnen, Blockaden abzubauen. Knoten zu lösen. Alles das, was er so gut konnte.

Aus der längst bedeutungslosen Organisation machte Brandt alsbald eine Gesprächsarena, die als eine Art sozialdemokratische Uno begann, sich verstärkt in internationale Fragen einzumengen. Sie wurde so zu einem neuen Leuchtturm für neue politische Gruppierungen und Parteien außerhalb Europas. Dass diese in aller Regel überhöhte Erwartungen an die SI knüpften, dessen war Brandt sich bewusst. Er hatte die Organisation aus ihrem politischen Dornröschenschlaf geweckt, für neue Aufgaben geöffnet.

Zugleich hat er sie damit aber auch an ihre Grenzen geführt. Der Mythos, der die SI unter Brandt umgab, überstieg die realen Möglichkeiten um ein Vielfaches. Aber immerhin gab es doch mehr Bewegung als früher. Vereinzelte Vermittlungserfolge in lokal begrenzten Konflikten (Geiselaustausch in El Salvador) machten Hoffnung. Mancher Rückschlag (Ermordung eines prominenten palästinensischen Gastes während einer SI-Konferenz in Portugal) nährte aber Zweifel am Nutzen des Aufwands. Die Illusion und die neue Faszination lebten jedenfalls, solange Brandt präsidierte. Heute, zwei Jahrzehnte nach Brandts Tod, ist die SI am Ende. Europas Sozialdemokratien wenden sich ab.

Die großen Player, die sich die wichtigen Fragen der globalen Machtpolitik gerne vorbehalten, werden die SI nicht vermissen. Brandts Treiben in der Weltpolitik war ihnen nie geheuer gewesen. Mit Unbehagen beobachtete in Bonn seinerzeit auch der sozialdemokratische Kanzler Helmut Schmidt die globalen Aktivitäten seines Vorgängers. Mit erhöhter Wachsamkeit haben in Jerusalem die israelische Schwesterpartei, voran die regierenden Schwergewichte Rabin und Peres, die Vermittlungsbemühungen der Brandt-SI im Nahen Osten beobachtet. Und mit großem Misstrauen verfolgte die Reagan-Administration in Washington beispielsweise Brandts Aktivitäten in Mittelamerika: Was macht der da? Die Reise des SI-Präsidenten 1984 in den „Hinterhof“ der USA, nach Nicaragua und Kuba, war eine offene Herausforderung an die Führungsmacht. Vor allem der Staatsempfang in Havanna.

Na, wenn schon. Brandt kümmerte sich um die mächtigen Bedenkenträger immer weniger. Im November 1990, knapp zwei Monate vor der ersten amerikanischen Intervention im Irak, flog der von diplomatischen Zwängen unbelastete SI-Präsident nach Bagdad, um Saddam Hussein zur Freilassung der internationalen Geiseln zu überreden, die als „lebende Schutzschilder“ vor irakischen Versorgungsanlagen platziert werden sollten. Es war ein Alleingang. Die Regierungen in Bonn und vor allem in Washington waren strikt gegen diese Initiative. Die Amerikaner wollten nicht, dass der deutsche Friedensnobelpreisträger dort unten ihre Kreise stört. Ein Scheitern hätte für Brandts Prestige einen schweren Rückschlag bedeutet. Doch der Diktator gab schließlich nach. Der Airbus der Luftwaffe war auf dem Rückflug voll besetzt mit freigelassenen Geiseln. Die Kritiker schwiegen.

Von der Spitze der Sozialistischen Internationale hat Brandt sich wenige Wochen vor seinem Tod im September 1992 verabschiedet, mit einer in Berlin von Hans-Jochen Vogel vorgetragenen Botschaft. Ähnlich der Aufbruchslosung aus der ersten Regierungserklärung aus dem Herbst 1969, Willy Brandts unvergessenes „Mehr Demokratie wagen“, wird aus der letzten Botschaft mindestens dies bleiben, ein Arbeitsauftrag des Scheidenden an die Nachgeborenen: „Nichts kommt von selbst. Und nur wenig ist von Dauer. Darum – besinnt Euch auf Eure Kraft und darauf, dass jede Zeit eigene Antworten will und man auf ihrer Höhe zu sein hat, wenn Gutes bewirkt werden soll.“

Werner A. Perger arbeitete von 1970 bis 1995 als politischer Korrespondent in Bonn. Er ist Autor der ZEIT, für die er seit 1991 schreibt.

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