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Auf Erfolg getrimmt. Die 4x100-Meter Staffel der DDR nach dem gewonnenen Finale der Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Helsinki 1983: Silke Gladisch, Marita Koch, Marlies Göhr und Ingrid Auerswald (v.l.).
© AFP

Aufarbeitung der DDR-Strukturen im Sport: Alte Reflexe und neue Reflektion

Ob Doping oder Stasi-Verstrickung – der DDR-Sport und der Erhalt alter Strukturen wurden in Brandenburg lange Zeit überhaupt nicht aufgearbeitet. Die Sporthistorikerin Jutta Braun will das in einem Forschungsprojekt nun ändern.

Potsdam – Steffen Reiche wurde fast euphorisch. Als der ehemalige Brandenburger SPD-Bildungsminister jüngst über die Errungenschaften seiner Amtszeit referierte, erklärte er stolz, dass die seit 2002 geführte Potsdamer Eliteschule des Sports die erste dieser Art in Deutschland war. Während nach der Wende bei all dem Umbruchseifer „in manchen neuen Bundesländern das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wurde“, so Reiche, lief in der Mark einiges anders: Bei der Aufarbeitung der Geschichte und der Bewältigung der SED-Diktatur gab es den Brandenburger Weg – auch im Sport. „Wir haben Eliteförderung und allgemeine Bildung zur Harmonie geführt“, beschrieb Reiche die Transformation der einstigen Kinder- und Jugendsportschulen (KJS) in die Eliteschule.

23 Jahre nach der Wende rückt in Brandenburg der Spitzensport in den drei ehemaligen DDR-Bezirken Potsdam, Cottbus und Frankfurt/Oder sowie dessen Aufarbeitung in den Fokus einer weitaus kritischeren Sicht, als sie Ex-Minister Reiche kürzlich an den Tag legte. Allen voran Ines Geipel: Die ehemalige Ost-Sprinterin, DDR-Systemkritikerin und spätere Doping-Aufklärerin, warnt: „Die Eliteschule stehen auf dünnem Eis!“ Dünn, weil Geipel zufolge „im Hinblick auf die derangierten DDR-Konzepte, die zu viele Hartz IV-Bezieher und bergeweise seelischen und körperlichen Notstand produziert haben, keine ausreichend klare inhaltliche und glaubwürdige Transparenz auszumachen ist“.

Die Geschichte der gescheiterten und aussortierten Sportler der DDR-Kaderschmieden, der Umgang mit Athleten, die sich Doping, Staatsdoktrin und Spitzeltätigkeit widersetzten oder deren Opfer wurden, sind wenig oder gar nicht aufgearbeitete Kapitel im Land Brandenburg. So gab es erst vor wenigen Wochen den monotypischen Aufschrei und ebenso bekannten Abwehrreflex, als die Potsdamer Kugelstoß-Legende Udo Beyer über regelmäßige Einnahme leistungssteigender Mittel berichtete. Und zumindest Erklärungsbedarf offenbarte sich an der Personalie des aktuellen Geschäftsführers „Sport“ im Landessportbund (LSB), dessen Spitzeltätigkeit als Inoffizieller Mitarbeiter der Staatssicherheit jetzt öffentlich wurde. Laut LSB-Hauptgeschäftsführer Andreas Gerlach war die IM-Historie seines Kollegen bekannt. Sie sei geprüft sowie bewertet worden und stehe der heutigen Funktion im LSB nicht entgegen.

„Nicht nur von Zeithistorikern wird der Sport als Gegenstand häufig nicht ganz ernst genommen“, bestätigt Jutta Braun. Die Sporthistorikerin vom Zentrum Deutsche Sportgeschichte Berlin-Brandenburg hat in einem umfangreichen Gutachten zum Übergang des DDR-Sports in einen demokratischen Rechtsstaat erhebliche Defizite bei der Aufarbeitung deutlich gemacht. „Der Sport fällt häufig völlig aus dem Rahmen einer historischen Reflektion über die Entstehung und Veränderung von Strukturen“, sagt Braun.

Ihren Eindruck sah sie bestätigt, als sie vor einigen Tagen in der Enquete-Kommission des Landtages ihr Gutachten vorstellte und Ines Geipel am Beispiel des tragischen Schicksals einer ehemaligen Cottbusser DDR-Leichtathletin den Vorwurf erhob, dass die Politik in Brandenburg ihre Sorgfaltspflicht gegenüber dem Sport seit 1990 sträflich vernachlässigt habe – im Umgang mit den Opfern und mit den Tätern.

Braun plant nun ein Forschungsprojekt zum DDR-Sport in den ehemaligen Brandenburger Bezirken. Dabei soll es darum gehen, den Sport und seine damaligen Strukturen zu erforschen und das bereits vorhandene Wissen zu dokumentieren und nachhaltig in die politische Bildung zu vermitteln. Nur wenn man die Mechanismen der Stasi und des systematischen Staatsdopings kenne, werde man angemessen urteilen können, betont Braun. Allein die in Stasi-Dokumenten beschriebenen „politisch-operativen“ Maßnahmen zur gezielten Anwerbung Inoffizieller Mitarbeiter mache etwas deutlicher, weshalb viele Menschen glaubten, sich diesem System nicht entziehen zu können. Für die Ruderer der SG Dynamo Potsdam lautete etwa das Planerfüllungssoll der zuständigen Stasi-Direktion in den 1970er Jahren, pro Jahr zwei neue IM zu rekrutieren. Bei den Ringern in Luckenwalde sollten die angeworbenen IM zudem ausdrücklich unter 18 Jahre sein.

In Thüringen hat die Potsdamer Wissenschaftlerin Braun gerade ein solches Projekt beendet. Im Herbst wird ein Sammelband zur „Sportgeschichte in den Bezirken Erfurt, Gera und Suhl“ erscheinen – mit Biografien und zeittypischen Aspekten und der Transformationgeschichte des staatlich organisierten Sports in selbstständige Vereine. Am Thüringer Projekt beteiligt war der dortige Landessportbund, die Landesbeauftragte sowie die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der Folgen der SED-Diktatur. LSB-Hauptgeschäftsführer Rolf Beilschmidt, der einstige DDR-Weltklasse-Hochspringer, räumte nach der Wende Doping und Stasi-Kontakte ein, gestand kürzlich in den Thüringer Medien: „Wir mussten ein bisschen zur Aufarbeitung unserer Geschichte gedrängt werden!“

Das Drängen spürt nun auch der märkische LSB-Präsident Wolfgang Neubert, der sich einem Brandenburger Forschungsprojekt aufgeschlossen zeigt. Auch die Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der Folgen der SED-Diktatur, Ulrike Poppe, sehe den Bedarf, die Sportgeschichte mit allen Facetten aufzuarbeiten. Der Bundesbeauftragte für Stasi-Unterlagen, Roland Jahn, sagt: „Es ist wichtig, auch im Sport mithilfe historischerForschung aus den Fehlern der Geschichte zu lernen.“ In der kommenden Woche soll es ein erstes Arbeitsgespräch geben.

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