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Autor André Kubiczek.
© Andreas Klaer

Literatur auf der Spur: Ein literarisches Denkmal für DDR-Orte

In der PNN-Sommerserie gehen wir den Spuren von Autor:innen nach, die zeitweise in Potsdam gelebt haben. Heute: André Kubiczek, der mit dem Stadtteil am Stern Erinnerungen an eine unbeschwerte Jugend verbindet.

Potsdam - Es müsste hier eine Gedenktafel geben, da ist sich André Kubiczek sicher. Doch zugewachsen ist die Außenwand des Supermarkts am Johannes-Kepler-Platz am Stern, der Ort, der in mehreren seiner Romanen eine Rolle spielt. Hier gab es bis 1989 in der Wohngebietsgaststätte „Orion“ zweimal die Woche Disko, ein Magnet für Potsdamer Jugendliche. 2003 wurde sie abgerissen, womit auch die Erinnerung an die einstige Anziehung des Ortes verblasste – bis Kubiczek 2016 in seiner Erzählung „Skizze eines Sommers“ daran erinnerte: „Jeden Sonntag aber und jeden Mittwoch reisten die Mädchen und Jungs aus der gesamten Stadt mit Bussen und Bahnen in unser Stadtgebiet, um sich in jenem Saal zu treffen.“

Sind „Orion“ und Gedenktafel auch verschwunden – mit einigen von Kubiczeks Romanen ist längst ein literarisches Denkmal an ein unverklärtes Potsdam der 70er- und 80er-Jahre entstanden. Sie zu lesen ist zugleich wie eine Reise durch das Leben Kubiczeks, der offen sagt, dass sich viel Autobiografisches in seinen Büchern findet.

Literarisch stand Potsdam zunächst nicht im Vordergrund

Ein Spaziergang durch Potsdam mit dem Autor, der 1969 hier geboren wurde, wird wiederum zu einem literarischen Gang an Plätze, die über ihn erzählen. Dabei stehen nicht Orte wie Sanssouci im Fokus, sondern solche des DDR-Alltags wie das mittlerweile abgerissene Schuhhaus am Platz der Einheit oder eben das Wohngebiet am Stern.

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Dabei stand Potsdam zu Beginn von Kubiczeks literarischer Laufbahn erst mal nicht im Vordergrund. Als er 2002 mit „Junge Talente“ im Alter von 33 Jahren debütierte, lag der Blick auf Berlin, und das blieb auch in den drei folgenden Romanen so. Erst 2012 beschäftigte er sich im autobiografischen „Der Genosse, die Prinzessin und ihr lieber Herr Sohn“ mit seiner Geburtsstadt. Der Roman spürt seiner Mutter nach, einer Tochter des laotischen Außenministers. 

Vom Hubertusdamm in die Waldstadt

Kubiczeks Vater, ein DDR-Staatswissenschaftler, hatte sie in Moskau kennengelernt. Nachdem die Familie in der Meistersingerstraße nach Kubiczeks Geburt in Potsdam-West zur Untermiete lebte – Wohnraum war knapp zu dieser Zeit –, bekamen sie 1972 eine Wohnung in einem Neubau am Hubertusdamm 38 am Stern zugeteilt. Steht Kubiczek heute vor dem Wohnblock, wo die Familie wohnte, erinnert er sich genau an die Wege zur Krippe, Schule und Kaufhalle oder welche Zäune schon damals standen. Dass einst O-Busse in der Mendelssohn-Bartholdy-Straße fuhren, weiß er noch. Und auch Steinstücken, zu DDR-Zeiten westdeutsche Enklave, kann er zeigen.

In dem Neubau am Hubertusdamm 38 am Stern bekam die Familie 1972 eine Wohnung zugeteilt. 
In dem Neubau am Hubertusdamm 38 am Stern bekam die Familie 1972 eine Wohnung zugeteilt. 
© Andreas Klaer

Bis 1982 verbrachte Kubiczek hier den unbeschwerten Teil seiner Kindheit. „Und mit einem Mal wurde mir leicht ums Herz, so sehr wie lange nicht mehr, wie zuletzt in den Tagen, als wir alle zusammen am Hubertusdamm gelebt hatten (…)“, heißt es an einer Stelle im Roman. 1986 dann, da wohnte die Familie in Waldstadt II, starb seine Mutter an Krebs, sein Bruder starb 1987 mit 17 Jahren. Er war mit acht Jahren nach einer fehlerhaften Operation ins Koma gefallen und nach Erwachen aus diesem geistig beeinträchtigt.

Vielleicht ist es die Unbeschwertheit der Zeit am Stern, die den Autor den 16-jährigen René im vielgelobten und für den Deutschen Buchpreis nominierten Roman „Skizze eines Sommers“ ebenfalls hier ansiedeln lässt, direkt am Kepler-Platz. Steht Kubiczek heute vor dem Wohnblock, in dem er René verortet, fällt ihm ein, dass die Platanen davor in seiner Kindheit noch klein waren. „Es ist schön, dass sie dem Platz hier jetzt Alleecharakter verleihen.“ Gerne sei er hier nach der Disko mit Mädchen spazieren gegangen. Da wundert es nicht, dass auch Renés Schwarm hier wohnt: „Das Mädchen, dessen Name ich nicht wusste. Das allerschönste auf der ganzen, weiten Welt. Das im Orion nie zur falschen Musik tanzte.“

Im Nachfolger „Straße der Jugend“ (2020) gerät Potsdam dann in den Hintergrund, doch spielt es insofern eine Rolle, dass René es wie Kubiczek 1985 verlässt, um in Halle an der Saale 1987 an der Arbeiter- und Bauernfakultät Abitur zu machen. Der Ernst des Lebens beginnt.

1990 wohnt Kubiczek ein letztes Mal in Potsdam

Eine schwere Entscheidung, die auch Kubiczek treffen musste, steht dann in „Der perfekte Kuss“ (2022) im Raum, dem letzten Teil der Reihe um René. Soll er wirklich drei Jahre zur Armee, um Germanistik studieren zu können? René denkt in der Grotianstraße 15 am Stern darüber nach. Beim Laufen durch diese Straße fällt Kubiczek auf, dass es die Nummer 15 gar nicht gibt. „Interessant“, so sein Kommentar,“"oder habe ich es mit Absicht so gemacht?“ Möglich ist es. Das Spiel mit der Nichtauffindbarkeit im Auffindbaren scheint ihm zu gefallen, denn obwohl seine Bücher über ihn erzählen, bleibt doch allzu Persönliches verborgen.

Kubiczek leistete schließlich Wehrdienst, in der Hoffnung, danach im Künstlerisch-Kulturellen Freiheit zu finden. Wie René wohnt er 1990 für kurze Zeit ein letztes Mal in Potsdam, um für die „Vereinigte Linke“ – die ihren Sitz neben anderen Gruppierungen im ehemaligen Stasi-Gefängnis Lindenstraße hatte – Wahlkampf zu betreiben. Als bei den ersten freien Wahlen andere gewinnen, verlässt Kubiczek die Stadt. „Ich hatte einfach die Lust verloren.“ 

In „Das fabelhafte Jahr der Anarchie“ (2014) klingt das an. Kubiczek lässt hier ein Paar Potsdam den Rücken kehren und aufs Land ziehen. Er selbst beginnt ein Germanistik-Studium in Leipzig, Bonn und Berlin, bricht ab. Das Interesse an Literatur, das sich bei ihm wie bei René in der Jugend entwickelte, blieb. Mit dem ersten PC Anfang der 90er entsteht das Manuskript für sein Debüt.

Was nicht blieb, ist die Wehmut, die ihn anfangs beim Schreiben über Potsdam überkam. Sie ging mit dem Erzählen. Ob die Stadt damit für ihn auserzählt ist? Möglich. Die Potsdamer können sich schon jetzt über seine einzigartigen literarischen Hinterlassenschaften freuen. Und wer weiß – vielleicht gibt es irgendwann ein Kubiczek-Denkmal am Kepler-Platz.

Andrea Lütkewitz

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