Sport : Der Anti-Abramowitsch aus dem Kraichgau

Dietmar Hopp will seinen Heimatklub TSG Hoffenheim in die Bundesliga führen – nicht als Zeitvertreib, sondern aus Verbundenheit

Sven Goldmann[Hoffenheim]

Der Tag fängt schlecht an für Dietmar Hopp. Regen begleitet ihn auf seiner Fahrt zum Stadion der TSG Hoffenheim. Die schmale Straße führt den Berg hinauf durch eine Tempo-30-Zone, und es bleibt genug Zeit zum Ärgern und Fluchen und Kopfschütteln. Da ist dieses Interview, das Marcel Reif der Rhein-Neckar-Zeitung gegeben hat. Dem Lokalblatt, ausgerechnet. Der Fernsehmann Reif nennt Hoffenheim einen Retortenklub und Hopp einen deutschen Abramowitsch. Deutscher Abramowitsch! Verärgert kommt Hopp ins Büro und wirft die Zeitung auf den Tisch. Was hat er zu tun mit dem russischen Erdöl-Milliardär, der den FC Chelsea zum reichsten und unbeliebtesten Klub der Welt gemacht hat? Was soll dieser Vergleich?

Hopp bezeichnet sich als Unternehmer im Ruhestand. Er ist 66 Jahre alt, ein großer Mann mit breiten Schultern und eisgrauem Haar. 1972 hat er den Softwarekonzern SAP mitgegründet, sein Vermögen wird auf mehrere Milliarden Euro geschätzt. Er mag Fußball und hat seinen Jugendklub Hoffenheim als Mäzen aus der Kreisklasse in die Regionalliga geführt. Aber Hopp will nach ganz oben. Dafür hat er aus der Bundesliga den Trainer Ralf Rangnick geholt und einen Stab weiterer hoch geschätzter Spezialisten. Zum Gespräch bringt er einen Aktenordner mit. Unterlagen über Jugendeinrichtungen und soziale Projekte, alles gefördert mit seinem Geld. Hopp wirkt eher traurig als wütend. „Was weiß der Reif denn schon?“

Hoffenheim ist ein Dorf im Kraichgau, Nordbaden. 3300 Einwohner, von einem Ende bis zum anderen läuft man eine Viertelstunde. Der Kaufmann schließt seinen Laden zur Mittagspause und am Bahnhof wird die Schranke noch mit der Hand heruntergekurbelt. „Eine Fußballtradition wie in München oder Dortmund haben wir nicht“, sagt Hopp, aber die Wurzeln des Vereins reichen zurück ins Jahr 1899, und das ist doch auch eine Tradition. Hopp ist hier aufgewachsen und hat selbst gespielt für Hoffe, wie die Leute hier sagen. Sein schönstes Tor? „Flanke von rechts, ich stehe am Strafraum, ziehe volley ab und der Ball saust unter die Latte.“ Damals war der Fußballplatz eine lehmige Wiese am Großen Wald auf einem Berg, der keinen Namen hat. Vor acht Jahren hat Hopp ein kleines, feines Stadion gebaut, mit einer Tribüne und drei Steintraversen. Das Stadion trägt seinen Namen, „denken Sie bloß nicht, dass das meine Idee war“. Aber er hat nun mal bezahlt, und als der Vereinspräsident daherkam mit dem Dietmar-Hopp-Stadion, ja nun, dann nennen wir es eben so. In zwei Jahren wird der Klub ein paar Kilometer weiter in die Kreisstadt Sinsheim ziehen, in ein neues Stadion für 30 000 Zuschauer. Hopp wollte es eigentlich in Heidelberg bauen („eine Weltstadt!“). Aber die Heidelberger waren nicht sehr kooperativ und haben das ausgeguckte Gelände lieber einem Getränkefabrikanten gegeben. Der neue Standort in Sinsheim liegt direkt an der A6 zwischen Mannheim und Heilbronn. Die vielen Blickkontakte der vorbeifahrenden Autofahrer sollen eine optimale Vermarktung des Stadionnamens ermöglichen. „Microsoft-Arena würde mir gefallen“, sagt der Software-Milliardär Hopp.

Jahrelang fand Hoffenheim Erfüllung darin, mit selbst ausgebildeten Spielern in der dritten Liga zu spielen. Warum muss es jetzt auf einmal die erste sein? Dietmar Hopp antwortet leise und zurückhaltend. Er will nicht dastehen als gelangweilter Milliardär, der sich als Spielzeug eine Fußballmannschaft gekauft hat. Hopp investiert auch in Biotechnologie, er unterstützt die Heidelberger Uniklinik und hat so ziemlich jeden Sportplatz in der Gegend gesponsert. Ein guter Mensch und perfekter Mäzen. Hopp hat die Rhein-Neckar-Region nie verlassen und ist stolz darauf, dass sie seit kurzem den Status einer Metropolregion hat. Die Ministerkonferenz für Raumordnung definiert das als „eine stark verdichtete Großstadtregion von hoher internationaler Bedeutung“, und dafür braucht es schon einen Bundesligisten. Das ist die offizielle Version.

Die inoffizielle Version erzählen Menschen, die Dietmar Hopp näher kennen. Sie sagen: Der Mann hat Zeit und Geld und alles erreicht. Sie erzählen von einem Pokalspiel gegen den 1. FC Köln, das Hopp sich via Internet an seinen Urlaubsort nach Florida übertragen ließ. Sie zeichnen das Bild von einem Mann, der mit den Zuschauern sein Bier trinkt, der jubelt und flucht, eben ein richtiger Fan ist, und dieser Fan will es jetzt endlich wissen: Bundesliga im Kraichgau! Turn- und Sportgemeinschaft Hoffenheim gegen Bayern München!

Ist das unredlich? Ist Hoffenheim, wie Traditionalisten behaupten, ein Retortenklub, der gewachsene Strukturen mit der Macht des Geldes aushebelt? In Hamburg hat der Amerikaner Philip Anschutz vor fünf Jahren eine Eishockeylizenz für die erste Liga gekauft. Mal davon abgesehen, dass so etwas im Fußball nicht geht: Dietmar Hopp will sich keinen Platz kaufen. Er hat 1989 ganz unten angefangen, als er in der Zeitung vom drohenden Abstieg seines Jugendklubs aus der Bezirksliga las. Hopp rief den Klubchef an und versprach: „Das werden wir ändern.“

Dietmar Hopp sagt, das mit der Jugend sei ihm schon immer wichtig gewesen – vor allem, dass aus den jungen Leuten vernünftige Menschen werden, dass sie Abitur machen und später womöglich studieren. In Zuzenhausen und Walldorf finanziert er Nachwuchszentren, zu besonderen Anlässen wird schon mal Jürgen Klinsmann per Videobotschaft zugeschaltet. Cheftrainer Ralf Rangnick sagt, dass er auch alle A- und B-Jugendspieler kennt. In der vergangenen Saison hat er mit Schalke 04 in der Champions League gespielt. Wer ihn in Hoffenheim besuchen will, fragt am besten nach der Tankstelle, es ist die einzige weit und breit, und neben Benzin und Diesel werden auch Eintrittskarten für Hoffe verkauft. Nebenan hat Hopp ein Trainingszentrum gebaut, mit Kraftraum, Videosaal und 24 Doppelzimmern. Um den Rasen kümmern sich die Greenkeeper des Golfklubs St. Leon Rot, der natürlich auch Hopp gehört.

Der Fußballlehrer Ralf Rangnick wird im nächsten Jahr 50. Aber wie er da sitzt in seinem Hoffenheimer Büro, Mineralwasser ohne Kohlensäure trinkt und von dem B-Jugendspieler aus Neckarau erzählt, den er gerade besucht und zu einem Wechsel überredet hat – in solchen Momenten wirkt Ralf Rangnick so begeistert wie ein Berufsanfänger. Sportlich ist Hoffenheim für ihn ein Rückschritt. „Aber von den Arbeitsbedingungen her müssen wir uns vor keinem Bundesligisten verstecken.“ Dietmar Hopp gebe zwar das Geld, halte sich aber aus sportlichen Fragen heraus. „So etwas habe ich noch nie erlebt“, sagt Rangnick. „Wir haben hier die Freiheit, völlig neue Wege zu gehen. In der Diskussion ist alles erlaubt, wirklich alles. Sie glauben nicht, worüber wir uns so alles unterhalten.“

Da ist die Geschichte von dem holländischen Hockeytrainer, die Bernhard Peters erzählt hat. Peters ist selbst Hockeytrainer, im Herbst hat er Deutschland zum Weltmeister gemacht. Jürgen Klinsmann schätzt sein konzeptionelles Denken so sehr, dass er ihn vor einem Jahr als Sportdirektor zum Deutschen Fußball-Bund holen wollte. Das war dem DFB ein bisschen zu viel Revolution, also bekam Matthias Sammer den Job – und Peters ein Angebot aus Hoffenheim. Peters bat Klinsmann um Rat, und der sagte: „Bernhard, das mit Hoffenheim machst du!“ Peters ist jetzt Direktor für Sport und Nachwuchsförderung.

Die Geschichte mit dem holländischen Hockeytrainer geht so: Der Mann hatte bei einem Ligaspiel die Mannschaft mit Mini-Ohrhörern ausgestattet, so dass er jeden Spieler mit individuellen Anweisungen steuern konnte. Der Trick flog auf und wurde verboten. Aber in Hoffenheim spielen sie die Idee weiter. Die Geräte sind bestellt, und bald wird Ralf Rangnick seine Verteidiger via Mikrofon dirigieren. „Stellen Sie sich das mal auf Schalke vor, was das für einen Alarm geben würde. Hier probieren wir es einfach aus.“

Einfach ausprobieren. Das gefällt Dietmar Hopp. Er hat es selbst so gemacht, Anfang der Siebzigerjahre, als er seinen sicheren Job bei IBM aufgab und mit vier Kollegen ein eigenes Unternehmen gründete, „Systemanalyse Programmentwicklung“, SAP. Firmensitz war ein Lagerraum. Heute setzt SAP im Jahr knapp zehn Milliarden Euro um und macht Walldorf mit seiner Gewerbesteuer zu einer der wohlhabendsten Gemeinden Europas. Im Frühling 2007 hält Hopp die Zeit reif für eine zweite Erfolgsgeschichte. Während einer Übergangszeit muss Hoffe noch im kleinen Stadion am Großen Wald spielen. Hinterm Tor wird eine neue Tribüne gebaut, und weil man aus der Geschäftsstelle so einen schönen Blick auf den Platz hat, vermietet Geschäftsführer Jochen Rotthaus die Räume als VIP-Boxen. Die Angestellten arbeiten jetzt in Containern. Dietmar Hopp blättert im Kalender auf dem Schreibtisch, „schauen Sie hier, am 2. Juni haben wir unser letztes Heimspiel, da wollen wir feiern“.

Nach 24 von 34 Spieltagen haben die Hoffenheimer neun Punkte Vorsprung auf einen Nichtaufstiegsplatz. Als sie in der Winterpause dem Aufstiegsrivalen Stuttgarter Kickers den besten Stürmer wegkauften, hob erneut das Gemurre an über den Abramowitsch aus dem Kraichgau. Die Hoffenheimer entkräften solche Vorwürfe gern. Der prominenteste Spieler heißt Francisco Copado und saß bei Eintracht Frankfurt auf der Bank. Hopp hat Geld genug für prominenteres Personal. „Aber der Verein muss irgendwann schwarze Zahlen schreiben. Ich bin 66, das Projekt muss mich überleben.“

Das mit den 66 Jahren erwähnt Hopp oft. Vielleicht kokettiert er mit seinem Alter, vielleicht will er einen weiteren Unterschied zu Roman Abramowitsch herausstellen. Der Russe ist noch nicht einmal 40. Hopp zieht einen Zeitungsausschnitt aus der Tasche, „Jürgen Klinsmann hat ihn mir geschickt“. Es ist ein Artikel über ihn und die Nachwuchsarbeit in Hoffenheim, er trägt die Überschrift: „Germany’s Anti-Abramovich“. „Anti, verstehen Sie, Anti! In Amerika kapiert man den Unterschied.“ Er könnte noch stundenlang reden, über Fußball und Hoffenheim und die Bundesliga, aber der Unternehmer im Ruhestand muss an die Arbeit. In der Ecke des Büros liegen zwei Papierrollen im DIN-A2-Format, die Bauzeichnungen des neuen Stadions. Der Regen hat aufgehört. Es wird noch ein guter Tag für Dietmar Hopp.

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