Ex-Nationalspieler Christian Schwarzer : „Handball-Deutschland ist im Moment gespalten“

Im Interview spricht Christian Schwarzer über die verpassten EM-Ziele sowie die Trainerdiskussion – und kritisiert das Auftreten von DHB-Vize Bob Hanning.

Seine Sicht: Christian Schwarzer vertritt klare Standpunkte.
Seine Sicht: Christian Schwarzer vertritt klare Standpunkte.Foto: Fabian Stratenschulte/dpa

Christian Schwarzer, 50, wurde mit dem deutschen Handball-Team Welt- und Europameister. Bis heute ist der Braunschweiger bei 318 Länderspielen mit 965 Toren der Rekordtorschütze.

Herr Schwarzer, wo erwischen wir Sie?
Ich hatte Früh-Training mit den Kindern der Eliteschule des Sports und bin gerade zuhause rein.

Haben Sie das EM-Spiel der deutschen Handballer gegen Österreich verfolgt?
Aber selbstverständlich.

Ihr Urteil?
Es ist extrem schwer, sich nach einer bitteren Niederlage wie gegen Kroatien 48 Stunden zuvor zu motivieren, weil ja klar war, dass es mit dem Halbfinale nichts mehr werden kann, dass der Traum, der Wunsch, das Ziel nicht mehr erreichbar ist. Ich spreche da aus Erfahrung, weil ich als Aktiver leider an einigen solcher Spiele beteiligt war.

Wie bewerten Sie grundsätzlich die deutschen Turnierauftritte?
So wie gegen Kroatien und Österreich hätte ich mir die Mannschaft die ganze Zeit gewünscht. Aber das war leider nicht der Fall, wenn man den Gesamteindruck nimmt.

Yeah, Spiel um Platz fünf: Für die deutschen Handballer verlief die EM recht enttäuschend.
Yeah, Spiel um Platz fünf: Für die deutschen Handballer verlief die EM recht enttäuschend.Foto: Robert Michael/dpa

Vor dem Österreich-Spiel machte ein Begriff die Runde: Charaktertest. Es gab Gerüchte, dass es im Falle einer Niederlage eng für Bundestrainer Christian Prokop werden könnte.
Dazu muss ich ganz deutlich sagen: Ich kenne keinen Leistungssportler, der für oder gegen seinen Trainer spielt. Das sind Floskeln, die von der Presse ins Spiel gebracht werden oder von Offiziellen des DHB. Die Mannschaft hat ja auch gegen Kroatien Charakter gezeigt, leider nicht über die vollen 60 Minuten, sondern mit Höhen und Tiefen.

Welche Konsequenzen erwarten Sie jetzt?
Man muss hinterfragen, wieso, weshalb und warum das nicht so gewesen ist. Waren die Ansprüche, die von Seiten der Offiziellen getätigt wurden, überhaupt gerechtfertigt? Oder haben sie das gesamte Team dadurch einem unnötigen Druck ausgesetzt? Im Nachhinein kann man sich leicht hinstellen und sagen: Wir haben ja so viele Ausfälle zu verzeichnen. Das muss doch vorher passieren!

Mit voller Kapelle wäre das Ziel Halbfinale verständlich gewesen. Aber welche Ziele intern formuliert werden, sollte ohnehin nicht so klar nach außen getragen werden. Aber es gibt halt Spezialisten, die gern in der Öffentlichkeit stehen und solche Sachen sagen.

Was meinen Sie genau?
Das geht bei vermeintlichen Nichtigkeiten los. Einigkeit demonstriert eine Mannschaft, eine Delegation durch gemeinsames Auftreten, angefangen bei der Kleidung. Sobald aber einer der Ansicht ist, immer aus der Rolle fallen zu müssen, wird das schwierig. Das sind Kleinigkeiten, die für mich bei so einem Turnierfazit eine ganz wichtige Rolle spielen.

In der Kritik: Mit dem Auftritt von DHB-Vizepräsident Bob Hanning (Mitte) ist Christian Schwarzer unzufrieden.
In der Kritik: Mit dem Auftritt von DHB-Vizepräsident Bob Hanning (Mitte) ist Christian Schwarzer unzufrieden.Foto: Robert Michael/dpa

Sie reden ganz offensichtlich von DHB-Vizepräsident Bob Hanning, ohne ihn namentlich zu nennen.
Wie er die ganze Situation moderiert hat, passt doch total zu ihm. Zuerst macht er eine Trainerdiskussion auf, am nächsten Tag will er davon nichts mehr wissen und fühlt sich angeblich falsch verstanden. Bob legt es immer so aus, wie er es gerade braucht, das ist seine große Stärke, und damit stellt er die ganze Handball-Welt auf den Kopf. Damit habe ich ein Riesenproblem, zumal er ja nicht auf den Kopf gefallen ist. Dahinter steckt eine Strategie, ein ganz klarer Plan.

Christian Prokop hat nach dem Spiel gegen Österreich sein Unverständnis darüber geäußert, dass eine Niederlage mit einem Tor gegen Kroatien genügt, um eine Trainerdebatte zu entfachen. Können Sie das nachvollziehen?
Da muss ich ein wenig ausholen. Die Sache beginnt ja vor drei Jahren, als ein Nachfolger für Dagur Sigurdsson gefunden werden musste. Ich will nicht sagen, dass Christian Prokop damals ein Nachwuchstrainer war, er hat in Leipzig sehr gute Arbeit geleistet und eine Mannschaft, mit der er Tag für Tag arbeiten konnte, aufgebaut und entwickelt. Aber auf internationalem Niveau war er einfach verdammt jung, unbekannt und unerfahren.

Und für so einen Trainer bezahlt der DHB die Rekordablösesumme von 500 000 Euro, obwohl der Verband nicht im Geld schwimmt. Damit geht die ganze Debatte im Grunde los. Das hat sich ja nicht erst im Laufe des Turniers hochgeschaukelt, das wieder ein Spiegelbild der letzten Zeit war. Jetzt ist die Geschichte zum dritten Mal in Folge ohne das erklärte Ziel geendet, eine Medaille zu holen. Deshalb müssen sich die Verantwortlichen endlich mal hinterfragen, ob das alles so richtig und zielführend war.

Hände hoch: Bei der WM 2007 wurde Christian Schwarzer mit dem deutschen Team Weltmeister.
Hände hoch: Bei der WM 2007 wurde Christian Schwarzer mit dem deutschen Team Weltmeister.Foto: Oliver Berg/dpa

Prokop hat prominente Fürsprecher wie Stefan Kretzschmar und nicht weniger prominente Kritiker wie etwa Daniel Stephan. Sie haben viele Jahre in der Nationalmannschaft mit den beiden zusammengespielt – wo liegt die Wahrheit?
Ich habe den Eindruck, dass Handball-Deutschland im Moment tatsächlich gespalten ist. Das eine Lager, das ein bisschen mehr Ahnung hat, wundert sich darüber, dass es wieder nicht mit der geforderten Medaille geklappt hat. Das andere Lager schaut vielleicht seltener Handball und freut sich, ein schönes, unterhaltsames Spiel wie gegen Österreich gesehen zu haben. Aber am Ende gibt es im Leistungssport ein relevantes Kriterium: das Ergebnis. Und das ist und bleibt enttäuschend, weil wir die entscheidenden Spiele alle verloren haben.

Unabhängig vom Ausgang des letzten Hauptrundenspiels gegen Tschechien am Mittwoch muss die deutsche Mannschaft noch nach Stockholm reisen, um das bedeutungslose Spiel um Platz fünf zu bestreiten.
Die Bundesliga-Vereine sind bestimmt total begeistert von dem, was da jetzt noch kommt, weil sich bereits ein paar Topspieler verletzt haben. Einen positiven Aspekt hat die Sache immerhin: Der Bundestrainer kann die letzten beiden Spiele dazu nutzen, um ein paar Sachen auszuprobieren. Das Qualifikationsturnier für Olympia steht ja vor der Tür – und das wird megawichtig. Ich hoffe, dass die Jungs die letzten EM-Spiele mit der Begeisterung angehen, die sie zuletzt gezeigt und vermittelt haben.

Sie sprechen die Olympia-Qualifikation an: Mit welchem Gefühl gehen Sie aus der EM hinaus und schauen auf das Turnier, das vom 17. bis 19. April in der Berliner Max-Schmeling-Halle stattfindet?
Ich bin da Optimist, weil wir zuhause spielen. Der Wechsel von Trondheim nach Wien hat bei der EM ja gezeigt, was Unterstützung von den Rängen bewirken kann. Am Fernseher hatte ich das Gefühl, Deutschland hatte gegen Österreich ein Heimspiel. Was mich pessimistisch stimmt, ist die Tatsache, dass es in Europa mittlerweile so viele gute Mannschaften gibt, die in etwa auf einem Niveau sind. Wer hatte vor der EM denn zum Beispiel Portugal auf dem Zettel? Die haben Schweden an die Wand gespielt! Von dieser Kategorie gibt es acht bis zehn Teams. Die Qualifikation ist also kein Selbstläufer, das kann je nach Auslosung verdammt hart werden.

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