Handball-WM : Andreas Wolff und Silvio Heinevetter: Ein Fall für zwei

Andreas Wolff und Silvio Heinevetter konkurrieren um den Platz im Tor des Handball-Nationalteams – und brauchen sich gegenseitig.

Schrei, wenn du kannst. Andreas Wolff vom THW Kiel (links) und Silvio Heinevetter von den Füchsen Berlin gelten beide als extrovertiert und ein bisschen verrückt.
Schrei, wenn du kannst. Andreas Wolff vom THW Kiel (links) und Silvio Heinevetter von den Füchsen Berlin gelten beide als...Foto: imago/Contrast

Mit zwei zentralen Maßgaben sind Deutschlands Handball-Nationalspieler in die Heim-Weltmeisterschaft gestartet: auch dem teaminternen Mitbewerber um Spielzeit auf der eigenen Position mal etwas gönnen zu können – und nicht egoistisch zu sein. Auf die kleinen zwischenmenschlichen Gesten wird es im Titelrennen also ankommen. Sie sollen in der Summe den Unterschied ausmachen.

Bislang klappt das sehr ordentlich, auch im zweiten Vorrundenspiel gegen Brasilien am vergangenen Samstag (34:21) lieferte die Mannschaft von Christian Prokop reihenweise Szenen, die Geschlossenheit suggerierten und dem Bundestrainer gefallen haben dürften. Auch sein Torhüter-Gespann, Andreas Wolff vom THW Kiel und Silvio Heinevetter von den Füchsen Berlin, machte diesbezüglich keine Ausnahme.

Beide Nationaltorhüter haben gute Eindrücke hinterlassen

Wolff war nach 40 Minuten ausgewechselt worden, hatte sich gerade die Trainingsjacke mit dem Bundesadler auf der Brust angezogen und auf der Ersatzbank Platz genommen – da stand er auch schon wieder, schwer auf Adrenalin, ballte die Faust, brüllte, jubelte und freute sich mit Heinevetter, der für seine erste Parade nur wenige Sekunden Anlaufzeit gebraucht hatte. Heinevetter erwiderte den Blick, zwinkerte Wolff zu und reckte ebenfalls die Faust in die Luft.

In diesem Moment stand es 24:17 für den Gastgeber, die Gegenwehr der Brasilianer schwand zusehends, das Spiel war längst entschieden, das Schaulaufen konnte beginnen. Und trotzdem feierten die Nationalspieler sich und einander für jede gelungene Aktion.

Torhüter sind in jeder Sportart spezielle und mitunter eigenwillige Typen. Wer stellt sich schon freiwillig zwischen zwei Pfosten und opfert den eigenen Körper zur Abwehr des Balls? Im Handball gilt das aus unterschiedlichen Gründen ganz besonders. Zum einen erlaubt das Regelbuch unendlich viele Wechsel, es gibt also meistens keine klare Nummer eins und keine klare Nummer zwei; jeder muss auch gönnen können. Das führt dazu, dass die Torhüter gut miteinander auskommen müssen, sofern sie ihre Vorderleute unterstützen wollen.

„Ein funktionierendes Gespann zeichnet sich dadurch aus, dass der eine da ist, wenn der andere einen schlechten Tag hat“, sagt Heinevetter. Bislang haben beide Nationaltorhüter gute Eindrücke hinterlassen: Wolff begann zwei Mal, hielt beide Male stark und machte jeweils knapp 20 Minuten vor Schluss Platz für Heinevetter, der ihm in nichts nachstand. „Wir wissen alle, dass wir zwei starke Torhüter brauchen, wenn wir weit kommen wollen“, sagt Bundestrainer Christian Prokop.

Wolff und Heinevetter tauschen sich viel aus

Seine Torhüter sind eine Art kleines Team im großen. Mit dem Angriffsspiel haben sie ohnehin nichts zu tun – und auch sonst kochen sie weitestgehend ihr eigenes Süppchen. Bei Auszeiten stehen Wolff und Heinevetter immer ein bisschen abseits, diskutieren, analysieren und werten aus. „Genau genommen sind wir gar keine Handballer“, sagt Heinevetter, „wir sind Torhüter und dazu gehört, dass wir viel miteinander zu tun haben, uns unterstützen und ständig austauschen.“

Allerdings gab es immer wieder Gerüchte, dass Heinevetter und Wolff nicht gerade gut miteinander auskommen. Michael Kraus, früherer Nationalspieler und Weltmeister von 2007, hat genau diese Geschichte kürzlich in einem Interview mit den „Stuttgarter Nachrichten“ verbreitet. Es sei ein offenes Geheimnis, dass Wolff und Heinevetter „keine guten Kameraden“ seien, sagte Kraus. Alles Blödsinn, entgegnet Heinevetter, „wir verstehen uns gut und haben kein Problem miteinander, auch wenn das immer wieder anders dargestellt wird.“

So oder so: In jedem Fall sind sich die Nationaltorhüter vor den Spielen gegen Russland am Montag und Frankreich am Dienstag ihrer Verantwortung im Team und ihrer psychologischen Bedeutung bewusst. „Abwehr und Torhüter im Zusammenspiel sind in jeder Mannschaft, bei jedem Turnier wichtige Faktoren“, sagt Heinevetter, „wenn wir da unsere Leistung abrufen, muss uns nicht bange sein.“

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Obendrein profitiert stets auch die Offensive von einer schwer zu überwindenden Verteidigung, es ist ein Wechselspiel. „Der Angriff bekommt viel mehr Sicherheit, wenn klar ist, dass wir nicht mit jedem Ballbesitz ein Tor machen müssen“, sagt Heinevetter. Und wenn die ersten WM-Spiele mit deutscher Beteiligung eines gezeigt haben, ist es die Tatsache, dass die Zuschauer einfache, von den Torhütern eingeleitete Kontertore besonders laut feiern.

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