Sport : Hilfe von Albert

Ein Computer soll BMW nach vorn bringen

Karin Sturm[Melbourne]

Erfolge haben manchmal viele Ursachen. Beim Erfolg des BMW-Sauber-Teams, schon im zweiten Jahr seines Bestehens in die absolute Spitze der Formel 1 vorgestoßen, verhält es sich jedenfalls so. Als Nick Heidfeld im Qualifying in Melbourne das Auto auf den dritten Startplatz stellte, hinter Kimi Räikkönen im Ferrari und Weltmeister Fernando Alonso im McLaren-Mercedes, da jubelte an der Box die gesamte weiß-blaue Truppe von BMW, mit Motorsportdirektor Mario Theissen an der Spitze. Was sich bei den Wintertestfahrten schon angedeutet hatte, scheint sich nun zu bestätigen. BMW könnte in der Formel-1-Saison 2007 ganz nach vorne fahren. Und jeder, der sich da gestern in Melbourne im Team an der Boxenmauer freute, durfte sich auch zu Recht zumindest einen Teil an diesem ersten Erfolg im Qualifying zuschreiben.

Einer der wichtigsten Garanten für diesen Quantensprung in der Entwicklung jubelte nicht. Er heißt Albert, steht in der Schweiz und ist sozusagen das Superhirn hinter der sich andeutenden Erfolgsstory von BMW. Albert ist ein Computer. Aber nicht irgendeiner, sondern der schnellste derzeit in Europa industriell genutzte Großrechner. Wo andere experimentieren, da rechnet und simuliert Albert. Wegen Albert verzichtet BMW auch darauf, wie so viele andere Top-Teams einen zweiten Windkanal zu bauen.

„Wir haben einen, der optimal funktioniert, der jetzt auch im Drei-Schicht-Betrieb läuft – und das reicht“, sagt Motorsportdirektor Theissen. Denn anstatt hunderte minimale aerodynamische Veränderungen am Modell im Windkanal auszuprobieren und dann 99 davon doch wieder zu verwerfen, lässt man bei BMW diese 100 verschiedenen Versionen vom Rechner Albert bis ins kleinste durchrechnen – der Computer spuckt dann gleich die optimale Lösung etwa für ein neues Flügelprofil aus.

Drei Millionen Euro hat Albert gekostet, aber Hardware und Software allein machen es auch nicht. „Das Equipment ist gar nicht so sehr das Entscheidende“, betont Mario Theissen. „Das Entscheidende ist, dass man täglich damit arbeitet und dadurch die entsprechende Anwendungserfahrung mit diesen komplexen Simulationsprogrammen hat. Man muss noch mehr Wissen und Verstand als bei der Arbeit im Windkanal einsetzen, um dieses Werkzeug richtig nutzen zu können.“ Ein Risiko sieht der Maschinenbau-Ingenieur Theissen im eingeschlagenen Weg mit dem Super-Computer nicht: „Ich komme aus der Berechnung – und ich habe sehr viel Vertrauen, dass das der Weg der Zukunft ist. Natürlich nie allein, man muss immer wieder auch durch Experimente absichern und es gibt sicher auch einige Bereiche, wo man mit dem Experiment noch immer schneller zum Ziel kommt.“ Aber man brauche die Ergänzung.

Aus der Simulation bekomme man nicht nur einen Luftwiderstands- oder Abtriebsbeiwert, sondern auch die gesamte Physik die dahinter stehe. Und damit könne man den nächsten Entwicklungsschritt zielgerichtet platzieren. „Da kann man wirklich systematisch vorgehen“, sagt Mario Theissen. Im Übrigen wüssten das auch die anderen Teams: „Es ist jeder an dem Thema dran, es ist nur so, dass wir im Moment vielleicht gerade die Nase vorne haben, weil wir den schnellsten Rechner haben. Die Schwerpunkte sind sicher ein bisschen anders, wir haben sehr konsequent auf diese Karte gesetzt – aber da werden wahrscheinlich einige andere folgen.“

Eines hat Albert aber nicht berechnet: Die Strategie für das heutige Rennen von Nick Heidfeld und Robert Kubica. Auch wenn dieses Thema dadurch, dass in diesem Jahr jetzt beide Reifentypen, die harten und die weichen, im Rennen eingesetzt werden müssen, noch einmal komplexer geworden ist. „Aber für so etwas haben wir eine Menge kleinerer Rechner, die das auch können“, sagt Theissen. Mit solchen Banalitäten werde doch der großen Meister nicht belästigt.

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