Interview mit Stand-up-Paddler : "Wir sind sauer auf die Surfer"

Paul Ganse spricht über die abgesagte WM, die Chancen auf Olympia und den Streit der Verbände. Klar ist vor allem, dass Ärger droht.

Wellen der Begeisterung. Paul Ganse kennt die Vorzüge seiner Sportart genau und findet: Olympia sollte sie nutzen.
Wellen der Begeisterung. Paul Ganse kennt die Vorzüge seiner Sportart genau und findet: Olympia sollte sie nutzen.Foto: promo

Herr Ganse, Sie wollten in diesem September Weltmeister im Stand-up-Paddling werden, der Internationale Kanuverband (ICF) hat die WM aber kurzfristig abgesagt. Was ist da los?

Die Surfer sind in Portugal vor Gericht gezogen und haben den Kanuten die Nutzung des Strands verboten. Das ist so ärgerlich. Am Ende geht es nur auf Kosten der Sportler. Wir hatten die Saison geplant, Flüge gebucht, Hotels, und dann heißt es: Sorry, die WM findet nicht statt.

Warum wollten die Surfer die WM der Kanuten verhindern?

Weil sie selbst eine WM im Stand Up Paddling haben. Den Verbänden geht es darum, wer SUP international vertreten darf. Also: Weltmeisterschaften dürfen beide veranstalten. Aber bei Olympischen Spielen zum Beispiel, dürfte nur ein Weltverband den Sport vertreten. Die Verbände konnten sich nicht einigen, deshalb liegt der Streit jetzt vor dem Sportgerichtshof. Der ICF hat nun aber einen Vorteil. Wir Sportler sind frustriert und sauer auf die Surfer. Weil die mit solchen Aktionen nur den Sport kaputt machen.

Lassen wir die Emotionen mal beiseite. Was spricht rational für das eine oder das andere?

Den Verbänden geht es ums Geld, das ist klar. Wer SUP international vertritt, hat irgendwann die Chance, über attraktive Wettbewerbe Einnahmen abzusichern. Als Sportler kann die Antwort aber eigentlich nur Pro Kanu lauten. Schauen Sie mal in Deutschland: Die Wellenreiter haben weniger Mitglieder als allein die Potsdamer Kanuten. SUP ist eine noch sehr junge Sportart. Die Strukturen und die Erfahrung der Kanuten können wir zum Wachsen gut gebrauchen.

Ihr Sport ist ziemlich reiseintensiv. Wie finanzieren Sie sich?

Man schleppt sich von Monat zu Monat mit Unterstützung der Eltern. Ich habe vom Boardhersteller das Material und ein Reisebudget, manchmal auch Preisgelder, aber das reicht natürlich nicht. Ich mache meinen Sport auf Weltklasse-Niveau und kellnere nebenbei. So kann sich der Sport nicht entwickeln.

Das kling nicht gerade optimistisch.

Sehen Sie, in Deutschland ist nur olympischer Sport förderungswürdig. Ich würde aber auch gern studieren und muss mir so bald die Frage stellen: Grafik-Studium oder Spitzensport. Wenn ich aktuell mit SUP an die Uni gehe und dann um Entgegenkommen für irgendwas bitte, zeigen die mir wahrscheinlich einen Vogel. Ohne Förderung geht die Kombination nicht.

Warum gehört SUP Ihrer Meinung nach in das Olympische Programm?

Es ist ein toller, attraktiver Sport, lebendig, bunt, voller Bewegung. Das ist großartig zum Zuschauen. Vor allem, wenn man dabei noch am Strand gucken und die Sonne genießen kann.

Das klingt jetzt aber nach dem Surfer-Klischee: salznasse Haare, Sonnenbräune, lässige Strand-Party. Das klingt nicht eben nach Hochleistungssport.

Ist es aber. SUP ist wahnsinnig anstrengend. Wir trainieren genauso viel und genauso hart wie zum Beispiel Olympiasieger Sebastian Brendel bei den Rennkanuten. Da ist nix mit bisschen Sport und dann fett Party. Aber das „Beach Flair“ haben wir – und das sollten wir nutzen. So etwas braucht auch Olympia, um als Konzept zu überleben.

Wie meinen Sie das?

Sehen Sie, ich bin selbst viele Jahre im Kanu gefahren. Aber mit Regatta-Rennen, bei denen irgendwo in der Ferne Leute geradeaus paddeln, die man nicht kennt und die einem von schlechten oder desinteressierten Kommentatoren auch nicht näher gebracht werden, damit lockt man jüngere Generationen nicht mehr. Wenn ich die Leute nicht persönlich kennen würde, würde ich Kanu-Wettbewerbe auch nicht gucken. Da hat man einfach Entwicklungen verschlafen. Auch medial. Wenn man sich die Bespielung der Kanäle anschaut, ist vieles im SUP moderner und zeitgemäßer.

Dann braucht der Kanusport SUP also mehr als SUP den Kanusport?

Ich glaube, das ist eine Symbiose, von der beide profitieren. Der Sport profitiert von den professionellen Strukturen. Und der Verband von der Jugendlichkeit und der Energie, die wir SUPler mitbringen. Man darf nur nicht den Fehler machen und den Sport verbiegen. SUP muss schon so vielfältig bleiben – mit dem Paddeln, aber auch dem Wellenreiten.

Verstehen Sie dann auch die Leute, die sagen, dass der Sport vom Wesen mehr Surfen als Bootfahren ist?

Ja, aber um das Wesen oder die Herkunft geht es nicht. Es muss um die Entwicklung der Sportart gehen.

Der Kanuverband sucht für die abgesagte WM in Portugal noch nach einer Alternative. Ist das für Sie eine Option?

Das ginge ja dann erst im Oktober oder November. Für Topleistungen ist das zu kurzfristig, wenn der Formaufbau über eine ganze Saison funktioniert. Dann lieber nächstes Jahr – und vielleicht hat der Internationale Sportgerichtshof bis dahin auch eine Entscheidung für die Kanuten gefällt.

- Paul Ganse, 22, ist einer der erfolgreichsten deutschen Stand-up-Paddler. Nach zehn Jahren im Kanurennsport startet der Potsdamer seit 2015 bei professionellen SUP-Wettkämpfen.

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