Karriere nach dem Unfall : “Man muss es ausprobieren”

Robin Knopf war Rollstuhl-Rugby Nationalspieler und gehört in seiner Klassifizierung zu den erfolgreichsten Handbikefahrern Deutschlands.

Benjamin Brown
Robin Knopf auf Tour.
Robin Knopf auf Tour.Foto: promo

Wer sich mit Robin Knopf über Sport unterhält, spürt seine Leidenschaft. Spürt, wie viel der Sport ihm bedeutet, spürt wie viel der Sport ihm gibt. Und wie viel er dem Sport gegeben hat.

 Als ich Robin Knopf in seinem Heimatort Sondernheim in Rheinland-Pfalz zum Interview treffe, bitte ich ihn, von sich zu erzählen. Und so erzählt er. Von seinem Unfall am 17. Januar 1983 - er nennt das Datum ohne zu zögern – von seinem Abitur, das er im Krankenhaus schreiben musste. Danach gingen seine Freunde zur Bundeswehr, er verbrachte ein Jahr in der Rehaklinik. Er erzählt, wie er seine Freunde danach, pünktlich zum Studium des Wirtschaftsingenieurwesens in Karlsruhe, wiedertraf und der Zeit, in der er bei Daimler und der Telekom arbeitete. 

„Und zwischendrin hast du ein bisschen Sport gemacht?“

Nach seinem Unfall, glaubte er zunächst nicht daran, je wieder Sport zu machen

Robin Knopf erwähnt seine Sportkarriere nur, wenn man ihn danach fragt. Es scheint, als wäre es ohnehin klar für ihn, dass der Sport eine Rolle spielt, als sei das ein Teil von ihm. Robin Knopf ist Vollblutsportler. Und seit seinem Unfall mit 19 Jahren querschnittsgelähmt. Bereits im Alter von fünf Jahren fing er mit dem Geräteturnen an. 14 Jahre später stürzte er im Schulsport vom Hochreck, flog über alle Matten hinweg. Er landete auf dem Genick und verrenkte sich den fünften und sechsten Halbwirbel. 

Nach seinem Unfall glaubte er nicht daran, jemals wieder Sport machen zu können. Doch Monate später, nach seiner Entlassung aus der Klinik, fing er direkt wieder damit an. „Man muss an den Punkt kommen, an dem nicht mehr nachtrauert, dass man kein Geräteturnen oder Fußball spielen kann, sondern nach vorne schaut und sieht, welche Möglichkeiten einem im Rollstuhl offenstehen“, sagt Robin Knopf. Ihm wurde schnell klar, dass er von anderen Sportlern mit Behinderung viel lernen konnte. Er sah vor sich selbstständige Menschen. Ausgestattet mit einem Schnellfahrer-Rollstuhl war die Leichtathletik die erste Station in seiner Sportlerkarriere. Sie sollte durch einen gänzlich anderen Sport ersetzt werden.

Das ruppige Rollstuhl-Rugby macht ihm immer noch Spaß

Immer wieder erwähnt der Para-Athlet Freunde, die ihm neue Sportarten gezeigt und ihm das notwendige Equipment geliehen hätten. Er selber hätte es dann einfach ausprobiert – und daran Spaß gefunden. So kam er auch zum Rollstuhl-Rugby, einem Sport mit dem er sehr erfolgreich sein und schließlich Nationalspieler werden würde. Zwei Jahre lang spielte Robin Knopf für Deutschland. Es ist eine Leidenschaft, die ihn nicht loslässt. „Jetzt wo ich älter bin macht das ruppige Rollstuhl-Rugby immer noch viel Spaß“, sagt der 53-Jährige, der zweimal die Woche 250 Kilometer zum Training beim RSC Frankfurt fährt und zusätzlich noch beim RSG Heidelberg trainiert.

 Er sagt, dass all das möglich sei, weil er nicht mehr arbeite. Die Doppelbelastung aus Sport und Beruf kennt er nur allzu gut. „Als ich in die Rollstuhl-Rugby-Nationalmannschaft kam, wurde ich für das Training und für Wettkämpfe freigestellt. Davor musste ich das mit Privaturlaub und Überstunden hinbekommen.“ Jetzt kann er sich voll und ganz dem Sport widmen. Woher nimmt er die Motivation, wie kann er so ehrgeizig bleiben? „Vor allem ist es der Spaß. Zum anderen hält man sich fit, bleibt selbstständig, und übt ganz nebenbei für Szenarien wie das Ein- und Aussteigen aus dem Auto“ „Sport ist also Training für den Alltag?“ „Mit Sicherheit!“

Leistungssport war Robin Knopf schon als Kind gewohnt. Es war nur eine Frage der Zeit, bis er sich nach seiner Rollstuhl-Rugby-Karriere einem neuen Sport widmen würde. Dass er zum Handbike-Fahren gekommen ist, war der Verdienst eines Freundes. Er hatte ein altes Handbike, das er Knopf zur Verfügung stellte. Hochqualitative Handbikes gibt es seit den frühen 2000ern und so konnte Robin Knopf erst über 20 Jahre nach seinem Unfall das Handbiken entdecken. Als Vorgänger gelten die Vorspannräder, die an einem normalen Rollstuhl befestigt werden können. Doch mit den sogenannten „Liegebikes“ wurde der Sport revolutioniert, höhere Geschwindigkeiten und ein attraktiverer Wettbewerb wurden möglich.

Als Handbike-Fahrer schaffte es Robin Knopf besonders weit. Nicht nur in seiner Karriere, auch geographisch. Schnell wurde ihm klar, dass Handbiken sein Sport war, er nahm an vielen Wettkämpfen teil – hauptsächlich Städtemarathons, bei denen die Handbiker als erstes, also vor den Läufern, starten. „Wenn man dann in Deutschland alles abgegrast hat, streckt man die Fühler aus. Auch international.“ Mit seinem Handbike hat Robin Knopf bereits die Ziellinien der Marathons in New York, Washington D.C. und Miami überquert. Am Miami Marathon nahm er sogar bereits zwei Mal teil. „Ein Ende ist nicht in Sicht, beim Handbiken gibt’s keine Grenze. Das kann man bis ins hohe Alter betreiben!“, zeigt sich Robin Knopf zuversichtlich. 

Robin Knopf wünscht sich, dass Handbiken noch anerkannter wird

Er genießt es bei Stadtrennen insbesondere durch die gesperrte Innenstadt, an jubelnden Menschenmassen, vorbeizufahren. „Die Begeisterung ist eine tolle Bestätigung“, sagt er. Doch wie viele andere Para-Athleten sieht er Bedarf, die öffentliche Wahrnehmung für den Para-Sport zu erhöhen. Es sei ein stetiger Prozess, er selber fahre in einem Team, dem TetraTeam (www.das-tetrateam.de), das neben seinen sportlichen Aufgaben auch Hilfestellungen im Alltag biete und jeden unterstütze, der sich an das Team wende. Besonders wichtig seien zudem Initiativen wie die Handbike-Trophy, eine Rennserie, die versucht Handbike-Events bei allen Städtemarathons zu etablieren. Robin Knopf wünscht sich, dass das Handbiken noch größer, noch anerkannter wird. 

Doch er hat einen weiteren sportlichem Traum, ein großes Ziel vor Augen. Er möchte noch schneller werden und seine persönliche Bestzeit von 2:05:52 knacken – er möchte den Marathon in unter 2 Stunden schaffen. „Ich bin mir sicher, dass ich es schaffen werde“, sagt er. Seine Zuversicht rührt auch daher, dass er aktuell dabei ist, intensiv zu trainieren und sich ein neues Handbike zu kaufen. Alle sechs bis sieben Jahre stünde ein neues Sportgerät an, damit würden sich dann auch immer bessere Zeiten erreichen lassen. Doch die Beschaffung eines Liegebikes stellt eine finanzielle Belastung dar. Es gäbe günstige Handbikes von der Stange, diese kosten um die 5000-7000 Euro, für den Leistungsport sind sie ungeeignet. Individuell angepasste kosten hingegen bis zu 20.000 Euro.

Er trainiert zwei bis drei Mal pro Woche

Ich frage Robin Knopf, ob es möglich sei, Sponsoren zu finden, schließlich stellt dies für viele (Para-)Athleten eine Herausforderung dar. Er sagt, dass es Materialspenden wie Fahrradequipment und Müsliriegel gäbe, mehr allerdings nicht oft. Umso dankbarer ist der Handbiker, dass ihn die Unfallkasse Rheinland-Pfalz (UK RLP) unterstützt. Da er sich bei einem Schulunfall verletzte, greift der gesetzliche Unfallversicherungsschutz. Robin Knopf wurde direkt nach seinem Unfall von einem Ansprechpartner der Unfallkasse betreut, der ihm half, den Blick nach vorne zu richten und wichtige Themen wie sein Abitur und sein Studium zu besprechen. „Ich habe mit der Unfallkasse meine Zukunft geplant“, erinnert sich Robin Knopf. Der Plan ging auf. Er kann sich auf diese wertvolle Partnerin verlassen und sich dem Sport widmen – er wird bei seinen Fahrtkosten und den Anschaffungskosten eines neuen Liegebikes von der Unfallkasse unterstützt. Im Gegenzug profitiere auch die UK RLP von seinem Sport, Knopf beschreibt es als „Win-Win-Situation“. Der Sport hält Robin Knopf fit und so musste er seit seinem Unfall vor 35 Jahren „noch keine Klinik von innen sehen“. „Ich bin froh, dass die Unfallkasse Sport als so zentralen Punkt erkennt“, sagt Robin Knopf. Dennoch sieht er Verbesserungsbedarf. So würde er sich wünschen, dass jeder, der den Wunsch hat, Sport zu treiben von den gesetzlichen Unfallversicherungsträgern gefördert wird.

Als Leistungssportler trainiert er zwei bis drei Mal die Woche, im Winter häufig in seinen eigenen vier Wänden. Hierzu befestigt er sein Handbike auf einer Rolle, das System ähnelt dem eines Laufbandes. Um dennoch im Freien fahren zu können, fliegt er ins Trainingslager auf Lanzarote. „Es ist wesentlich angenehmer in der Sonne zu fahren“, sagt Robin Knopf mit einem Grinsen. 

Trotz seiner sportlichen Leistungen ist eine Paralympics-Teilnahme für Robin Knopf aufgrund seines Alters nicht mehr möglich. „Ich habe meine sportliche Karriere mit dem Rollstuhl-Rugby gehabt, hab an einer Europameisterschaft und einer Weltmeisterschaft teilnehmen können, aber Handbiken auch noch? Das ist vermutlich nicht mehr drin.“

 Sportlich wird es dennoch weiter gehen: „Am Anfang ist beim Marathon das Ankommen das oberste Ziel. Irgendwann sind einem aber die 42 Kilometer zu wenig. Man sucht immer nach neuen Herausforderungen.“

Benjamin Brown, 20 Jahre alt, ist Nachwuchsreporter der Paralympics Zeitung.

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