Kolumne – Meine Champions : Als Johan Cruyff weg wollte

Das Duell Ajax Amsterdam gegen Juventus Turin gab es schon 1973 im Finale um den Europapokal der Landesmeister – natürlich mit Hollands Fußball-König.

König in Aktion. Cruyff (r.) in einem Ligaspiel gegen Haarlem.
König in Aktion. Cruyff (r.) in einem Ligaspiel gegen Haarlem.Foto: Egbertus Martens/dpa

Ein kluger König dankt ab, solange ihn das Volk noch liebt. Hat das traditionell von Monarchen regierte Volk der Niederlande je einen König mehr geliebt als Hendrik Johannes Cruyff, den sie alle nur Johan nannten? Und war seine Popularität je höher als im Frühling 1973?

Am 30. Mai 1973 führt König Johan Ajax Amsterdam in Belgrad zu einem 1:0-Sieg über Juventus Turin, es ist der dritte Sieg en suite im Finale des Europapokals der Landesmeister, dem Vorläufer der Champions League. Niemand zweifelt in jenen Tagen ernsthaft daran, dass Ajax die beste Mannschaft der Welt ist und Cruyff ihr bester Spieler. Der Dichter Toon Hermans widmet ihm die folgenden Verse:

Und Vincent sah das Korn.
Und Einstein sah die Zahl.
Und Zeppelin sah den Zeppelin.
Und Johan sah den Ball.

Das Siegtor schießt Johnny Rep – auf Vorlage eines Deutschen

An diesem Dienstag kommt es wieder mal zum Duell zwischen Ajax und Juventus. Diesmal in Turin, im Viertelfinal-Rückspiel der Champions League. Die Niederländer verfügen über eine großartige Mannschaft, mit Hochbegabungen wie Matthijs de Ligt oder Frenkie de Jong, dem dänischen Freistoßspezialisten Lasse Schöne, vorn schießt der Serbe Dusan Tadic die Tore. Im Achtelfinale haben sie den Pokalverteidiger Real Madrid rausgekegelt, aber ein Weiterkommen gegen Cristiano Ronaldos Juve wäre trotz der starken Leistung beim 1:1 im Hinspiel eine große Überraschung, ein eventueller Triumph am 1. Juni im Finale von Madrid eine Sensation.

Das neue Ajax spielt schönen und aufregenden Fußball, aber es wird wohl keine Epoche prägen wie jene in den Siebzigern. Der Sieg von Belgrad ist Cruyffs Abschiedsgeschenk an die Heimat, aber das weiß damals noch niemand, nicht einmal der Maestro selbst, er geht auch nur so halb aus Überzeugung und ganz und gar nicht im Frieden. Aber dieses Ende der Amsterdamer Erfolgsgeschichte spielt heute in der kollektiven Erinnerung keine nennenswerte Rolle mehr.

Ajax ist in den frühen Siebzigern, was vorher Real Madrid war und gleich danach der FC Bayern sein wird. Eine über alles und alle herrschende Macht. Es ist die Zeit, in der die Niederländer den totalen Fußball erfinden, ein System, das sich verkürzt so umschreiben lässt, dass jeder Spieler jede Position spielt. Die Verteidiger stürmen und die Stürmer verteidigen. Umgesetzt wird das von großartigen Spielerpersönlichkeiten. Vom Abwehrstrategen Ruud Krol, den Mittelfeldspielern Johan Neeskens, Gerrie Mühren, Arie Haan, den Angreifern Johnny Rep und Piet Keizer. Über allen thront Johan Cruyff. Der schmächtige Mann, der sich so elegant um alle Gegenspieler windet, mit seinem Radarblick stets den gesamten Platz im Auge hat und für jede Situation sofort die perfekte Lösung weiß.

Das Finale von Belgrad ist eine einseitige Angelegenheit. Schon nach fünf Minuten zirkelt Horst Blankenburg, ein Deutscher im niederländischen Ensemble, den Ball in den Strafraum, Johnny Rep springt am höchsten und schon liegt Ajax vorn. Danach passiert nicht mehr viel, denn die Italiener beherrschen vom totalen Fußball nur den defensiven Part. Nach dem Schlusspfiff hebt Cruyff nur kurz den Arm zum angedeuteten Jubel. Zu selbstverständlich sind ihm die Siege geworden, als dass er sie noch groß feiern würde.

Der dritte Europapokalsieg in Folge ist sein letzter mit Ajax, aber erst einmal geht ein anderer. Der rumänische Trainer Stefan Kovacs verabschiedet sich nach zwei Jahren und tritt einen neuen Job bei der französischen Nationalmannschaft an. Ihm folgt der Niederländer George Knobel, und der wagt im Trainingslager nach der Sommerpause Revolutionäres. Er mag den Mannschaftskapitän nicht selbst bestimmen, sondern setzt eine Wahl an. Um den Posten, den der Anführer Cruyff wie selbstverständlich für sich beansprucht. In der Mannschaft aber ist König Johan längst nicht so beliebt wie unter den Fans. Es heißt, die Kollegen neiden ihm den Ruhm, das hohe Gehalt und die Selbstverständlichkeit, mit der Cruyff beides für sich in Anspruch nimmt. So kommt, was vielleicht kommen muss und doch niemand erwartet. Cruyff verliert die Wahl gegen den in der Mannschaft beliebten Piet Keizer.

Schwer beleidigt zieht sich der abgewählte Kapitän auf sein Zimmer im Teamquartier zurück. Schon seit längerem wirbt der FC Barcelona mit Ajax’ früherem Trainer Rinus Michels um Cruyff. Noch am selben Abend ruft er seinen Schwiegervater und Manager an und trägt ihm auf: „Ruf sofort in Barcelona an!“

Ein paar Wochen noch feilschen beide Klubs um die Ablöse, sie einigen sich auf umgerechnet 1,9 Millionen Euro, den bis dahin größten Transfer in der Fußballgeschichte. Am 15. August spielt Johan Cruyff beim 6:1 über den FC Amsterdam noch einmal für Ajax, und mit seinem Weggang endet die erfolgreichste Epoche der Klubgeschichte. Cruyff führt den FC Barcelona sofort zum Gewinn der spanischen Meisterschaft und bringt es in der Folge zum katalanischen Klubheiligen. Ajax scheitert im Europapokal schon in der zweiten Runde an ZSKA Sofia und muss 22 Jahre warten, bis es wieder für einen Platz ganz oben auf der europäischen Bühne reicht.

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