Mehr Kommunikation erwünscht : Herthas Problem ist die Stille auf dem Platz

Der Fußballbundesligist steckt mitten im Umbruch. Es fehlt noch an einer Achse und Führung auf dem Platz. Die Sprache ist dabei ein Problem

Herthas Trainer Bruno Labbadia sucht Führungsspieler.
Herthas Trainer Bruno Labbadia sucht Führungsspieler.Foto: Andreas Gora/dpa

Während die Herthaprofis direkt nach ihrem vergeigten Testspiel auf einem benachbarten Rasenplatz noch ausliefen, begann Bruno Labbadia schon mit einer ersten Analyse. „Das war kein schöner, aber ein wichtiger Test“, sagte Herthas Trainer. Das 0:4 gegen PSV Eindhoven am späten Samstagnachmittag im heimischen Amateurstadion drückte ein wenig auf die Stimmung. Neben vielen kleineren Mängeln in der Offensive und der allgemeinen Spielabstimmung offenbarte es das augenblicklich größte Manko der Berliner. „Das Krasseste fand ich, wie ruhig wir von der ersten bis zur letzten Minute auf dem Platz waren“, sagte Labbadia. Auf der anderen Seite habe eine Mannschaft gestanden, „die sich permanent gecoacht hat. Bei uns war jeder mit sich selbst beschäftigt“.
Nach wie vor ist der 54-jährige Fußballlehrer dabei, eine neue Achse aufzubauen. In diesem Sommer hat der Berliner Bundesligist in Vedad Ibisevic und Per Skjelbred zwei Achsenspieler verloren, die das Team durch ihre Erfahrung und ihre spezielle Art geführt haben. „Vedad haben wir nach dem Re-Start im Mai wieder in die Mannschaft genommen, weil er ein Leader war, genauso war der Per ein Anstecker“, sagte Labbadia. Auf ihren zentralen Positionen spielen jetzt der Stürmer Krzysztof Piatek und der defensive Mittelfeldspieler Lucas Tousart, die beide, obgleich schon im Winter verpflichtet, der deutschen Sprache noch nicht mächtig sind. „Sicher, das hat teilweise auch Sprachgründe“, sagte Labbadia. Der Pole Piatek spricht leidlich Englisch, der Franzose ebenfalls. Zudem kann Tousart sich mit den beiden Belgiern im Team, Dedryck Boyata und Dodi Lukebakio, in seiner Muttersprache austauschen. Das mache ihm die Integration zwar leichter, helfe der Mannschaft aber nicht, erläuterte Labbadia.
Eine neue Achse aufzubauen sei „das Schwierigste von allem“, das schaffe man nicht in drei oder sechs Wochen. Achsenspieler müssen nicht nur fußballerisch überzeugen, sondern auch führen. „Das ist jetzt ein Umbruch, den wir haben, den wir aber bewusst wollen und gehen müssen“, sagte Labbadia.

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Die erste Viertelstunde gegen den 24-maligen niederländischen Meister hatte Hertha verschlafen. Danach bekam Labbadias Team das Spiel besser in den Griff, doch es nutzte seine drei guten Torchancen nicht. Lukebakio, Maximilian Mittelstädt und Piatek ließen die mögliche Führung aus. „Stattdessen sind wir aus dem Nichts in Rückstand geraten“, sagte Labbadia.
Gleich zu Beginn der zweiten Halbzeit unterlief Herthas Kapitän Niklas Stark ein Eigentor. Was Labbadia aber hinterher mehr aufstieß, war die ausbleibende Reaktion der Mannschaft darauf. „Da war keiner auf dem Platz, der gesagt hat: Komm’, wir ordnen das“, sagte Labbadia. „Wir versuchen, das jeden Tag anzusprechen, aber man kann keinen in die Rolle reindrängen.“
Für Herthas erfahrenen Trainer ist das „der schwerste Prozess, den wir haben“, sagte Labbadia. „Aber das ist so, das wussten wir, dass es für uns ein intensiver Weg wird mit jungen Leuten.“ Die Rolle zum Führen müsse von innen kommen. „Die Spieler müssen nicht die großen Lautsprecher werden. Sie müssen sich aber einfach gegenseitig coachen und helfen.“

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Labbadia und sein Trainerteam arbeiten seit Wochen an diesem Thema. „Der Trugschluss ist: Man kann jetzt neue Leute holen und das wird sofort funktionieren. Dann muss man total fertige Spieler holen.“ Labbadia hofft deshalb, dass sich die vorhandenen jungen Spieler entwickeln und in bestimmte Rollen hineinwachsen.
Die Stille auf dem Platz ist ein zentrales Problem. Mehr Kommunikation ist ausdrücklich gewünscht. „Es bringt jetzt nichts, komplett reinzuhauen. Aber wir werden es schon klar ansprechen, dass es so nicht funktionieren wird, wenn sich auf dem Platz keiner gegenseitig hilft und steuert“, sagte Herthas Trainer.
Zwei Wochen bleiben den Berlinern noch Zeit, die Mängel abzustellen. Am 11. September kommt es für Hertha im DFB-Pokal bei Eintracht Braunschweig zum Pflichtspielauftakt in die neue Saison. Kommenden Samstag steht ein letzter Test beim Zweitligisten Hamburger SV an.

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