• Nach der Vorrunde beim BBL-Finalturnier: Wie sich Alba Berlin für seinen Stil belohnt

Nach der Vorrunde beim BBL-Finalturnier : Wie sich Alba Berlin für seinen Stil belohnt

Alba Berlin zieht bislang souverän und ungeschlagen durch das Meisterturnier und entgeht im Viertelfinale nun auch Titelverteidiger Bayern München.

Leonard Brandbeck
Albas Landry Nnoko war auch von den Ludwigsburgern nicht zu stoppen.
Albas Landry Nnoko war auch von den Ludwigsburgern nicht zu stoppen.Foto: imago/BBL-Foto

Die beiden Edelfans hatten sich natürlich erst im Inneren der Münchner Arena eingefunden, als der Würfel unter dem Hallendach nur noch 20 Minuten bis zum Sprungball anzeigte. Die beiden Edelfans sicherten sich natürlich die besten Plätze und machten sich in Reihe sechs gleich über mehrere Sitze hinweg breit. Die beiden Edelfans – man kennt sich, man schätzt sich – grüßten dann noch hier und plauschten da, bevor sie interessiert das dargebotene Spiel verfolgten. Und natürlich wurde den beiden Edelfans im Anschluss an die Begegnung noch die volle Aufmerksamkeit ihres Herzensteams zuteil, das sich extra mit einem persönlichen Applaus für die treue Unterstützung bedankte. Jaja, das Leben als Edelfan, es ist ein süßes.

Die beiden Edelfans würden das vermutlich selbst ein bisschen anders sehen. Endlich wieder Livesport, ein bisschen Hallenatmosphäre genießen – schön und gut. Aber eigentlich zählt die Anwesenheit bei den Partien von Alba Berlin ja zum Jobprofil von Geschäftsführer Marco Baldi und Sportdirektor Himar Ojeda.

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Nur gestaltet sich der Spielbesuch zurzeit nicht ganz so leicht, weil beide nicht zum 22-köpfigen – wie Kapitän Niels Giffey es unlängst ausdrückte – „Inner Circle“ des Teams gehören, das beim Finalturnier der Basketball-Bundesliga (BBL) sein Quarantäne-Quartier bezogen hat. Und weil Baldi und Ojeda natürlich auch noch Verpflichtungen am Unternehmenssitz in Berlin nachkommen müssen.

Dennoch hat es Ojeda geschafft, die vier Vorrundenspiele seines Teams allesamt in der Halle zu verfolgen. Mit dem Zug hin, mit dem Zug zurück, ab und an mal eine Nacht im Bahnhofshotel. Ojeda ist in den vergangenen Tagen zu einem echten Berufspendler geworden. Aus Gründen.

„Was mich am meisten herausfordert, ist, nicht beim Team zu sein“, erzählt der 47-Jährige am späten Montagabend im Innenraum der Münchner Arena, nachdem seine Profis einen überzeugenden 97:89-Erfolg gegen Ludwigsburg gefeiert haben und damit als ungeschlagener Gruppensieger im Viertelfinale stehen. „Ich war dabei, als sie aufgebrochen sind, um sie mit einem gewissen Abstand zu verabschieden. Und als der Bus dann abgefahren ist, habe ich mich schrecklich gefühlt.“

Keine Meetings, kein Kontakt in der Kabine oder beim Training, kein Zutritt zum abgeriegelten Teamhotel. Nur bei den Spielen bekommt Ojeda – mit viel Distanz – seine Profis zu Gesicht. Ansonsten bleibt ihm lediglich das Telefon, über das er regelmäßig mit den Trainern und Spielern kommuniziert. „Ich versuche einfach ein bisschen dabei zu sein, wie ich es im Normalfall auch mache“, sagt Ojeda.

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Die Highlights im Video: Alba Berlin geht ungeschlagen ins Viertelfinale
Die Highlights im Video: Alba Berlin geht ungeschlagen ins Viertelfinale

Aber vom Normalfall ist dieses dreiwöchige Quarantäne-Turnier der zehn willigen BBL-Klubs eben weit entfernt. Vor dem Start am ersten Juni-Wochenende gab es viele Fragen und Zweifel, sportliche natürlich, aber auch gesundheitliche, ethische, wirtschaftliche.

Nun ist die Vorrunde mit den beiden Fünfergruppen beendet, die ersten 20 Partien sind gespielt, und bislang ist alles recht schnörkellos über die Bühne gegangen. „Ich finde es bemerkenswert, dass wir spielen“, sagt Ojeda. „Und ich finde es ebenso bemerkenswert, dass das Turnier bisher ansehnlich gewesen ist. Die Spiele sind sehr gut.“

Alba Berlins Vorrundenspiele beim BBL-Finalturnier

  • Sonntag, 07. Juni: Frankfurt – Alba Berlin 72:81
  • Dienstag, 09. Juni: Alba Berlin – Bamberg 98:91
  • Samstag, 13. Juni: Vechta – Alba Berlin 72:102
  • Montag, 15. Juni: Alba Berlin – Ludwigsburg 97:89

Tatsächlich gab es trotz der monatelangen Zwangspause, trotz der geringen Vorbereitungszeit, trotz teils neu zusammengewürfelter Kader und trotz des enormen Pensums an Spielen recht ansprechenden Basketball zu sehen. Auch die Berliner steigerten sich nach dem äußerst mittelmäßigen Start gegen Frankfurt und spielten am Montag schon wieder so, als hätte es die Pause nie gegeben.

„Ich bin sehr stolz, dass wir hier mit unserem Stil wettbewerbsfähig sind und Spiele gewinnen“, sagt Ojeda. „Das Team versucht nichts zu erzwingen oder einen Spieler zu suchen, der alles allein machen muss.“ Denn in der Berliner Philosophie ist das Wie am Ende nicht unwichtiger als das Was.

Und weil auch die Ludwigsburger ihr gewohnt bissiges Spiel aufzogen, entwickelte sich der Vorrundenabschluss zum bislang wohl besten Spiel des Turniers. „Das war ein hochklassiges Duell heute“, sagte Ludwigsburgs Coach John Patrick. Und Luke Sikma, dem am Dienstag noch nachträglich ein zehnter Rebound zugesprochen wurde, der ihm inklusive seiner 15 Punkte und zehn Assists sein erstes Triple-Double verschaffte, hatte „zwei Teams, die wirklich Erster werden wollten“ gesehen.

Alba trifft nun auf Göttingen

Schließlich ging es im Spiel um den Gruppensieg nicht nur um die Ehre. Nein, die Fallhöhe zwischen Platz eins und zwei hätte kaum größer sein können, da bereits vor dem Spiel feststand, dass der Verlierer im Viertelfinale auf Meister Bayern München treffen würde, während sich der Sieger dem Außenseiter Göttingen widmen darf – mit dem Bonus von einem Tag mehr Pause vor dem Hinspiel am Donnerstag.

„Wir haben die Belohnung erhalten“, freute sich Ojeda deshalb über den Sieg, nicht ohne natürlich sogleich zu betonen, dass es auch gegen Göttingen schon schwierig genug werden würde. Doch bereits jetzt die Bayern? „Das wäre ein schreckliches Match-Up gewesen.“

Gute Voraussetzungen für die Berliner also, um noch ein bisschen länger im Turnier zu bleiben – auch wenn das natürlich entsprechend längere Quarantäne bedeutet. Kein Problem, sagt Ojeda. Sein Eindruck aus dem Spielerkreis: „Ich glaube, sie sind sehr zufrieden und erleichtert, weil sie merken, dass das Konzept funktioniert.“

Nur muss dann der Sportdirektor selbst natürlich auch noch weiter auf seine Profis verzichten. Gegen die Sehnsucht helfen da nur noch mehr Bahnfahrten und Hotelnächte. Seinen Pendlerstatus wird Himar Ojeda jedenfalls erst einmal nicht los. Das Leben als Edelfan, es ist eben manchmal auch ein mühsames.

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