Olympiasieger Ronald Rauhe : Hohes Alter, hohe Ziele

Vor 20 Jahren debütierte der Berliner im deutschen Kanu-Nationalteam. Er ist immer noch ein Leistungsträger – nun als Hirn des Kajak-Vierers.

Tobias Gutsche
Mit voller Kraft voraus. Ronald Rauhe ist auch im Alter von 37 Jahren einer der besten Kanuten weltweit.
Mit voller Kraft voraus. Ronald Rauhe ist auch im Alter von 37 Jahren einer der besten Kanuten weltweit.Foto: imago/Camera 4

Der junge Ronald Rauhe hätte den reifen Ronald Rauhe belächelt. „Früher musste ich wirklich über Leute schmunzeln, die auch im gesetzten Sportleralter einfach nicht aufhören konnten“, erzählt der Berliner Kanute. Als Beispiel nennt er die einst schier ewig paddelnde achtmalige Olympiasiegerin Birgit Fischer, mit deren Nichte Fanny Fischer er mittlerweile verheiratet ist. „Heute verstehe ich das voll und ganz. Wenn man einfach so einen großen Spaß daran hat, dann möchte man am liebsten immer weitermachen“, sagt der 37-Jährige.

Vor 20 Jahren gab Rauhe sein Debüt in der deutschen A-Nationalmannschaft, blonde Locken wellten sich damals noch auf seinem Kopf. Jetzt, die Frisur ist luftig geworden, gehört er ohne jegliche Unterbrechung weiterhin der Top-Auswahl von Deutschlands erfolgreichstem olympischen Sommersportverband an. Und zur Faszination vieler ist der Kajakfahrer so stark wie eh und je. Oder sogar noch besser. „Ich stelle neue persönliche Bestleistungen im Training auf. Das ist ein gutes Gefühl, zu wissen, sich immer noch weiterentwickeln zu können“, sagt Rauhe, der beim KC Nord-West in Tegel seine Paddelanfänge machte und mittlerweile für den KC Potsdam startet. Rauhe nahm bisher an fünf Olympischen Spielen teil, gewann dabei je einmal Gold und Silber sowie zweimal Bronze.

Doch warum paddelt Rauhe trotz fortgeschrittenen Alters so unverändert erfolgreich auf internationalen Gewässern? „Weil ich mir nicht einreden lasse, dass ich zu alt sei, um vorne mitzuhalten“, entgegnet er trocken. Zudem schaffe er sich stets neue Trainingsreize: Er betreibt Crossfit, Bouldern, Wellenreiten, Wakeboarden und Kitesurfen sowie Skifahren. „Dadurch erweitere ich meinen Horizont, befreie mich vom tagtäglichen Kanutraining und fördere mein Körpergefühl“, sagt Rauhe, der als Jugendlicher die Spandauer Heinrich-Böll-Oberschule besuchte. Vor allem seinetwegen erhielt sie letztlich ihr sportbetontes Profil.

Sein „absolutes Geheimrezept“ sei allerdings etwas anderes, betont er: die Familie. „Durch meine Frau und meine zwei kleinen Söhne hat sich mein Trainingsleben gewandelt.“ In Trainingslagern, wie sie über den Winter regelmäßig im warmen und sonnigen Florida für mehrere Wochen stattfinden, gebe er „kompromisslos Vollgas“. Weilt Rauhe jedoch zu Hause in Falkensee, möchte er Familienzeit haben und reduziert dafür im Training das Pensum und die Intensität. „Das ist für meinen Körper und Geist genau die richtige Balance. Ich sauge diese Erholung auf“, sagt der Sportsoldat und betont: „Ich habe den Mut, meinen Körper ausruhen zu lassen, um effektiv zu trainieren. Viele von den Jungen haben den nicht.“

Rauhe will nach Tokio

Rauhe ist ein Meister der Selbstreflexion. Eine Qualität, die sich mit all seinen vielen Erfahrungen ausbildete. Nicht zuletzt waren es die neuen Herausforderungen, die von ihm immerzu eine Neuerfindung als Kanute abverlangten. Der Sprinter dominierte einst mit seinem Potsdamer Kollegen Tim Wieskötter über Jahre das Geschehen im Zweier auf der 500-Meter-Distanz. Als ihre Disziplin nach 2008 aus dem Olympiaprogramm verschwand und durch 200-Meter-Wettbewerbe ersetzt wurde, widmete sich Rauhe den kurzen, knackigen Rennen. Die Bronzemedaille im Einer bei den Sommerspielen 2016 in Rio – nach dramatischer Zielfotoentscheidung – wurde zur Krönung dieser Phase. Es hätte ein perfekter Schlusspunkt sein können. Die Karriere schien abgerundet. Der Plan, die Laufbahn mit einer Abschiedssaison 2017 ausklingen zu lassen, stand auch.

Doch dann wurde wieder am Olympiaprogramm gerüttelt – und gleichsam an Rauhes Ehrgeiz. Der Kajak-Vierer wird ab 2020 nicht mehr über einen Kilometer ausgetragen, sondern über 500 Meter, was Rauhe eine verlockende Perspektive bescherte. Noch nie war er international im Großboot aktiv, Einer- und Zweier- Einsätze hatte er en masse, aber keine im Vierer. Und weil die anvisierte Bootsbesatzung mit ihm, Max Rendschmidt (Essen), Tom Liebscher (Dresden) und Max Lemke (Mannheim) derart verheißungsvoll erschien, entschloss sich Rauhe auf seine letzten Kanu-Tage für das Projekt: Betreutes Paddeln. „Ich habe es kein bisschen bereut, mein Karriereende zu verschieben“, sagt Rauhe. Das Zusammenspiel im Quartett bereite ihm enormen Spaß. Wenngleich er gestehen muss: „Der K4 über 500 Meter ist das Anstrengendste, das Härteste, was ich bisher in meiner Karriere gemacht habe. Ein Vollsprint über eineinhalb Minuten. Das ist brutal.“

Er ist mit seiner Crew aber auch brutal erfolgreich darin. Rauhe und seine Teamkollegen haben sich bereits die Weltbestzeit geholt und gewannen in den vergangenen beiden Jahren die WM-Titel. Für Rauhe waren es die Goldmedaillen 14 und 15 bei Weltmeisterschaften, wodurch er zu Deutschlands erfolgreichstem WM-Kanuten aufgestiegen ist. „Das Gute an der Sache ist, dass wir schon ganz vorne fahren und trotzdem noch viel Potenzial haben – zum Beispiel bei der Abstimmung“, betont er. „Mein Job als Boots-Papa ist es auch, die jungschen Leute genau auf diese Mängel hinzuweisen und ihnen Verbesserungsmöglichkeiten aufzuzeigen.“

Das weiß auch Arndt Hanisch zu schätzen. Der leitende Bundestrainer, der vor etwas mehr als zwei Jahren aus Essen nach Potsdam wechselte, ist verantwortlich für die deutschen Kajak-Männer und sagt: „Ronnys Wort hat Gewicht.“ Rauhe sei sein „Sprachrohr in den K4 hinein“. Deshalb hat er ihn im Kajak auch auf Position zwei gesetzt. „Das ist die wichtigste“, sagt Hanisch. „Da befindet sich das Hirn des Bootes, von dort wird die Taktik bestimmt.“ Keiner wäre dafür besser geeignet als Rauhe mit seiner Ruhe und Erfahrung.

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Zum sechsten Mal bei Olympia dabei zu sein, die fünfte Medaille zu holen, möglichst die zweite in Gold, das treibt ihn an. Eine wichtige Station auf dieser „Jagd nach mehr“, wie er selbst sagt, wird die Weltmeisterschaft Ende August. Im ungarischen Szeged geht es dort für die Nationen um Quotenstartplätze für die Olympischen Sommerspiele 2020 in Tokio. Und Ronald Rauhe möchte bis dahin als gereifter Athlet eine Erfolgsgeschichte fortsetzen, die der junge Ronald Rauhe vor 20 Jahren kaum zu träumen gewagt hätte.

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