Radkolumne „Abgefahren“ : Hilfe, ich bin eine lebende Insektenfalle!

Das Insektensterben bereitet auch unserem Kolumnisten Sorgen, zumal er als Radfahrer dazu in gewisser Weise beiträgt. Doch dann kam ihm eine Idee.

Michael Wiedersich
Wer beim Radfahren die Arme bedeckt, könnte weniger Mücken abbekommen.
Wer beim Radfahren die Arme bedeckt, könnte weniger Mücken abbekommen.Foto: Bernd Wüstneck/dpa


Michael Wiedersich ist Sportjournalist und Radsporttrainer. Hier schreibt er im Wechsel mit Läuferin Jeannette Hagen.

Das Insektensterben ist ein großes Thema unserer Zeit. Die Gründe dafür sind zwar noch nicht genau erforscht, es gibt jedoch einige Verdachtsfälle. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) zum Beispiel listet unter anderem die „Verarmung der Landschaft“, „Agrargifte“ und die „Überdüngung“ auf. Es ist eine gewagte These, aber ich vermute, dass auch ich als sportlich ambitionierter Radfahrer nicht ganz unschuldig am Tod vieler Krabbeltiere bin. Und das schon seit Jahrzehnten.

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Besonders im Sommer sammelt sich beim Radeln im Fahrtwind an den freiliegenden Armen und Beinen allerhand Getier. Neben der gut aufgetragenen Sonnencreme scheint auch die Armbehaarung eine regelrechte Insektenfalle zu sein. Als es letztens wärmer war, bin ich etwas schneller als sonst unterwegs gewesen. Zuhause angekommen war ich erstaunt, was sich in vier Stunden an meinem Körper so alles ansammelte.

Die schnell durchgeführte Insektenzählung ergab die stolze Zahl von rund 20 kleinen Fliegen, Mücken und Käfern, sicher ein gefundenes Fressen für jeden Entomologen. Die Dunkelziffer der Insekten, die es nicht in die Zählung geschafft haben, weil sie unterwegs einfach von mir abgeprallt und liegen geblieben sind, wird vermutlich höher sein.

Behaarten Arme mehr betroffen als die gut rasierten Beine

Bei meiner Erhebung waren die behaarten Arme deutlich mehr betroffen als die gut rasierten Beine. Nur wenige der Kleinstlebewesen hatten den Zusammenprall mit mir überlebt. An Helm und auch Brille gab es zudem eindeutige Spuren, die auf Kontakte mit der einen oder anderen Biene hinwiesen.

Überhaupt ist die Brille in den letzten Jahrzehnten ein immer wichtigerer Teil der Radausrüstung geworden, nicht nur als Style-Objekt. Sie schützt die Augen vor den Weg kreuzenden Insekten ebenso wie vor dem bösen UV-Licht.

Beweis des Insektensterbens im Erzgebirge.
Beweis des Insektensterbens im Erzgebirge.Foto: Michael Wiedersich

Ein amerikanischer Hersteller von Radbrillen warb lange Jahre damit, dass über seine Gläser sogar ein Jumbojet rollen könnte und sie würden nicht kaputt gehen. Geprüft hat das meines Wissens nie jemand und in der Welt der Insekten hatte sich das auch nicht herumgesprochen, sie finden auch andere Wege zum Auge.

Ein besonders gemeines Exemplar einer Wespe schaffte es einmal sogar, sich während meines Radtrainings unter eben jene Wunder-Brille zu platzieren. Und kurz bevor ihr die Befreiung gelang, stach sie auch noch zu. Anfangs schenkte ich der Sache keine große Beachtung. Als nach gut zehn Minuten die Schmerzen immer größer wurden und ich auf dem Auge wegen der Schwellung nichts mehr sehen konnte, steuerte ich die nächste Apotheke an.

Apothekerin schickte mich ins Krankenhaus

Ich muss furchtbar ausgesehen haben, als ich die Brille absetzte. Die Apothekerin erschrak und schickte mich in das nahegelegene Krankenhaus. Mein Auge und ich haben es überlebt, mit der Wespe an sich habe ich seitdem große Kommunikationsprobleme, wir werden keine Freunde mehr.

Zurück zum Kampf gegen das Insektensterben. Nicht mehr mit dem Rad zu fahren, um die Insekten zu schützen, ist keine Alternative. Doch ich bin einer pragmatischen Lösung auf der Spur. Ich fahre häufiger als zuvor mit dünnen schwarzen Ärmlingen und Beinlingen.

Das schützt zum einen meine empfindliche Haut vor zu viel Sonne, zu viel Pollen und zu viel Getier. Aber auch den Insekten scheint das zu gefallen. Sie verfangen sich nun deutlich weniger in meinen Armen und Beinen und der Zusammenprall wird auch abgefedert.

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