Serie „Mein Sport und ich“ (14) : Cheerleading ist keine Showveranstaltung

Tanzende Mädchen mit ein paar Puscheln in den Händen: Das sind die Vorurteile. Dabei ist Cheerleading ein harter und ernstzunehmender Sport.

Viktoria Pohl
Hoch hinaus. Cheerleading ist echter Sport – und das nicht nur für Frauen.
Hoch hinaus. Cheerleading ist echter Sport – und das nicht nur für Frauen.Foto: promo

Sport bedeutet Leidenschaft, harte Arbeit – und Verzicht. In unserer Serie erzählen Athleten ganz persönlich, wie viel Kraft das kostet und was sie für ihre Sportart auf sich nehmen. Im letzten Teil erzählt Viktoria Pohl, 31, von ihrer Begeisterung fürs Cheerleading, die sie vor zehn Jahren entdeckte. Inzwischen ist sie nicht mehr nur selbst aktiv, sondern trainiert bei den Giants Berlin auch die Sechs- bis Zwölfjährigen.

Über meine Schwester bin ich zum ersten Mal zum Cheerleading gekommen. Sie war bereits seit einigen Jahren dabei, und eines Tages saß ich selber auf der Besuchertribüne und schaute zu. Zu meiner Verwunderung standen die Cheerleader aber nicht irgendwo am Spielfeldrand, sondern waren der Mittelpunkt der Veranstaltung.

Was mich gepackt hat, war wohl die Begeisterung, die ich in den Augen gesehen habe. Diese Fokussierung, dieser Wille. Und gleichzeitig das breite Grinsen im Gesicht. Das ist nun schon zehn Jahre her. Inzwischen bin ich nicht nur selbst aktive Cheerleaderin, sondern auch Trainerin bei den Giants Cheerleader Berlin. Ich trainiere die Sechs- bis Zwölfjährigen und das macht mir großen Spaß. Ich liebe es, die Kinder auf ihrem Weg zu begleiten und das vorhandene Potenzial aus ihnen herauszukitzeln.

Nichts macht mich so glücklich, dabei zu zusehen, wie sich meine Zöglinge stetig verbessern und über sich hinauswachsen. Das alles mache ich wohlgemerkt ehrenamtlich und ohne Geld. Mein Hauptjob im Personalwesen gibt mir aber glücklicherweise genug Flexibilität, um weiterhin meinem Hobby nachzugehen. Früher, als ich noch in der Gastronomie gearbeitet habe, war ich zeitlich nicht immer ganz so flexibel. Aber Cheerleading steht bei mir nun mal an erster Stelle.

Leider merke ich aber immer wieder, dass mein Sport von vielen Vorurteilen begleitet wird. Wir sind doch nur die Vorband, bevor die richtige Show losgeht. „Ihr schwingt doch nur Puschel“, wird mir immer wieder gesagt. Dass das nicht stimmt, muss ich jedes Mal mühsam erklären. Cheerleading ist schließlich eine anerkannte Sportart. Wir sind also keine Antreiber mehr, sondern die Show an sich. Und die Puschel sind nur ein kleines Element in unseren Shows. Von drei Minuten Choreographie nehmen sie vielleicht 30 Sekunden ein.

Cheerleading ist nicht nur ein Sport für Frauen

Richtig schlimm ist es vermutlich für unsere Männer. Sobald sie sagen, dass sie Cheerleader sind, ziehen die anderen irritiert die Augenbrauen hoch. Das ist schließlich ein Sport für Frauen, heißt es dann. Dabei stimmt das gar nicht. 1898 spielten die beiden American-Football-Mannschaften der University of Minnesota gegen die Northern University aus Illinois gegeneinander. Die allererste Cheerleader-Mannschaft bestand ausschließlich aus Männern. Ironie des Schicksals: Cheerleaderinnen kamen erst in den 1920er Jahren auf. Und auch heute noch sind die männlichen Cheerleader enorm wichtig für uns. Wir brauchen sie zum Stützen und Auffangen. Unsere Jungs sind nunmal doch ein wenig kräftiger als unsere Mädels.

Abgehoben. Viktoria Pohl entdeckte vor zehn Jahren ihre Begeisterung fürs Cheerleading.
Abgehoben. Viktoria Pohl entdeckte vor zehn Jahren ihre Begeisterung fürs Cheerleading.Foto: promo

Cheerleading ist ein ganz schön fordernder Sport. Man kriegt regelmäßig etwas ab: blaue Flecken, Prellungen und Zerrungen sind bei uns praktisch Normalität. In den USA gilt Cheerleading sogar als die Sportart mit der größten Verletzungsgefahr. Jeder kann sich ja vielleicht vorstellen, was passiert, wenn man aus mehreren Metern Höhe durch die Luft wirbelt und dann nicht richtig aufkommt – sowohl für denjenigen, der oben ist, als auch für den, der unten steht. Deshalb ist die Gruppe auch so enorm wichtig. Man braucht Vertrauen zueinander, muss die Grenzen des anderen kennen und mit der richtigen Einstellung an die Sache herangehen.

Wer Cheerleader sein möchte, muss es auch wirklich wollen. Wir trainieren drei mal in der Woche, fahren zu Trainingslagern und haben auch noch viele Wettkämpfe. Gerade trainieren wir intensiv für die Landesmeisterschaften am 23. November. Natürlich freuen wir uns über jeden, der bei uns mitmachen will. Egal, ob groß oder klein, dünn oder dick: Jeder ist bei uns willkommen. Jeder findet seinen Platz. Zimperlich sollte man aber nicht sein. Jedem sollte klar sein, dass er Opfer bringen wird, vor allem körperliche. Wir sind schließlich ein Hochleistungssport – und kein Turnverein zum Anfeuern.

Bisher erschienen: Laufen von Jan Fitschen (26.6.), Bogenschießen von Lisa Unruh (2.7.), Turnen von Philipp Herder (12.7.), Wasserball von Melanie Friese (14.7.), Boxen von Robert Maess (18.7.), Rhythmische Sportgymnastik von Anni Qu (21.7.), Kugelstoßen von Niko Kappel (23.7.), Kickboxen von Marie Lang (28.7.), Rudern von Maximilian Planer (2.8.), Surfen von Valeska Schneider (12.8.), American Football von Zachary Cavanaugh (19.8.), Baseball von Tim Wägner (29.8), Synchronschwimmen von Amélie Ebert (8.9.).

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