• Silvio Heinevetter fährt nicht zur EM: Warum die Entscheidung gegen den Füchse-Torwart keine Überraschung ist

Silvio Heinevetter fährt nicht zur EM : Warum die Entscheidung gegen den Füchse-Torwart keine Überraschung ist

Bundestrainer Christian Prokop folgt bei seiner Nominierung für den EM-Kader dem Leistungsprinzip. Perspektive ist ihm wichtiger als Erfahrung. Ein Kommentar.

Silvio Heinevetter ist auch bei den Füchsen Berlin nicht mehr die Nummer eins.
Silvio Heinevetter ist auch bei den Füchsen Berlin nicht mehr die Nummer eins.Foto: dpa

Diese Personal-Entscheidung muss für gelegentliche Handball-Zuschauer wie eine große Überraschung klingen. Silvio Heinevetter, Torhüter der Füchse Berlin und seit knapp einem Jahrzehnt quasi im Nationalteam gesetzt, wird im Januar nicht mit zur Europameisterschaft fahren. Bundestrainer Christian Prokop vertraut auf der vielleicht einflussreichsten Position stattdessen dem Gespann Andreas Wolff und Johannes Bitter – und folgt damit dem Leistungsprinzip.

Heinevetter hat zuletzt ja kaum gespielt in der Bundesliga, im Moment ist er ohnehin leicht verletzt. Aber auch in den Monaten davor hat ihm Dejan Milosavljev, die neue Entdeckung im Berliner Tor, regelmäßig die Show gestohlen. Rückkehrer Johannes Bitter, Weltmeister von 2007, hält ebenfalls seit Monaten überragend.

Der Kader ist mehr als Stückwerk

Auf anderen Positionen ist Prokop vor seinem dritten und wohl wichtigsten großen Turnier – vom  EM-Abschneiden hängt die Olympia-Qualifikation ab – deutlich experimentierfreudiger. Aus jenem 17er-Kader, der im Januar bei der Weltmeisterschaft in Deutschland und Dänemark mitwirken durfte, sind elf Monate später nur noch zehn Spieler übrig geblieben im vorläufigen EM-Kader, den der Deutsche Handball-Bund (DHB) am Freitag bekanntgab.

Das liegt nicht zuletzt an der traditionell hohen Belastung und den daraus resultierenden Verletzungen wichtiger Protagonisten wie etwa Steffen Weinhold oder den Berlinern Fabian Wiede und Simon Ernst. Auf Rückraum-Mitte, der Spielmacherposition, kann Prokop im Grunde nichts so machen, wie er es gern machen würde.

Trotzdem ist der Kader mehr als zusammengewürfeltes Stückwerk, er ist sogar weit davon entfernt, als letztes Aufgebot durchzugehen. Prokops Handschrift lässt sich deutlich erkennen: Der 40-Jährige will seine Vorstellungen von erfolgreichem, attraktiven Handball umsetzen und treibt dabei auch den Generationswechsel voran. Erfahrene Spieler wie Patrick Groetzki, Finn Lemke oder eben Heinevetter – um nur drei Härtefälle zu nennen – werden im Januar in die Röhre schauen. Dafür nimmt Prokop perspektivisch interessante Spieler wie Johannes Golla, Timo Kastening oder Franz Semper mit ins Turnier.

Nach dem Einzug ins Halbfinale der Weltmeisterschaft im Januar agiert er mittlerweile aus einer Position der Stärke heraus. Obwohl es seinerzeit zur allgemeinen Enttäuschung nichts mit der erhofften Medaille geworden ist, hat der lange umstrittene und viel kritisierte Bundestrainer die Deutungshoheit über seine Arbeit zurückerlangt. Ein ähnlicher Shitstorm wie etwa nach der Nichtberücksichtigung Finn Lemkes vor der EM 2018 in Kroatien ist dieses Mal jedenfalls nicht zu befürchten – solange die Nationalmannschaft bei der EM in Österreich, Norwegen und Schweden ihr Minimalziel erreicht: das Qualifikationsturnier für die Olympischen Sommerspiele 2020 in Tokio.

Beim DHB haben sie diesbezüglich alle Vorkehrungen getroffen: Das Turnier findet vom 17. bis 19. April in der Berliner Max-Schmeling-Halle statt – unter der Voraussetzung, dass sich die deutschen Handballer dafür qualifizieren.

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