Sport : Spielen mit Seele

Fußballer können gute Nerven trainieren – der Psychologe des AC Mailand gewinnt Daten aus Gefühlen

Dagny Lüdemann

Berlin - Er sieht nicht gerade aus wie einer, der den schwarzen Gürtel sechsten Grades in Karate hat. Bruno Demichelis hat deutliches Übergewicht. Der Italiener, der in diesem Jahr 60 Jahre alt wird, teilt dieses Schicksal mit vielen ehemaligen Leistungssportlern, deren Körper tägliches Training gewöhnt war und nach der aktiven Karriere Fett ansetzte. Zwei Silbermedaillen von den Karate-Weltmeisterschaften, zwei Europameistertitel und etliche italienische Meisterschaften hat Demichelis gewonnen. Heute ist er Psychologie-Professor an der Universität Siena und seit 20 Jahren Mentaltrainer des italienischen Fußball-Erstligisten AC Mailand.

Demichelis leitet das Milan-Lab, das 2002 gegründete Forschungszentrum, das sich der AC Mailand leistet, um seine Fußballer mit wissenschaftlichen Methoden in Topform zu bringen. „Als ich angefangen habe, mich mit dem Zusammenspiel von Körper und Geist zu beschäftigen, war ,Psychosomatik‘ in Europa noch ein Fremdwort“, sagt Demichelis. Ganz anders in der asiatischen Kampfkunst. „Die fernöstliche Medizin und Kultur haben einen ganzheitlichen Ansatz“, sagt der ehemalige Karatekämpfer, der in Tokio Japanisch studierte, bevor er Psychologe wurde. „Geist und Körper werden dort als zwei Komponenten einer Einheit gesehen, die miteinander kommunizieren und im Gleichgewicht sein müssen.“ Von den Karate-Meistern lernte Demichelis, die Balance durch mentale Übungen zu erreichen. „Und ich war begeistert, was für einen positiven Effekt das auf meine Leistungen hatte.“

Seither hat Demichelis eine Vision. Er will Sportlern beibringen, wie sie ihre Nerven stärken, an Selbstbewusstsein gewinnen und ihren Charakter formen können. „Doch um das wirklich wissenschaftlich zu machen, braucht man Daten“, sagt er. Und die werden durch Biofeedback gewonnen (siehe Kasten). Beim AC Mailand gibt es den gläsernen Menschen bereits. Die Fußballer werden auf Schritt und Tritt vermessen – von innen und außen. Was sie essen, wann sie schlafen, was sie anziehen und wie warm sie duschen – der Psychologe nimmt einfach alles auf. Die Daten ermittelt Demichelis am liebsten dann, wenn es dem Sportler blendend geht. „In vielen Klubs werden die Spieler nur vom Arzt behandelt, wenn sie gerade ein Fitness-Problem haben oder schon verletzt sind“, sagt Demichelis. Er hält das für einen Fehler: „Wenn ich weiß, wie der Optimalzustand ist, kann ich bei einem Leistungstief sehen, was sich verändert hat. Und so wird die Ursache sichtbar.“

Allerdings hält Demichelis die Kopfarbeit nicht für das Wichtigste. „Es ist wie beim Auto“, sagt er. „Man kann nicht sagen, dass der teure Motor wichtiger ist als eine billige Zündkerze, denn wenn die fehlt, kann man nicht losfahren.“ Und genauso ist es im Sport. „Es ist doch egal, ob einer nicht spielen kann, weil er sich den Zeh gebrochen hat, dehydriert ist oder gerade an Liebeskummer leidet – für Höchstleistung muss alles stimmen.“

Dass diese Methode Wirkung zeitigt, konnte Demichelis am Milan-Lab schon belegen. „Wir haben das Verletzungsrisiko um 90 Prozent reduziert“, sagt er. Anhand der gespeicherten Daten haben er und seine Kollegen eine Art Warnsystem entwickelt. Wenn ein Spieler mehr als 30 Prozent unter seinem Optimum ist, ist er im roten Bereich und wird vom Trainer nicht aufgestellt. „Früher konnte man Leistungstiefs immer erst erkennen, wenn es zu spät war“, sagt Demichelis.

Aber die Forscher wissen noch lange nicht alles über Körper und Seele. Die Sportpsychologie ist eine recht neue Disziplin. „Früher hat man sich im Training fast nur auf das Üben der Technik konzentriert“, sagt er. Deshalb seien die Profispieler in puncto mentaler Fitness zum Teil noch absolute Anfänger. Das will Demichelis nachfolgenden Generationen ersparen. Sie sollen nicht mehr zitternd zum Elfmeter schreiten. „Am besten fängt man schon im Kindesalter an“, sagt er. In der vergangenen Woche besuchte Demichelis die Kinder vom FC Internationale in Schöneberg . „Ich habe ihnen gezeigt, wie man emotionale Anspannung messen und überwinden kann.“ Demichelis ließ einen Achtjährigen allein vor der Gruppe sprechen und maß sein Stresslevel – und das war zunächst hoch. Dann wurden die Situation geübt und am Ende noch einmal gemessen. Nun waren die körperlichen Reaktionen gering – und das Stresslevel niedrig. „Der Junge war begeistert über dieses Erfolgserlebnis“, sagt Demichelis.

In Mailand übt der Leiter des Milan- Labs mit Andrea Pirlo oder Paolo Maldini zum Beispiel Elfmeterschießen. Er misst das Stresslevel vorher und nachher. „Wichtig ist, dass der Schütze sich nach der Anspannung schnell wieder erholt, der Puls sich normalisiert und der Adrenalinspiegel wieder auf einen normalen Wert sinkt“, sagt der Psychologe. Wenn das gelingt, ist der Stress unschädlich. Gefährlich und leistungshemmend wird Stress erst, wenn der Sportler nicht richtig relaxen kann, sich die Anspannung aufschaukelt und außer Kontrolle gerät. Auch das, meint Demichelis, kann man rechtzeitig erkennen und verhindern. Für fast alle Belange hat Demichelis ein passendes Trainingsprogramm parat. Ist ein Spieler frustriert, kann eine einfache Verwaltungsübung helfen: „Wenn ich jemanden, der auf der Bank sitzen muss, zum Beispiel mit der Aufgabe betraue, den Mitspielern Wasser zu bringen, fühlt er sich gebraucht und zugehörig. Sein Frust wird gelindert.“ Demichelis ist es wichtig, dass seine Arbeit als etwas Positives gesehen wird: „Ich arbeite zu 90 Prozent mit fitten, gesunden Sportlern, die ihre Leistung verbessern wollen. Mit psychischen Krankheiten hat das nichts zu tun.“

Dabei hätten die italienischen Profis derzeit allen Grund, ein Burnout-Syndrom oder Angstzustände zu entwickeln – denn ihre Zukunft ist unsicher, die Vergangenheit schwer zu verarbeiten. Nachdem in der Saison 2005/06 ein Korruptionsskandal die Liga erschüttert hatte, an dem auch Funktionäre des AC Mailand beteiligt waren, starb vor knapp einem Monat in Catania ein Polizist nach Ausschreitungen in einem Fußballstadion. Daraufhin mussten einige Partien der Serien A und B aus Sicherheitsgründen vor leeren Rängen stattfinden. Auch in Mailand. Bei den Spielern hat die turbulente Zeit Spuren hinterlassen. Ein unüberwindbares Trauma?

„Nein“, sagt Bruno Demichelis. Er glaubt, dass die Spieler nach einer derartigen Dauerbelastung gestärkt aus der Krise gehen werden. „In dieser Extremsituation an psychischer Belastung habe ich ja alle Daten der Spieler aufgenommen und gespeichert“, sagt er und reibt sich die Hände. „Mit diesen Daten wird der AC Mailand mindestens die nächsten 15 Jahre unschlagbar sein.“

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