Vierschanzentournee in Bischofshofen : Karl Geiger schaltet in den Kampfmodus

Bei der Vierschanzentournee kommt es beim letzten Springen in Bischofshofen zu einem Vierkampf. Karl Geiger ist plötzlich nur noch Außenseiter.

Erik Otto
Kämpfer. Karl Geiger gibt sich bei der Tournee noch nicht geschlagen.
Kämpfer. Karl Geiger gibt sich bei der Tournee noch nicht geschlagen.Foto: Imago/Eibner

Karl Geiger ist eigentlich jederzeit ein besonnener und höflicher Mensch. Nach seinem misslungenen ersten Sprung bei schlechten Wind-Bedingungen in Innsbruck rastete der Oberstdorfer jedoch regelrecht aus und schrie seinen Frust heraus. „Ich war auf 180“, berichtete Geiger selbst danach.

Und Geiger zeigte mit dem zweitbesten Flug des Final-Durchgangs eine „echte Reaktion“ (Bundestrainer Stefan Horngacher). Genau in diesem Kampfmodus kam er noch am Abend in der Region des Finalorts Bischofshofen an, wo am Montag die Entscheidung über den Gesamtsieger der 68. Vierschanzentournee fällt.

Geiger und Kobayashi verspielen gute Ausgangsposition

„Meine Form stimmt noch. Ich greife in Bischofshofen voll an. Ich habe ja nichts mehr zu verlieren, sondern kann nur noch gewinnen“, sagt Geiger. Aus dem Duell zwischen ihm und dem japanischen Titelverteidiger Ryoyu Kobayashi ist nach drei Konkurrenzen ein Vierkampf um den Goldenen Adler und die 20.000 Schweizer Franken Preisgeld geworden.

In den die einstigen Favoriten Geiger (817,4 Punkte) und Kobayashi (817,0) nach dem turbulenten Windspringen am Bergisel plötzlich als Außenseiter gehen. Der in Innsbruck zweitplatzierte Pole Dawid Kubacki (830,7) führt das Ranking vor dem norwegischen Newcomer Marius Lindvik (821,6) an, der nach dem Triumph beim Neujahrsspringen auch bei der ersten Tournee-Station in Österreich siegte.

„Es ist noch nicht vorbei, das hätte in Innsbruck auch wesentlich schlimmer ausgehen können. Karl hat immer noch alle Chancen. Er muss sich in Bischofshofen wieder auf seine Technik konzentrieren, Und zwei Topsprünge machen und nicht nur einen. Die Schanze sollte ihm besser liegen“, blickte Stefan Horngacher voraus. Der österreichische Coach weiß, dass in Bischofshofen schon die verrücktesten Geschichten geschrieben wurden. 13,3 Punkte Rückstand hat Geiger auf Kubacki – das sind knapp 7,40 Meter. Auf der größten Tourneeschanze ist das in zwei Flügen durchaus aufholbar.

Favorit. Der Pole Dawid Kubacki geht mit sattem Vorsprung ins letzte Tourneespringen.
Favorit. Der Pole Dawid Kubacki geht mit sattem Vorsprung ins letzte Tourneespringen.Foto: Georg Hochmuth/AFP

Vor allem dann, wenn die Konkurrenten das große Nervenflattern bekommen. Der knapp hinter Geiger liegende Kobayashi (14. von Innsbruck) scheint seine Topform verloren zu haben. Und die vor dem Deutschen platzierten Dawid Kubacki und Marius Lindvik waren noch nie in einer Situation mit einem vergleichbaren Erfolgsdruck.

Dawid Kubacki wirkte dann auch angefressen, als er immer wieder auf seine neue Favoritenrolle angesprochen wurde: „Ich weiß! Ich muss auf mich achten. Der Druck kommt vor allem von den Medien.“ Er stand in Polen bisher immer im Schatten des zweimaligen Tourneesiegers Kamil Stoch. Und hat bis auf seinen unter außergewöhnlichen Wetterbedingungen zustande gekommenen WM-Titel von 2019 noch nie einen großen Einzeltitel geholt.

Bundestrainer Horngacher stichelt gegen Kubacki

Bis zum vergangenen Winter war Horngacher Chefcoach in Polen. Jetzt stichelt der Bundestrainer, dass sein einstiger Schützling Dawid Kubacki als einziger der vier Topfavoriten bislang sechs Topsprünge in den drei Tournee-Wettkämpfen gezeigt habe: „Eigentlich wäre er mal mit einem Fehler dran.“ Der könnte auch dem 21 Jahre jungen Marius Lindvik („Ich bin eher schüchtern“) drohen. Der Junioren-Weltmeister von 2018 berichtete, dass er noch nie auf der Finalschanze von Bischofshofen gesprungen ist: „Mal sehen, was mich erwartet.“

Von seinem Teamkollegen Daniel Andre Tande (3. von Innsbruck) bekam der Youngster jedenfalls einen ganz besonderen Tipp mit: „Checke deine Bindung, das ist das Wichtigste.“ Tande war vor drei Jahren als Tournee-Spitzenreiter nach Bischofshofen gereist, büßte dann aber wegen einer nicht richtig geschlossenen Skibindung alle Chancen ein.

Das ist eine dieser verrückten Geschichten, die in Bischofshofen geschrieben wurden. Vielleicht gelingt Karl Geiger mit dem ersten deutschen Tournee-Gesamtsieg seit Sven Hannawalds Triumph vor 18 Jahren ja eine ähnliche Story. Hannawald sieht noch eine Chance dafür: „Karl muss voll attackieren, dann ist noch alles möglich.“ Nur mit Höflichkeit und Besonnenheit wird man nämlich nicht zum großen Sieger.

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