Sport : Weltmeister in der Krise

DFB-Frauen spielen in Portugal um Platz sieben

Kathrin Steinbichler

Vila Real de San Antonio – Anja Mittag ist bekannt dafür, in der Öffentlichkeit so kurz angebunden zu sein wie vor dem Tor: Einmal kurz aufgeblickt, ein Statement abgefeuert, und schon wartet die Fußball-Nationalstürmerin von Turbine Potsdam auf den nächsten verbalen oder spielerischen Pass. Beim 3:0 (2:0)-Sieg der Weltmeisterinnen gegen Dänemark im letzten Gruppenspiel des AlgarveCups schaffte die 21-Jährige es, sowohl auf dem Spielfeld als auch in der Analyse die Dinge auf den Punkt zu bringen. Erst sorgte sie mit zwei Kopfballtoren dafür, dass ihr Team zur verlorenen Sicherheit zurückfand. Dann machte sie deutlich, dass die DFB-Auswahl den Ernst der Lage ein halbes Jahr vor der WM in China erkannt hat: „Wir haben viel geredet und haben heute ganz gute Ansätze gezeigt. Es war klar: Heute musste ein Sieg drin sein. Es wäre gar nicht auszudenken, was sonst passiert wäre.“

Was sonst passiert wäre, muss Bundestrainerin Silvia Neid in den Tagen zuvor durch den Kopf gegangen sein. Neid, sonst selbstbewusst und souverän, reagierte nach den enttäuschenden Niederlagen gegen Norwegen und Frankreich erst ehrlich ratlos und schließlich gereizt auf Diskussionen über wenig überzeugende Aufstellungen oder das Festhalten an der einen oder anderen Stammspielerin wie etwa Regisseurin Renate Lingor oder Flügelspielerin Kerstin Garefrekes, die ihre Klasse nicht mehr oft zeigen. Kritik war der Weltmeister von 2003 eben lange nicht gewohnt. Noch ist sie ja auch nicht so drastisch wie derzeit etwa bei den Chinesinnen, deren Interimstrainer Wang Haiming nach der dritten Niederlage in Portugal von einer Abordnung des Staatsfernsehens mit dem Mikrofon vorgeführt und gegeißelt wurde wie in einer modernen Inquisition. Wangs Ablösung gilt als Frage der Zeit. Neid muss sich keine Gedanken über ihren Posten machen, doch ihr wird der große Druck bewusst.

„Die Mängel, die wir haben, sind bekannt“, sagt Neid zur fehlenden Präzision und Durchschlagskraft des Teams, das bis zum Montag fünf Spiele lang ohne Sieg war. Neid war anzumerken, wie enttäuscht sie gerade von den Spielerinnen war, die schon länger dabei sind. Während Neid aber weiterhin auf Renate Lingor vertrauen muss, die auf Weltniveau trotz Formschwäche eine der wenigen Spielgestalterinnen in der Mannschaft ist, verzichtete sie gegen Dänemark auf die 29-jährige Sandra Smisek. Anja Mittag machte Smisek vergessen.

Die USA spielen im Finale gegen Dänemark, Vorjahressieger Deutschland dagegen muss heute um Platz sieben gegen das zweitklassige Italien ran. Im Stadion von Olhao wurde erst gar kein Fernsehplatz eingerichtet, das Spiel wird nicht übertragen. So wird kaum jemand sehen können, was passiert, wenn eine Weltmeister-Mannschaft auf Wiedergutmachung aus ist.

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