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Zwischenruf aus dem Gästeblock : Dirk, dein Herzilein ist weinrot!
Andreas Gläser

Bitte, verzeiht! Aber es passt einfach nicht, wenn die Unioner vom gestern bis ins heute alles Weinrote ausblenden wollen. Viele Episoden gehen ja noch als Fußballfaxen durch, aber wenn, wie im Januar 2010, einige Dutzend Randalierer von Union erst vor der Dynamo-Halle das familiäre Fan-Volk verschiedener Vereine attackieren, und danach weiter ins Olympiastadion ziehen, kann es nicht sein, dass der Ex-Unterfeldwebel sich bei Hertha entschuldigt, nicht aber beim BFC.

Dieses Verhalten scheint in Köpenick zur Politik zu gehören. Einmal wird vor dem Derby an der Alten Försterei die Aufstellung des BFC nicht durchgesagt, ein anderes mal wird Dynamo zwecks der dreitausend Gästekarten um Vorkasse gebeten. Zum nächsten Oberligaspiel bei Union II wird man wohl fordern, dass wir Hausschuhe mitbringen, um ihr zubetoniertes Areal betreten zu dürfen. Bei Union geht die Phobie vor dem Stasi-Weinrot so weit, dass man vorsichtshalber die eigenen internationalen Gäste entfärbt.

Zum besseren Verständnis: Ich besuchte vor Jahren das schottische Edinburgh, mir gefiel sofort der Kiez der Hearts Of Midlothian, mitsamt dem weitestgehend in weinrot gehaltenen Stadion, der ähnlich eingefärbten benachbarten Brauerei, und den vielen entsprechend gestrichenen Haustüren. Deshalb zog es mich vor Wochen auch zum Testspiel der Unioner gegen die Hearts. Es war unterhaltsam. Die Sonne lachte, der Wald knisterte und von einer Werbebande zur anderen schallte "Wer lässt sich nicht vom Westen kaufen..." Zu meiner Überraschung wurden im Programmheft die Gäste als die roten Fußballer aus dem eher grauen Viertel vorgestellt. Schade, dass die Hearts nur ihre blaue Auswärtskollektion trugen.

Jedenfalls fühle ich mich beim BFC Dynamo wohl. Die Zeiten scheinen überwunden, in denen sich unter unseren 3.000 Zahlenden zwei Drittel vereinsferne Krawallbrüder tummelten. Im letzten Berlin-Pokalfinale gegen Stern Steglitz befanden sich unter den 5.200 Zuschauern etwa 4.500 BFC-Anhänger, vor allem auch viele vorübergehend Verschollene. Inzwischen schauen auch Freunde von Hertha oder Pauli vorbei, ohne dass ich sie extra von Zuhause abholen muss. Am 30. Juli wird es im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark im Rahmen der ersten DFB-Pokalrunde gegen den 1. FC Kaiserslautern ein Fest geben, unabhängig vom sportlichen Ausgang. Und zu Weihnachten erscheint das Buch "Union unterm roten Stern".

Andreas Gläser, 1965 in Berlin-Prenzlauer Berg geboren, hat unter anderem das Buch "Der BFC war schuld am Mauerbau. Ein stolzer Sohn des Proletariats erzählt" geschrieben.

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