1968 im Tagesspiegel : Jean-Claude Killy gewinnt bei den Olympischen Spielen seine zweite Goldmedaille

Jetzt möchte er Toni Sailer nacheifern, der bei den Spielen in Cortina d’Ampezzo dreimal gewonnen hat.

Jean-Claude Killy am 12. Februar 1968 beim zweiten Durchgang des Riesenslaloms. Die Abfahrt hatte er bereits gewonnen, wenige Tage später komplettierte er mit dem Sieg im Slalom seine Goldmedaillensammlung. Nicht zuletzt wegen des Triumphes bei den Olympischen Spielen in Grenoble wurde er später, 1999, zu Frankreichs Sportler des Jahrhunderts gewählt.
Jean-Claude Killy am 12. Februar 1968 beim zweiten Durchgang des Riesenslaloms. Die Abfahrt hatte er bereits gewonnen, wenige Tage...Foto: AFP

Wie hat der Tagesspiegel das Jahr 1968 begleitet? Wir publizieren regelmäßig einen ausgewählten Text aus der Zeitung von vor 50 Jahren – zur Studentenbewegung, sowie zu anderen Themen, die die Stadt und die Welt bewegt haben. Frankreichs "Ski-König" Jean-Claude Killy triumphiert im Riesenslalom. Der Olympia-Sonderdienst des Tagesspiegels berichtete am Tag danach.

"Jetzt möchte ich natürlich noch den Spezialslalom gewinnen. Dann habe ich mit Toni Salier nicht nur gleichgezogen, sondern noch mehr erreicht als der Österreicher. Denn ich mußte zwei Riesentorläufe fahren, um Olympiasieger zu werden, Toni seinerzeit nur einen." Das sagte Frankreichs "Ski-König" Jean-Claude Killy nach seinem beinahe schon selbstverständlichen zweiten Triumph in Grenoble. Der Abfahrtssieger hatte sich schon nach dem ersten Riesenslalom in Chamrousse an die Spitze gesetzt, und wenn er gestern bei der Jagd über die vom Nebel verschleierte Piste auch von dem Amerikaner Billy Kidd im zweiten Riesenslalom um eine Kleinigkeit übertroffen wurde, so sicherte er sich doch mit der überragenden Gesamtzeit von 3:29,28 Minuten seine zweite Goldmedaille.

 Dieser Killy ist in der Tat ein zweiter Toni Sailer: Superklasse unter Sonderklasse, ein Star, der die Konkurrenten zu Starlets degradierte, und. wie man nun weiß, auch ein großer Bluffer. In den vorolympischen Rennen fuhr Killy mit "angezogener Fußbremse". Man wußte nicht so recht, ob man dem Weltpokalsieger des Vorjahres glauben sollte, als er vor den Spielen abwinkend sagte: "Das alles ist doch unwichtig. Die Rennen vor Grenoble sind für mich nichts als ein Training unter verschärften Bedingungen. Wie ich dabei abschneide, ist völlig uninteressant. Und dann kam die "Stunde X". Genau im richtigen Augenblick erlebte Frankreich den Killy, der das Land nicht im Stich ließ. Der Mann, den man den "Souverän der Hundertstelsekunden" nennt, hatte die Hundertstelsekunden im Riesenslalom gar nicht nötig. Dazu war sein Vorsprung zu groß. Wie sagte doch Guy Perillat, Killys Landsmann, nach seinem zweiten Platz in der Abfahrt: "Mit Killy Zweiter zu werden, ist mehr, als ohne Killy zu gewinnen."

Protest gegen Favre abgelehnt

 Diese Worte wiederholte der Schweizer Willy Favre, nachdem er eine Stunde zwischen Bangen und Hoffen auf den Spruch der Jury nach einem Protest gewartet hatte. Es hieß, Favre habe einen Torfehler im zweiten Riesenslalom gemacht, müsse disqualifiziert werden und verliere die schon sicher geglaubte Silbermedaille. Doch dieser Kelch ging an dem Schweizer vorüber. Er war in der Tat ein einwandfreies und ein schnelles Rennen gefahren und hatte mit Erfolg den zweiten Rang aus dem ersten Lauf verteidigt. Auf Killy angesprochen, meinte Favre: „Er würde uns noch schlagen, wenn er in einem Kartoffelfeld laufen müßte." 

Killy: "Kein 100 000-Dollar-Angebot"

 Killy dementierte später, daß er ein 100.000-Dollar-Angebot einer Skischule in Kalifornien erhalten habe. „Nein", sagte er mit aller Entschiedenheit, „ich fahre zwar nach Kalifornien, um dort Anfang April in Heavenly Valley das Weltpokalrennen zu bestreiten, nicht aber um zu arbeiten. Nach diesem Rennen werde ich entscheiden, was ich in Zukunft tun werde. Sollte ich mit dem Wettkampfsport aufhören, werde ich ganz sicher kein Filmschauspieler werden. Ich bin Sportler, und den Filmzirkus mag ich nicht. Ich bin gerne zu Hause. Was den Automobilrennsport betrifft, werde ich nur zu meinem eigenen Vergnügen fahren." Gefragt, ob er nervös sein werde, wenn Staatspräsident de Gaulle am Sonnabend unter den Zuschauern des Spezialslaloms sitzen werde, zuckte Killy mit den Schultern. "Nein", sagte er selbstsicher, und fügte dann nach einer kleinen Pause hinzu: "Aber vielleicht wird er nervös werden."

Messner riskierte alles

 Die österreichische Ehre rettete Heini Messner. "Wenn meine Kollegin Olga Pall in der Abfahrt die Goldmedaille gewinnen kann, mußte ich einfach auch in die Medaillenposition kommen", sägte der Tankwart aus Gries, sprach's und fuhr vom fünften Rang nach dem ersten Lauf noch auf den dritten Platz. „Ich habe alles riskiert und bin heilfroh, daß ich endlich einmal von dem undankbaren vierten Platz weggekommen bin", meinte er. Ein Mann aber hätte unter normalen Bedingungen vielleicht sogar Killy gefährden können: Billy Kidd. Der Amerikaner, Silbermedaillen-Gewinner 1964 im Slalom, war beim Abfahrtstraining schwer gestürzt und hatte sich den Knöchel derart verletzt, daß seine Olympiateilnahme bis zum letzten Augenblick in Frage gestellt war. Im ersten Riesenslalom reichte es für ihn nur zum achten Platz, aber gestern stellte er sich auf der 1780 m langen Piste mit 400 Metern Höhenunterschied, auf der der deutsche Sportwart Fritz Wagnerberger die 57 Tore erheblich schwieriger aufgesteckt hatte als 24 Stunden zuvor Frankreichs Herrentrainer Rene Sulpice, in Spitzenform vor. Mit 1:46,46 Minuten fuhr er Tagesbestzeit und war damit um acht Hundertstelsekunden schneller als Killy, dem das freilich nichts ausmachte.

Das Husarenstück von Billy Kidd

Die deutschen Fahrer konnten nicht überzeugen. Gerhard Prinzing mußte im ersten Lauf disqualifiziert werden und fuhr auch am zweiten Tag bei weitem nicht so gut wie in der Abfahrt, wo er doch mit dem siebenten Platz eine erfreuliche Leistung vollbracht hatte. Bester Mann im DSV-Team war Willy Lesch auf dem 22. Rang. Gleich dahinter folgten Ludwig Leitner und Sepp Hidtlmiller, was einen sachverständigen Beobachter zu der Bemerkung veranlaßte: "Schlecht warn's, aber wenigstens gleichmäßig." Oder anders ausgedrückt: gleich mäßig. '

Ergebnis im Riesenslalom, Herren

1. Jean-Claude Killy (Frankreich) 3:29,28 (1:42,74/1:46,54), 2. Willy Favre (Schweiz) 3:31,50 (1:43,94/1:47,56), 3. Heini Messner (Österreich) 3:31,38 (1:45,16/1:46,67), 4. Guy Perillat (Frankreich) 3:32,06 (1:44,78/1:47,28), 5. Billy Kidd (USA) 3:32,37 (1:45,91/1:46,46), 6. Karl Schranz (Österreich) 3:33,08 (1:45,28/1:47,80), 7. Dumeng Giovanoli (Schweiz) 3:33,55, 8. Gerhard Nenning (Österreich) 3:33,61, 9. Georges Mauduit (Schweiz) 3:33,78, 10. Jim Heuga (USA) 3:33,89, 12. Edmund Bruggmann (Schweiz) 3:34,91, 22. Willi Lesch 3:38,83 (1:47,48/1:51,35), 23. Ludwig Leitner 3:38,85 (1:47,64/1:51,21), 24. Sepp Hecklmiller (alle Bundesrepublik), 3:40,42 (1:48,98/(1:51,44), 41. Eberhard Riedel (Zone) 3:46,67 (1:55,59/1:51,08).

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